Sonntag, 7. September 2008

Ausflug in die Markthalle

Lazy Sunday
Am heutigen Sonntag brauchte ich mal ein bisschen Zeit zum entspannen. Das erste Mal nach Überwindung des Jetlags habe ich lange ausgeschlafen. Dann habe ich mir eine Predigt aus dem Internet angehört. Ich finde, dass das Internet ein Segen ist. Ohne könnte ich kein Blog schreiben. Ein konventionelles Tagebuch ginge zu schreiben zwar auch, aber das Lesen eben nicht direkt, unmittelbar am Ereignis. Das Blog ist aber nur interessant, wenn es zuverlässig täglich erscheint – und das ist für mich dann doch eine kleine Rache des Internet. Heute empfinde ich das zum Beispiel so, denn ich muss den gestrigen Tag nachtragen, weil ich mir gestern Abend endlich Zeit zum Lesen gegönnt habe.

In der Gemeinschaft und Familie geborgen
Ich bin gefragt worden, wie es mit Gewalt und Kriminalität in Shanghai aussieht. Das kann ich nicht wirklich mit Insiderkenntnis beurteilen. Um das von offizieller Seite zu erfahren oder auch von ganz normalen Menschen, fehlt mir die Sprachfähigkeit. Ich gehe mal davon aus, dass die offiziellen Stellen hier auch nicht an Veröffentlichung interessiert sind und die Menschen nicht sonderlich an der Information darüber. Es ist typisch chinesisch, nicht aufzufallen und sich nicht mit einer vom Kollektiv abweichenden Meinung zu versehen. Das ist keine erst vom Kommunismus aufgezwungene oder neuerdings angelernte Haltung und auch keine widerwillig ausgeführte, die sich bei Wegfall eines äußeren Druckes ins Gegenteil verkehren würde. Schon immer galt in China die Gemeinschaft vor dem Individuum. Und weil die Chinesen schon immer eng aufeinander wohnen mussten, unterstanden sie auch schon immer einer Kontrolle durch die Umgebung. Die Shanghaier sagten mir, Gewalt sei vielleicht in Peking ein Problem. Diebstahl gäbe es natürlich auch im Shanghai, vor allem im Gedränge, wenn dem Dieb sich eine Gelegenheit geschaffen würde, aber Gewalt sei kein Problem. Subjektiv empfinde ich das auch so. Nachts im Dunklen bewege ich mich unbesorgt durch die Straßen und ich achte auf geschlossene Taschen. Es sind immer irgendwelche Menschen in der Nähe. Vielleicht deswegen spielt vor allem die Familie in der Gesellschaft die maßgebliche Rolle. Familienzugehörigkeit und –pflege sind ganz wichtig und dafür hat auch jeder Verständnis. Dabei ist nicht nur die neue Ein-Kind-Familie gemeint, sondern die ganze Verwandtschaft. Das drückt sich auch in der Sprache aus. Es gibt in China nicht wie im Deutschen einfach nur Brüder und Schwestern, Großväter und Großmütter, Onkel und Tanten, sondern nach Alter und Abstammung jüngere und ältere Verwandte mütterlicher- und väterlicherseits. Da man sich mit diesen Bezeichnungen auch anspricht, kann ein Außenstehender durch bloßes Zuhören herausfinden, in welcher Beziehung die Mitglieder einer versammelten Großfamilie zueinander stehen. Ein jüngerer Bruder ist der Di Di, ein älterer der Ge Ge. Eine jüngere Schwester ist die Mei Mei, eine ältere die Jie Jie. Gibt es mehrere Schwestern und Brüder, wird durchnummeriert. Dann ist die zweitjüngere Schwester die die Er Mei und der drittälteste Bruder der San Ge. Ein Onkel mütterlicherseits heißt Xiao Jiu, wenn er jünger ist als die Mutter, ist er älter, heißt er Da Jiu; stammt er aus der Vätelichen Linie und ist jünger als der Vater, heißt er Xiao Shu, ist er älter, wird er Da Bo genannt. Da eine Frau mit der Heirat ihre eigene Familie verlässt und fortan der des Mannes angehört, obwohl sie auch weiterhin ihren Mädchennamen trägt, gelten ihre Angehörigen als die „von außen Kommenden“. Die Kinder nennen deshalb die Großeltern mütterlicherseits Wai Gong, „äußerer Opa“ und Wai Po, „äußere Oma“, während es väterlicherseits Ye Ye und Nai Nai heißen muss. Das hört sich sehr kompliziert an, klappt aber offensichtlich seit Jahrtausenden. Ich bin sicher, dass die Chinesen eine pragmatische Lösung finden werden, wenn auch sie die bei uns schon weit verbreitete Patchworkfamilienstruktur als Fortschritt aus dem Westen übernehmen werden. McDonalds (麦当劳 màidāngláo Weizen-sogleich-arbeiten), Nivea (妮维雅 nīwéiyǎ Mädchen-bewahren-elegant), Volkswagen (大众汽车 dàzhòngqìchē groß-Menge-Dampf-Wagen) und „Wetten, dass?“ ("想挑战吗?“ xiang tiao zhan ma? denken-auswählen-kämpfen-[FP]?) am Samstagabend sind schon lange da.



Hauptverkehrsmittel Fahrrad
Am Nachmittag musste ich unbedingt mal aus dem Haus raus, fuhr zuerst bei der nächsten Fahrradreparaturbude vorbei und leistete mir einen neuen Sattel, denn der Luftdruck in den Reifen und die Federung im ohnehin schon kaputten alten Sattel waren auf leichtgewichtige Chinesen und nicht auf mich eingestellt. Ich wollte meinem Hintern eine angenehme Weichheit während meines Aufenthaltes in Shanghai gönnen. Zum Glück habe ich ein 28“-Rad; viele Räder, die hier gängig sind, haben nur 24“ oder gar nur 20“. Einige ältere fahren noch mit Nummernschildern herum, weil vor Jahren, wie in der Schweiz, eine offizielle Registrierung nötig war. Das ist vorbei.






Markthalle
Auf dem Weg zur Longhua-Pagode kam ich zufällig an einer Markthalle vorüber, wo ich mir das Angebot anschaute.
Das Gemüse ist üppig, und es werden Sorten angeboten, die es in Deutschland nicht gibt. Vor allem viele Arten von Pilzen gehören zur Chinesischen Küche. Es gab Fleisch (Motorgetriebene Wedel verscheuchten die Fliegen automatisch) und Fisch, ganz viel Meeresgetier und Pflanzen aus dem Meer sowie alle möglichen Getreideprodukte. Obwohl ich von chinesischen Studenten in Deutschland gehört hatte, dass sie es unappetitlich fanden, dass in Deutschland der Frischfisch tot verkauft und nicht vor dem Kunden geschlachtet würde, habe ich solche Zustände in dieser Markthalle und anderswo auch gesehen. Wer im Süden Europas schon die Märkte angeschaut hat, wird das meiste, was hier angeboten wird, kennen. Als besondere Leckereien gelten hier im englischen so bezeichnete „Drumsticks“ und die wörtlich übersetzt so genannten „Feldhühnchen“. Das auf der Spiesekarte zu lesen, lässt den Appetit doch anschwellen. Bei ersterem handelt es sich um Hühnerbeine, die kross gebraten werden; und letzte sind Ochsenfrösche, die man im Ganzen gart werden. Hunde gab es nur an der Leine, und sie schienen mir für die sie ausführenden Frauen eher ein Kind-Ersatz zu sein als ein Leckerbissen für die Bratpfanne.



Ich bin noch bis zur Longhua-Pagode, noch jenseits des neuen Shanghaier Olympia-Fußballstadions geradelt und habe dort viel für mich nicht einordenbares gesehen und alles intensivst fotografiert. Bevor ich darüber berichten kann, muss ich mich über diese Rätsel erst mal schau machen. Sonst lassen sich die Chinesen begeistert fotografieren; dort erlebte ich erstmals helle Entrüstung, als ich die Handlinienleser und Orakeldeuter bei der Arbeit ablichten wollte.

Erkenntnis des Tages: Noch immer begegnen mir bei stinknormalen Alltagsbegebenheiten unentdeckte Welten.

Samstag, 6. September 2008

Hafenrundfahrt

Vorausschauende Planung
Der heutige Samstagsausflug war sorgfältig vorbereitet worden. Mein Elektrotechnik-Professorenkollege hatte aus seiner Vorlesung heraus einen Studenten gewinnen können, der uns vier deutsche Professoren vom Bund aus auf einer Bootsfahrt auf dem Huangpu begleiten und als Dolmetscher und Reiseführer in Shanghai zur Verfügung stehen wollte. Wir trafen uns um 9. 30 Uhr in der Hotelhalle, und der Student wusste, dass man mit dem Bus bis zum Bund fahren konnte und auch mit welcher Linie. Wir hätten an diesem leicht regnerischen Tag uns ohne ihn statt für das Fahrrad für die U-Bahn als Verkehrsmittel entschieden, aber um dorthin zu gelangen, muss man erst lange zur Haltestelle Huangpi Nan Lu laufen, eine Station weit fahren, dann unterirdisch weitläufig am Rénmín Guǎngchǎng umsteigen und von der nächsten Haltestelle Henan Zhong Lu aus wieder ein ganzes Stück laufen. Mit dem Bus Linie 24 ging es ohne Umsteigen bis an das Ufer des Huangpu – leider war die Haltestelle aber auch genauso elend weit zu Fuß vom Bund entfernt. Und am Bund angekommen, stellte sich heraus, dass unser Schiff, das die lange Flusskreuzfahrt bis zur Mündung in den Yangtse fährt, erst um 14.00 Uhr ablegen würde.


Ein langer Anlauf
Wir stromerten also den Bund entlang (wie schon angekündigt, folgt ein Bericht darüber später), schauten zum Sondermarken und Ersttagsbriefe kaufen bei der Hauptpost vorbei, wo wir uns über das Verschicken von Paketen nach Deutschland erkundigten (1 kg: 140 Yuan; 10 kg: 315 Yuan, jeweils zuzüglich 8 Yuan für die Zollkontrolle beim Einpacken, das vor Ort im Hauptpostamt erfolgt). Aber so hatte ich Gelegenheit, mich auch mal mit dem jungen Mann zu unterhalten, eine Ausfragerei, die er genauso von meinen drei Kollegen aushalten musste. Es kam heraus, dass er aus der Provinz Kanton ganz weit im Süden stammt und nach Shanghai zum Studium gekommen ist, weil er hier bessere Chancen für einen internationalen Einsatz sieht.

Noch ein weiter Weg zur Einheit
Nun liegt ja die sehr internationale Stadt Hong Kong vor der Haustür der Provinz Kanton; wäre es nicht geschickter für ihn, dort zu studieren? Für Chinesen aus der Volksrepublik, die nicht aus der Sonderwirtschaftszone Hong Kong stammen (seit 1997 „Ein Land – zwei Systeme“: Ein-Parteien-Regierung in Peking; gewähltes Parlament in Hong Kong; jedoch mit von der Pekinger Zentralregierung eingesetztem Gouverneur an der Regierungsspitze), ist eine Einreise nicht möglich und auch ich bräuchte ein neues Visum, sollte ich dorthin reisen wollen.
Chinesisch, gemeint sind die sinitischen Sprachen, wird von 1,2 Milliarden Menschen gesprochen und ist Staatssprache(n) in der Volksrepublik China (einschließlich Hong Kong), der Republik China (Taiwan) und Singapur, wird aber auch von der chinesischen Bevölkerung in Malaysia und Indonesien sowie von kleineren Immigrantenkolonien (zum Beispiel in den USA) gesprochen. In der VR China gibt es acht verschieden Sprachen, die soweit voneinander entfernt sind, wie vergleichsweise Englisch von Französisch, dass heißt Menschen dieser Sprachgruppen können sich verbal nicht verständigen. In Shanghai und dem Yangtse-Mündungsgebiet wird Wu (Aussprache ungefähr Hu) von 80 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen, das sind ungefähre so viele, wie Deutschland Einwohner hat. Innerhalb des dazugehörigen Sprachgebietes gibt es verschiedene Wu-Dialekte, die die Verständigung nicht erleichtern. Die allermeisten Chinesen, nämlich 875 Millionen, sprechen wie man schon immer in Peking und in ganz Nord- und Mittelchina spricht. Diese Sprache ist das Mandarin, wird aber seit den 1950er-Jahren offiziell Pǔtōnghuà („normale Sprache“ - Hochchinesisch) genannt und ist die einzige Sprache, die überall in China in der Schule, an der Universität, in der Verwaltung, im öffentlichen Leben verwendet wird. Wer also heute unter 50 Jahre alt ist, spricht die Heimatmundart so wie in Norddeutschland die Menschen Platt sprechen: vielleicht zuhause, vielleicht untereinander, aber nicht im Geschäftsleben und schon gar nicht mit den vielen Hinzugezogenen. In Hong Kong sprechen die Chinesen Kantonesisch und die Amtssprache in der Schule, an der Universität und in der Verwaltung ist Englisch. Das Einende in China ist die Schrift. Bereits 221 v. Chr. fand eine große Schriftvereinheitlichung unter dem ersten Kaiser Qin Shihuangdi (Qin-Anfang-Kaiser-Kaiser - „Erster erhabener Gottkaiser von Qin“; das ist der, dessen Mausoleum von der berühmten Terrakotta-Armee, den Tonkriegern, bewacht wird und von denen fast alle wissen, dass keine Originalfigur, trotz ihrer Vielzahl, China verlassen darf) statt. 1956 wurde in der VR China und in Singapur die vereinfachte Schrift (Simple Chinese) eingeführt (zum Beispiel龙 anstatt 龍 (lóng, Drache); jedoch schreiben Taiwan und Hong Kong immer noch die traditionellen Zeichen. Außerdem lernt jeder in der Schule von Anfang an pinyin, die phonetische Umschrift auf der Basis des lateinischen Alphabets und auf Basis des Hochchinesischen (Pǔtōnghuà). Das ist hilfreich, um die Wörter richtig auszusprechen; ohne die Schrift weiß man die Bedeutung der Silbe aber noch lange nicht. (Ich werde demnächst das Prinzip erklären, wie man mit chinesischen Schriftzeichen auf dem Handy SMS schreibt, was hier unter jungen Leuten genauso beliebt ist, wie in Deutschland, oder auf dem PC, und ganz einfach ist, wenn man chinesisch kann).



Lob und Tadel auf Chinesisch
Unser chinesischer Student und Reiseführer hatte eine Absicht mit uns: er wollte gute Verbindungen schaffen für ein Masterstudium der Elektrotechnik in Deutschland. Dafür ist sein Deutsch, auf Deutsch gesagt, zu miserabel. Auf Chinesisch ist man (zunächst) nicht so direkt. Würde man ihm das ins Gesicht sagen, verlöre er jenes dadurch. Mein älterer E-Technik-Professorenkollege machte das sehr geschickt, wie ich dem Gespräch zwischen beiden entnahm: Wie läuft der Deutschunterricht mit den chinesischen Professoren ab? Wo haben die Studenten Gelegenheit deutsch sprechen zu üben? Wenn jemand durch die Prüfung fällt, wann und wie oft kann er wiederholen? (In meinem Maschinenbaukurs müssen noch neun Studenten die vermasselte Deutschprüfung in diesem Monat wiederholen und bestehen, sonst müssen sie sofort den zweisprachigen Studiengang verlassen). Ist aber erst mal ein Urteil gefällt, dann übertreibt man in China aber auch gleich gewaltig: aus dem schlechten Deutsch wird ein abgrundtief-katastrophales. Von Shanghai hatte der Bursche auch keine Ahnung. Woher auch? Ein Kantonese, der ein strammes Studium mit Präsenzpflicht absolviert, hat keine Zeit für ein ausgedehntes Tourismusprogramm in der fremden Stadt. Fachlich hat das vive Bürschchen nämlich was drauf. Immer gut vorbereitet, hinterfragt die mathematischen Formeln und zeigt Ungenauigkeiten in deren Herleitung auf. Auf Chinesisch: er ist von grandioser Intelligenz und ein unübertrefflich glänzender Fachmann der Elektrotechnik!


Der Löwe ist los!
Mich hatte interessiert, warum bei den so oft vor wichtigen Gebäuden aufgestellten Steinlöwen der eine oft das Maul offen hält und der andere nicht. Unserem Studenten war noch nicht aufgefallen, dass das so ist. Auch die Ansicht eines Kollegen, eins sei ein Männchen, das andere ein Weibchen (das mit dem dauernd offenen Mund?), half nicht weiter: Ich habe mich überzeugt, und die stilisierten Steinlöwen zeigen überhaupt keine primären Geschlechtsmerkmale, während die naturalistische dargestellten beide eine Mähne tragen. Erst später bekam ich Aufklärung im Internet:
Der rechte Löwe ist männlich und hält unter seiner rechten Pranke einen Ball. Der Löwe auf der linken Seite ist weiblich und tätschelt mit der linken Pranke ein Löwenjunges. Der Löwe steht für Kraft und Macht. Der Ball, ursprünglich eine Perle, des männlichen Löwen symbolisiert die Einheit und Kraft des Reiches. Das Junge unter dem weiblichen Tier steht für das Gedeihen der Nachkommen, Wachstum und Wohlbefinden. Löwen sollen die Macht und Kraft haben, schlechte Einflüsse jeglicher Art fernzuhalten. Dabei zeigt die Anzahl der Locken, aus denen die Mähne des Löwen besteht, den Rang des Hausherrn. Die Löwen der Beamten des Kaisers höchsten Ranges hatten 13 Locken und mit jedem Grad, den der Rang des Beamten sank, sank auch die Anzahl der Locken.
Bei ihm und anderen Studenten ist mir aufgefallen, dass viel auswendig gelernt und wenig hinterfragt wird. Das scheint nicht die Methode des Herangehens an Wissen zu sein, die auf Chinesischen Schule eingeübt wird. Er hat mir bestätigt, was mir die anderen Studenten am Vortag schon gesagt hatten, nämlich, dass 90 % der jungen Leute eine Universitätsausbildung absolvieren. Auf meine Frage, wer denn auf den ganzen Baustellen, die überall zu sehen sind, arbeiten würde, meinte er: „die anderen“. Sein Ziel, den Masterabschluss zu erreichen, hat er, weil ein Bachelor 4000 Yuan im Monat verdient und ein Master 6000 (ein Vizeprofessor an der Universität verdient 8000 Yuan in Monat und kann mit Projekten nochmal 20.000 Yuan im Jahr dazuverdienen). Auf meine Frage, was denn ein Bauarbeiter oder eine Serviererin verdienen würde, antwortete er typisch Chinesisch: „weniger“. Das ist höflich, schnell geantwortet, zutreffend, und man erfährt nichts, was man nicht auch so schon weiß. (Die Serviererin verdient ca. 800 bis 1000 Yuan im Monat). Auf Höflichkeit im direkten Kontakt von Mensch zu Mensch legt man sehr viel Wert. Das ändert sich ins krasse Gegenteil, wenn man mit der Masse Mensch konfrontiert ist. Dazu ein Beispiel: Im kleinen Personenaufzug im Oriental Pearl Tower, der nur zwischen zwei Stationen pendelt, fuhr ich mit anderen ins Erdgeschoss. Es war klar, dass alle aussteigen würden. Trotzdem drängelten die Leute hinein, bevor der erste aussteigen konnte. Wer sich nicht sein Stück vom Kuchen abbeißt, kriegt nichts mehr, weil andere schneller waren und nichts übrig ist.



So läuft der Straßenverkehr ab, und auch der Schiffsverkehr auf dem Huangpu. Auf Fragen zu politischen Themen hatte unser Student höfliche, schnelle und zutreffende Antworten. Das ist gewiss keine Angst vor Repressalien der Kommunistischen Partei oder eines Blockwarts. Schon immer waren Wagemut und Abenteuerlust keine uralte, typisch Chinesische Volkseigenschaften. Chinesische Helden traten nicht durch Draufgängertum oder Muskelkraft hervor, sondern durch eher Schläue, Witz und Können. Obwohl unzählige Kriege und Aufstände das Land im Laufe seiner sehr langen Geschichte erschüttert haben, wurde der todesmutige Krieger nie zum Ideal erhoben, ebenso wenig der gehorsame Soldat. Umso erstaunlicher finde ich, den Ehrgeiz, den China entwickelt hat, bei den Olympischen Spielen mit den meisten Goldmedaillen zu glänzen. Als das noch nicht feststand, winkte jeder von mir darauf angesprochene mit typisch chinesischer, stark untertreibender Bescheidenheit ab, aber spürbar mit innerlich stolz geschwellter Brust. 51 Goldmedaillen sind es in Beijing geworden. Der Westen spricht davon, dass die Chinesen jetzt „angekommen“ sind. (Sagt allerdings nicht wo). Vielleicht ist das nur der erste Schritt auf einem Weg, auf dem die Chinesen uns noch in Staunen versetzen könnten. Dazu eine statistische Gedankenspielerei von mir:
Die Weltbevölkerung betrug im Juni 2008 rund 6,7 Milliarden Menschen, davon gehören zur Volksrepublik China: 1332 Millionen, das sind etwa 19,9 %. Gemessen an der Weltbevölkerung hätte China also zwanzig Prozent der 302 in Beijing verteilten Goldmedaillen, also 191 Stück, einsacken müssen. Zum traurigen Vergleich: Deutschland wäre mit seinen 82 Millionen Einwohnern (etwa 1,2 % der Weltbevölkerung) auf Platz 14 gelandet, und das war 2008 zwischen Jamaika und Kenia (die allerding auch umgruppiert werden müssten). Das kann doch auch niemand ernstlich wollen. Und trotzdem hat China noch einiges zu bewältigen. Die meisten Goldmedaillen je haben 1984 die USA (83 x Gold) und 1980 Russland (damals Sowjetunion; 80 x Gold) einkassiert, jedoch haben wechselseitig erst die Westblockstaaten die Spiele in Moskau boykottiert (weil die Russen in Afghanistan eingedrungen waren, um die Taliban zu verdrängen) und dann der Ostblock die Spiele in Los Angeles (weil die Sicherheit der Athleten gefährdet war). Trotzdem, Statistik bleibt Statistik. Und beim ewigen Medaillenspiegel muss China (167 x Gold) sogar auch noch Deutschland (518 x Gold; mit sieben verschiedenen deutschen Staatsformen errungen) überholen, bevor es an den Spitzenreiter USA (1010 x Gold) herankommt.


60 km Hafenrand
Um 13.30 Uhr ging es endlich los. Vom Bund, in der scharfen Flussbiegung gegenüber dem Oriental Pearl Tower, bis zur Mündung und ein kleines Stück in den Yangtse hinein und wieder zurück sind es laut Google Earth 33,3 Seemeilen (61,6 km), und wir waren 3h15‘ unterwegs; das heißt unser Schiff ist mit über 10 Knoten (knapp 20 km/h) durch den Shanghaier Seehafen (shang-hai-hai-gang) gefahren. Kaum waren wir aus dem inneren Stadtgebiet heraus, empfing uns strahlender Sonnenschein. Dieser Hafen erstreckt sich ausschließlich am Flussufer entlang; es gibt keine Hafenbecken, aber bis zur Flussmündung ist ununterbrochen Hafenbetrieb an beiden Ufern. Stadtnah waren alte Kaianlagen und Hafenwirtschaftsgebäude dem Verfall preisgegeben und warteten darauf, bald eine neue hafenbetriebsfremde Nutzung und Bebauung zugewiesen zu bekommen.



Es gab eine Vielzahl Schiffsneubauten in unterschiedlichen Fertigstellungstadien zu sehen. Schwimmdocks gab es nur zwei. Auf den Werftgeländen wurden viele Doppellenker-Wippdrehkräne eingesetzt, die bei uns vielfach schon wieder ausrangiert sind, und kaum Portalkräne. Ein neuer, sehr großer (schätzungsweise 200 t) Brückenportalkran war sehr auffällig, weil eine der Stützen abgeknickt und das Portal auf einen Schiffsneubau gestützt war. Shanghai ist auch Hafen der Kriegsmarine (zhong-guo-hai-jun: Mitte-Reich-Meer-Armee; China heißt auf Chinesisch Zhong Guo: Mitte-Reich, „Reich der Mitte“). Wir fuhren an Landungsbooten, Versorgern, Korvetten und U-Booten vorbei. Der Huangpu ist im Hafenbereich so breit wie die Elbe bei Wedel. Insgesamt ist der Fluss nur 97 km lang und erschließt das Hinterland von Shanghai. Der Binnenschiffsverkehr ab dem Bund flussaufwärts ist enorm; da wuselt und wimmelt es wie auf Shanghais Straßen und die Verkehrsdisziplin ist vergleichbar. Schiffe werden bis zum obersten Bordrand beladen. Langes Ladegut, wie Langholz kann durchaus drei Meter über den Schiffsbug hinausragen. Alle Binnenschiffe sind Motorschiffe, es gibt keine Schleppverbände.



Entlang des gesamten Hafens liegen sehr viele Binnenschiffe, an verankerten Schwimmtonnen vertäut, in breite Päckchen, bis zu acht Stück nebeneinander gebunden, ungenutzt auf Reede. Viele „Seelenverkäufer“ und „Rostpocken“ fahren oder liegen im Huangpu. Nur wenige Schiffe für die große Fahrt, hauptsächlich Kümos, konnte ich sehen. Ganz enttäuscht war ich vom mickrig kleinen Containerhafen, den ich mir größer vorgestellt hatte. In Hamburg werden 9,9 Mio. TEUs p.a. bei einer Zuwachsrate von +11,6% umgeschlagen. In Shanghai sollen es 26,2 Mio. TEUs mit +20,7% Zuwachsrate sein! Mein Weltbild wurde erst mit dem Hinausfahren auf den Yangtse wieder zurecht gerückt. Der vom mitgeschleppten Lös rötliche Yangtse ist in seinem Mündungsgebiet so breit, dass man nicht auf die gegenüber liegende Insel Chongming, die auch noch zum Verwaltungsdistrikt Shanghai gehört, hinübersehen kann. Dort herrscht heute überwiegend Landwirtschaft vor, aber es ist geplant, die gesamte Insel von ca. 120 km Länge und 30 km Breite vollständig mit neuen Millionenstädten zu bebauen. In der Ferne, am rechten, dem Südufer des Yangtse, waren sie zu sehen, die Containerladebrücken. Gewaltig, gigantisch, kolossal, mit endlos erscheinendem Ausdehnungsgebiet. Hier waren die riesigen Containerschiffe auszumachen. Es herrschte Verkehr, wie in der Kieler Bucht während der Kieler Woche. Ich stellte mir vor, was auf Hamburg wohl noch zukommen wird, wenn es seinen Anteil am in Shanghai möglichen Zuwachs abkriegen wird.





Die ganze Schifffahrt hat uns allen gut gefallen, aber auch ermüdet. Wir waren durchgeblasen und durchgeschwitzt. Ich glaube, unser chinesischer Student, den wir zur Mitfahrt eingeladen hatten, bekam heute Sachen zu sehen, die er bisher nicht kannte. Auf dem Rückweg zum Bund konnte ich das andere Ufer auch noch intensiv inspizieren. Zum Hotel fuhren wir den anfangs beschriebenen Weg in umgekehrter Reihenfolge zurück mit der U-Bahn. Bis dahin hatte ich nicht geglaubt, dass eine Schienenfahrzeug-Transportkapazität von 15 Personen je Quadratmeter, wie angegeben, eine realistische Berechnungsgröße sein könnte. Jetzt weiß ich, dass es machbar ist!



Erkenntnis des Tages: In zwei Monaten würde ich gerne mal als Fremdenführer in Shanghai anfangen.

Freitag, 5. September 2008

Interesse an Deutschland

Sprechen Sie Deutsch?
Heute, am Freitag, dem letzten Tag der Woche, hatte ich ein Erfolgserlebnis in der Vorlesung. Als erstes habe ich nämlich meine Ankündigung wahr gemacht, dass ich von jedem Studenten einmal in der Woche eine Frage oder einen Satz, und sei es noch so kurz und einfach, auf Deutsch gesprochen erwarte. Das verfolge ich mit einer Excel-Liste, in der alle Namen der Studenten und alle Kalenderwochen meiner Vorlesung eingetragen sind, die ich per Beamer an die Wand projiziere und in die ich mit der von mir neu entdeckten, praktischen Tablet-technik handschriftlich und vor allem für jeden im Entstehen nachvollziehbar ankreuze, wer dran war. Ich habe heute, im Gegensatz zu den vorangegangen Tagen, schwere Fragen gestellt, nämlich eine Rekapitulation des Stoffes von dieser Woche: Inhalt verstanden? In der Lage, das in der schweren Fremdsprache auszudrücken? Für alle war das mit großer Anspannung verbunden: für die Hinterbänkler, weil sie sehen konnten, wie die Einschläge immer näher kamen, für die Aufgeweckten, weil es aus ihnen raussprudeln wollte und sie genau sahen, dass sie nicht dran waren. Ich bin jetzt überzeugt, dass die Studenten das Prinzip durchschaut haben: wer am Anfang der Woche sich mit einer einfachen Frage vorbereitet, vielleicht schon zu Hause, der hat den Rest der Woche seine Ruhe vor mir. Und die anderen können weiter fragen, denn meine Studenten tauen immer mehr auf. Nach der Vorlesung beantworte ich die Fragen derjenigen, von denen ich den Eindruck habe, sie würden sowieso alles verstehen – die anderen kommen nicht. Mit meinen deutschen Kollegen zusammen habe ich es diskutiert, und wir schätzen die fleißigen, aufgeweckten chinesischen Studenten für qualitativ besser gebildet und stärker motiviert ein als unsere Spitzenstudierenden an der HAW in Hamburg. Aber es gibt auch hier überwiegend normale Studenten.
Heute nach der Vorlesung kam eine ganze Traube auf mich zu, und wir diskutierten ziemlich lange. Die Studenten haben mich u.a. darauf aufmerksam gemacht, dass nächste Woche anlässlich des Mondfestes eine Woche lang ein besonderes Essen Taiwanesischer Geschmacksrichtung angeboten wird und haben mich eingeladen, mit ihrer Clique zusammen zum Essen auszugehen. Außerdem eröffnet bald eine Ausstellung internationaler zeitgenössischer Kunst in Shanghai, und auch da haben wir den gemeinsamen Besuch der Kunsthalle verabredet.

Kennen Sie Deutschland?
Zwei von ihnen fragten mich nicht nur nach dem Vorlesungsstoff, sondern zeigten ihr Interesse an Vielfältigem: Warum ist kein deutscher Politiker zu den Wettkämpfen bei den olympischen Spielen erschienen? Wer ist das Staatsoberhaupt und was macht Frau Merkel? Welches sind die politischen Parteien in Deutschland und welche Rolle spielen die Kommunisten? Was war die DDR und wo ist Preußen geblieben? Was war Deutschland vor der Bismarckschen Reichsgründung? Warum sagen die Engländer Germany und die deutschen Deutschland? Was hat Luther eigentlich gemacht? Warum hat Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt? Was steht in der Bibel drin? Stimmt es, dass die Herstellung von Wurst für die Deutschen eine Religion ist, wie die Deutschprofessorin gesagt habe? Warum sind die Weißwürste weiß und die anderen rot? Sind Schweinehaxen das typische deutsche Essen? Stimmt es, dass beim Oktoberfest das Bier umsonst ist? Was kostet das Leben in Deutschland? Wie hoch sind die Studiengebühren in Hamburg? Lauter Fragen, auf die sehr gut vorbereitet war und die ich umfangreich und mit viel Hintergrundinformation beantworten konnte. Die beiden sind nicht nur sprachlich, sondern auch fachlich gute Studenten und ihre Fragen zielen auf die Vorbereitung auf ein an ihr jetziges Bachelorstudium anschließendes Masterstudium in Deutschland ab. Die ganze Mittagpause haben wir geredet und auch noch die anschließende Vorlesungsstunde, weil die Deutschvorlesung wegen Krankheit der Professorin ausgefallen war. Zum Schluss haben die beiden mich zum Essen in ein Restaurant eingeladen, wo ich eine Einführung in verschiedene typische chinesische Speisen bekam und meinerseits viele Fragen zum Sozialsystem, den Familienbeziehungen und dem Alltagsleben in China im Allgemeinen und in Shanghai im Besonderen stellen konnte. Darüber werde ich bald berichten.

Chinesische Feste
Im College fand heute am Spätnachmittag eine Dienstbesprechung aller chinesischer College-Angehörigen statt – eine Art Professorendienstbesprechung zum regulären Semesteranfang nächste Woche. Weil auch noch am 10. September, mit dem nationalen Ehrentag der Lehrer (kein arbeitsfreier Tag), und weil am 14. September 2008 mit dem Mondfest (ein Familienfest, dessen Datum jährlich abhängig vom Vollmond in der Zeit des Herbstäquinoktiums und das ab 2008 neuer nationaler, arbeitsfreier Feiertag ist) und weil am 1. Oktober mit dem Nationalfeiertag der Volksrepublik China (eine Woche Arbeitsfrei, alle verreisen zu ihren Familien; keiner wird dann da sein, um an der Uni zu feiern) drei weitere Anlässe zusammenfallen, schloss an die Dienstbesprechung noch ein gemütliches Beisammensein an, bei dem es für jeden einen Pappteller mit Bananen, Süßigkeiten und Keksen gab, den ich von der Dekanin persönlich überreicht bekam.
Dass es heute Nachmittag ziemlich heftig regnete, kam mir gut zupass, weil ich in Ruhe meine Erlebnisse niederschreiben konnte, währen ich auf eine Regenpause wartete, um undurchfeuchtet mit dem Rad ins Hotel fahren zu können.

Erkenntnis des Tages: Man muss auch unerwartete Feste feiern, wie sie fallen.

Donnerstag, 4. September 2008

Dinge von oben

Wachgeküsst
Den heutigen Tag habe ich früh begonnen, spät beendet und wollte ihn alleine verbringen, dass heißt zwar unter den Menschenmassen, aber ganz für mich. Als ich um 6.00 Uhr am Morgen aufstand, beleuchtete die gerade aufgegangene Sonne das erste Mal die Wolkenkratzer, die meinem Hotelzimmerfenster in der Ferne gegenüber stehen. Darunter sind futuristische Designerbauten, die das rotgoldene Sonnenlicht so interessant reflektierten, dass ich dadurch erst richtig auf sie und ihre architektonische Schönheit aufmerksam wurde. Es gibt eine Reihe solcher Edelstücke, mit denen ihre Architekten sich bestimmt gerne ein bleibendes Zeichen setzen wollten. Aber so eng, wie die Prachtbauten nebeneinander stehen, ergibt das kein harmonisches Ensemble. Mein Gesamteindruck ist deswegen gestört, und intuitiv bin ich mit „den Hochhäusern“ als Gattungsbegriff nicht einverstanden – und deswegen beachte ich die Einzelstücke nicht so, wie sie es verdient hätten. Das ist die urbane Umkehrung der Erkenntnis aus der Natur: den Baum vor lauter Wald nicht wahrzunehmen.



Das Tomorrow-Radikal
Genau voll voraus, von meinem Fenster aus gesehen, steht ein solches bemerkenswertes Gebäude: das Tomorrow-Building, ein Marriott Hotel, (chinesisch: 明天广 ming tian guang = Morgen+[Zählwort für Tage]+breit. Das Zeichen für guang besteht aus dem Radikal Nr. 53. Die (Kangxi)-Radikale sind die Einzelelemente, aus denen die chinesischen Schriftzeichen gebildet werden. Egal, ob das Zeichen aus einem oder zwei Radikalen gebildet wird, egal, ob das linke Radikal aus einem oder bis zu 17 Strichen gebildet wird und egal, ob dann noch ein oder bis zu 20 weitere Striche zum Zeichen gehören: alle Zeichen sind in etwa quadratisch und gleich groß.

Das Radikal des nebenstehenden Zeichens, zum Beispiel, hat links 11 Striche; dann kommen rechts noch 19 hinzu. Ausgesprochen wird es li – eine(!) Silbe – und bedeutet Rappe. Das Radikal Nr. 53 (das dritte ganz rechts im Hotelnamen) mit der Bedeutung „breit“ ist ein Schrägdach und steht für Schutz, Unterschlupf, Unterbringung. Das ist doch ziemlich passend für ein futuristisches Hotel. Die Chinesen können mit Ihren Schriftzeichen, die sie sich beim sprechen der immer nur einen Silbe vorstellen, viel mehr ausdrücken, als das die Übersetzung hergibt: Morgen-Hotel.
Die Spitze des Morgen-Hotels wirkt aus der Ferne wie ein geschlossenes pyramidenförmiges Dach, aber die einzelnen Teilspitzen berühren sich nicht. Damit beschäftigte ich mich beim Aufstehen.

Der Himmel über Shanghai
Ich hatte Frühvorlesung, und gleich danach gönnte ich mir einen Abstand vom Joint-College und wollte mit dem Rad zum Bund und von dort aus zu Fuß im Tunnel den Huangpu unterqueren und dann auf den Oriental Pearl Tower hinauf steigen, denn das Durchdringen des goldenen Sonnenscheins in der Frühe war ein Merkmal, aus dem ich auf das Vorhandensein von blauem Himmel schloss – und tatsächlich war etwas hellblau zu sehen gewesen. Also der richtige Tag, die Aussicht zu genießen.
Wenn bei uns in Hamburg der Himmel weitgehend wolkenfrei ist, dann ist er blau und die Sonne scheint. Und wenn der Himmel wolkenverhangen ist, dann ist der Himmel, je nach Wetterlage, hell- bis dunkelgrau. Dann ist es zwar nicht finster, wie in der Nacht, aber das Sonnenlicht erreicht den Boden diffus gebrochen, und es gibt keine Richtung aus der die Sonne zu scheinen scheint und somit auch keine Schatten. Hier in Shanghai zeigt der Himmel fast immer ein geschlossenes, gleichmäßiges grau, nur hin und wieder kann man dicke oder dünne Anhäufungen hinter den Grauhelligkeitswertabstufungen als Wolken erahnen. Trotzdem werfen die Gegenstände am Tag deutlich sichtbare Schlagschatten (es sei denn, dass es regnet). Smog müsste doch an der Quelle, also am Boden, dichter sein als in der Höhe. Auf jeden Fall handelt es sich um sehr feine feste Partikel, die man nicht sehen kann, wie Hausstaub, aber deren Existenz durch ihren permanenten Schleier in der Luft zu erkennen ist.



Das Straßenleben
Auf meinen Weg mit den Rad zum Bund fiel mir wieder mal auf: In den Straßen spielt sich das Leben ab, und zwar alle Lebensbereiche betreffend: die Wäsche wird mit Wäscheklammern an Kleiderbügeln befestigt und an der Leine aufgehängt, die zwischen den Bäumen vor dem Haus in fünf Metern Höhe gespannt ist und mit der Bambusstange erreicht wird. Wenn das Geschäft ein Fahrradshop ist, dann ist der davor liegende Bürgersteig einschließlich der Straße von der Breite eines Parkplatzes die dazugehörige Werkstatt. Mitten in der Stadt vor dem Haus putzen sich morgens die Kinder, noch im Schlafanzug, fleißig die Zähne. Die Verkaufsauslagen des Handlers stehen auf der Straße, ebenso wie die Garküche des Kleinimbisses, wo man schnell mal ein paar Dim Sum verspeisen kann. (Es handelt sich dabei um kleine Gerichte, die meist gedämpft oder frittiert sind und meistens in kleinen Bambuskörbchen gereicht werden. Die Bambuskörbe haben einen Durchmesser von knapp 20 cm und können zum Dämpfen aufeinander gestapelt werden, der oberste wird danach abgedeckt. In jedem befindet sich ein auch aus Bambus bestehendes Gitter, auf das die Speisen gelegt werden. Den Großteil der Gerichte machen gefüllte Teigtaschen aus. Die Füllungen können aus allen denkbaren Sorten von Fleisch, Meeresfrüchten, Gemüse, aber auch aus Ei und Süßem bestehen. Lecker!). Auch zum dösen oder schlafen stellen sich die Anwohner ihren gemütlichen (weil bis zur Verschleißgrenze abgenutzten) Halb-Liegestuhl aus Bambus auf den Bürgersteig oder sie spielen mit den Nachbarn an einem Tisch Domino. Zu guter Letzt dient die Straße auch dem Straßenverkehr: Fußgänger, Fahrräder, Kleinkrafträder, Autos, Busse: jeder sucht seinen Weg und macht mit Lärm, Hupen, Klingeln auf sich aufmerksam. In der chinesischen Altstadt ist die Situation im Prinzip ähnlich, nur erlaubt die Gassenbreite höchstens einem Fußgänger und einem Fahrrad gleichzeitig die Passage, die zwischen den Auslagen von den Händlern auf rechter und linker Seite freigelassen wird. Auf den großen Hauptverkehrsstraßen fällt nicht so sehr auf, das das Prinzip dort ebenso gilt, weil zwei Autofahrspuren je Richtung und eine Fahrradfahrspur je Gegenrichtung am meisten Platz beanspruchen.



Techno-Gimmicks
Am Bund stellte ich mein Fahrrad ab. Diese 1A-Sehenswürdigkeit (der Bund, nicht mein Fahrrad!) werde ich später mal beschreiben. Von dort führt der „Bund Scenic Sightseeing Tunnel“ an das andere Flussufer. Diesen Namen fand ich ziemlich verlockend. Welche Sights wird man in einem Tunnel sehen können? In bergmännischer Bauweise wurde dort der Tunnel unter den Huangpu gebohrt und eine Standseilbahn eingebaut. Während der Fahrt (wegen des hohen Fahrpreises von 50 Yuan hin und zurück musste ich nicht warten und hatte eine der panoramaverglasten Kabinen für mich alleine) flackern tausende Glühbirnen, LEDs, Laserstrahler, Stroboskope und was sonst an Elektronikfirlefanz gerade auf dem Markt ist, unter abspielen lauter Musik und wichtigtuerischen Erklärungen auf chinesisch und englisch, man befände sich in der Tiefe der Meeres, dann im Magna des Erdkerns schließlich in einem außergalaktischen Sternengürtel und in weiteren Phantasiereichen. Die geringe Transportkapazität der Bahnkabinen und die niedrige Fahrgeschwindigkeit erlauben nicht, dass man diese Bummelbahn als Verkehrsmittel bezeichnen kann. So etwas hätte man auch in eine fensterlose Wellblechhalle einbauen, und den teuren Tunnel für sinnvollere Zwecke nutzen können.



Die Perle des Ostens
Der Weg auf den Oriental Pearl TV Tower war mir als Geduldsprobe beschrieben worden, wo man gemeinsames Warten mit Chinesen in Schlangen einüben könne. Das muss nicht der Tag dazu gewesen sein, denn die Basishalle war zwar mit Zick-Zack-Geländern so vollgepflastert, dass die ganze Fläche mit einer einzigen Warteschlange ausgefüllt werden konnte, aber die drei Security-Leute an der obligatorischen Gepäckröntgenanlage schienen sich darüber zu freuen, dass ich ihnen Abwechslung vom Beine-in-den-Bauch-stehen geboten hatte. Erstmalig erlebte ich, dass mein mitgebrachtes Plastikwasserfläschchen so daraufhin untersucht wurde, dass ja kein Flüssigsprengstoff drinnen sei, dass ich vor den Augen der aufmerksamen Wächter einen Schuck daraus trinken musste. Shanghai möchte diesen 1992–1995 aus Stahl und Beton eigenwillig gebauten Turm (Höhe: 468 m; Aussichtsplattformen: in 90 m, 263 m, 350 m) gerne als Wahrzeichen mit Weltbekanntheit sehen. Mit dem Atomium in Brüssel (Höhe: 102 m) jedenfalls, das zur Weltausstellung 1958 gebaut wurde, hat es nicht nur die Kugeln und Verbindungsrohre gemeinsam, es macht auch den gleichen verschlissenen Eindruck in Inneren, nur dass Shanghai das mal wieder schneller, höher und weiter hingekriegt hat. 2006 wurde das Atomium inzwischen renoviert.

Gedenken in der Höhe
Die Aussicht war natürlich grandios, auch wenn Shanghais ständiger, grauer Dunstschleier keine echte Fernsicht erlaubte. Dort oben hielt ich mich ziemlich lange auf. An diesem Tag fand die Trauerfeier für meine Mutter in Deutschland ohne mich statt. Deswegen war es mir ein Anliegen, am späten Nachmittag von Shanghai aus meine Familie auf dem Handy anzurufen, weil ich wusste, dass meine Frau unsere vier Kinder unterwegs auf der Fahrt von Hamburg nach Bonn in ihren Studien- und Praktikumsorten eingesammelt hatte und alle sich zu diesem Zeitpunkt, am Vormittag mitteleuropäischer Sommerzeit, gemeinsam im Auto auf dem Weg zur Trauerfeier befanden. Es war schön für mich, alle über die Freisprechanlage im Auto gemeinsam grüßen zu können. Ich fand, dass 350 m Höhe ein angemessener Ort für dieses Telefonat war.



Frust …
Am besten gefiel es mir jedoch in 263 m Höhe. Die oberste Plattform (Die Plattformen befinden sich jeweils in den drei Kugeln) steckte selber in dem in großer Höhe dichter werdenden Dunst als die darunterliegende und die unterste Kugel ist mit violett verspiegelten, schon teilweise blindgewordenen Luftspalt-Isolierglasscheiben versehen, die zu durchschauen zu versuchen mir auch keinen richtigen Spaß machte. Im Inneren fand ich die sehr oberflächlich aufgemachte und größtenteils beschädigte Taikonautikausstellung (Taikonauten werden im Westen die chinesischen Pendants zu Astronauten bzw. Kosmonauten genannt) mit Modellen chinesischer Raketen für die bemannte Raumfahrt eher abstoßend. Sie diente offensichtlich nur dazu, das Interesse bei jüngeren Besuchern zu wecken, die anschließend in 90 m Höhe kostenpflichtig angebotenen Jahrmarktsfahrgeschäfte wie Schleudersitz, Raum-Zeit-Täuschungskabine und Achterbahn auch noch auszuprobieren. Vielleicht weckt das bei dem einen oder anderen noch nicht erkannte Berufswünsche.



Ernüchtert und auch ein wenig enttäuscht bewegte ich mich auf den Ausgang zu, und nur weil es im Ticketpreis von 150 Yuan mit drin war, nahm ich den Eingang in eine Ausstellung über die Geschichte Shanghais noch mit. Chinesische Einzelreisende (immer Grüppchen unter zehn Personen) und vor allem Reisegruppen, die für mich so aussahen, als kämen sie alle von Hinterland auch mal in die Riesenmetropole (die Sprachen, die sie sprachen, hörten sich für mich nicht so an wie das chinesisch, dass in Shanghai gesprochen wird), wurden von ihren Herdenführern im Eilmarsch vorangetrieben. Für Fotos war trotzdem noch genug Zeit. Fotografieren heißt für Chinesen, dass eine Person vor einem Hintergrund abgelichtet wird. Wenn also plötzlich ein schöner Hintergrund auftaucht (der ist erkennbar daran, dass sich gerade jemand anders davor ablichten lässt), dann stellen die Chinesen sich an, und wenn sie dran sind, dann fotografiert erst der eine den anderen und anschließend der andere den einen. Dass sich irgendjemand für den Hintergrund an sich interessiert hätte, ist mir noch nie so richtig aufgefallen. Vergleichbar ist das vielleicht mit dem Interesse der deutschen Ballermann-6-Besucher an den Schönheiten Mallorcas, für die sie auch kein Auge haben - es sei denn, sie trügen einen Bikini oder weniger. So wenig wie es „Die Deutschen“ gibt, gibt es „Die Chinesen“.

… und Freude
Die Ausstellung über die Geschichte Shanghais fand ich faszinierend. Vollkommen täuschend echt anmutend aus Kunststoffimitat wurden Bauten, Alltagsszenen, alte Handwerke, antike Reiseverkehrsmittel in Lebensgröße nachgebaut. Es war auf das Einfühlen und Nachvollziehen angelegt, so wie man das beispielsweise im Freilichtmuseum am Kiekeberg erleben kann. Insbesondere aus der Zeitperiode der Qing-Dynastie und mit ausnehmend vielen Belegen und Beispielen seit der europäischen Besetzung ab 1845 wurden in Modellen verschiedener Maßstäbe, aber alle größer als die Lehmann-Gartenmodellbahn (1:22,5) Szenen verschiedener Zeitabschnitte, die Shanghai durchlebt hat und die längst untergegangen sind, dargestellt. Alte schwarz/weiß-Filme auf Videoschirmen, Fotografien und einige Original-Sammlungsstücke ergänzten die nachgestellten Szenen. Ich habe sehr viel über das Werden und die Grundlagen, von denen das heutige Shanghai herstammt, erfahren und war total begeistert; auch von der Akribie mit der die von mir unzählbaren Modelle, Dioramen und Szenen handwerklich herausragend hergestellt waren. Über zwei Stunden habe ich mich in diesem Museum aufgehalten und alle Schilder mit allen Erklärungen genau studiert. Ich habe mich dort richtig wohl gefühlt und war mit dem Oriental Pearl Tower wieder versöhnt.

Lost in Transportation
Es war schon dunkel als ich raus kam. Ich gönnte mir eine Portion Krebse (endlich haben die Monate mit „r“ wieder angefangen, in denen man Schalentiere nicht mehr verschmähen sollte) an einer Imbissbude, und ich war mir nicht sicher, ob die Chinesen an meinem Tisch die Art, wie ich sie verspeiste, nicht als unkultiviert-barbarisch ansahen. Das nächste Mal werde ich mir eine Nudelsuppe bestellen, die kann ich nämlich mit Stäbchen essen und die Brühe anschließend austrinken. Mit der kitschigen Tunnelbahn ging es zurück zu meinem Fahrrad. Wie alle anderen auch, radelte ich völlig unbeleuchtet durch die angenehm warme Nacht und musste von meiner Richtung wegen vieler Baustellen, die wirklich überall in der Stadt den Verkehr umleiten, mehrmals erheblich abweichen. Unterwegs fand ich heraus, dass die Straßen vielfältig auch als Obdachlosenunterkünfte genutzt werden. Als ich nach langer Strecke auf meinen Kompass, den ich immer bei mir trage, schaute, merkte ich, dass ich eine geraume Zeit in der falschen Himmelrichtung unterwegs war. Shanghai ist so riesig und überall innerstädtisch, dass ich öfters an Stellen, wo ich noch nie war, mich fühle, als kenne ich mich gut aus. Aber als Großstadtdschungelpfadfinder bin ich einfach so lange weitergefahren, bis ich in den Häuserschluchten irgendwann in der Ferne den markanten Tomorrow-Tower erblickte. Das war jetzt meine Richtung, und von dort nach Süden bis in die mir vertrauten Straßen hinein nach Hause, wo ich ziemlich spät ankam und nicht mehr in der Lage war, mein Blog zu schreiben.

Erkenntnis des Tages: Aufmerksamkeit am Morgen erleichtert die Orientierung am Abend.

Mittwoch, 3. September 2008

Im Sprachdschungel

Ein Siegel zur Identifikation



Heute habe ich mir ein chinesisches Siegel anfertigen lassen. Das ging ganz schnell und kostengünstig und wird als Touristenattraktion auch mit beliebigen Motiven, die man sich eingravieren lassen kann, angeboten. Als Schaft habe ich einen Stein gewählt, in den ein doppelter Drachen (zwei chinesische Lindwürmer, die spiralig umeinander geschlungen sind) geschnitzt ist, weil ich im Jahr des Drachen 1952 geboren wurde. Der Abdruck, der immer mit roter Stempelfarbe auf Papier gestempelt wird, zeigt die Schriftzeichen meines Namens (Hong Bi De) in alter Kanzleischrift in der traditionellen Folge von oben nach unten und von rechts nach links. Das letzte Zeichen unten links (sieht wie EP aus) heißt Yin und bedeutet Siegel und steht immer am Ende eines solchen Stempels. Jeder Chinese hat einen oder mehrere solcher Siegelstempel und benutzt sie im offiziellen Verkehr rechtskräftig, wie wir unsere Unterschrift einsetzen. Damit keiner „die Unterschrift fälschen“ kann, hat jeder Siegelstempel versteckte Macken oder Striche, die nur der Eigentümer kennt und mit Hilfe derer er die Authentizität feststellen kann.

Ganz kleiner Chinesischkurs
Im Prinzip ist die chinesische Sprache gar kein Buch mit sieben Siegeln, sondern die gesprochene Sprache ist eine der einfachsten der Welt, denn sie kommt ohne Konjugationen, Deklinationen und Tempi aus: „Ich liebe Dich“ heißt „wo ai ni“ (ich-lieben-du), „Du liebst mich“ heißt „ni ai wo“ (Du-lieben-ich). „Gestern (zuo tian) habe ich Dich geliebt“ heißt „Zuo tian wo ai ni“ (Gestern-[Zählwort für Tage]-ich-lieben-du) und „Morgen (ming tian) wirst Du mich lieben“ heißt „ming tian ni ai wo“ (morgen-[Zählwort für Tage]-du-lieben-ich.
Ein wesentliches Merkmal der Sprache ist die Einsilbigkeit. Jede Silbe steht für ein Zeichen, und das Zeichen für einen bestimmten Begriff, zum Beispiel „shang“ (oben) oder „xia“ (unten). Zu mehreren zusammengefügt, ergeben sie neue Worte: qi che = Dampf + Wagen = Automobil; dian nao = Strom + Gehirn = Computer; Huo che zhan = Feuer + Wagen + Haltestelle = Bahnhof. Es gibt über 400 Silben, die in vier verschiedenen Tonhöhen gesprochen werden und jedes Mal eine andere Bedeutung erhalten. Tang im ersten Ton kann „Suppe“ heißen, im zweiten „Zucker“, im dritten „liegen“ und im vierten „heiß“. Es gibt sogar Silben, die trotz gleicher Tonhöhe einen unterschiedlichen Sinn haben. Erst durch das jeweils dazugehörige geschriebene Zeichen lässt sich die Bedeutung erkennen.
Ein Spaß für jeden Chinesen sind verrückte Sätze, die aus der Aneinanderreihung derselben Silbe wie etwa ma, shi oder da bestehen. Aufgrund der unterschiedlichen Tonhöhen ergeben sie aber dennoch einen Sinn. Ein bekannter Satz, den jeder Sprachstudent kennt, lautet: ma ma ma ma ma? (Beschimpft die pockennarbige Mutter das Pferd?). Ein anderer Satz mit der Silbe Yi soll 150 Schriftzeichen umfassen!
Fragen kann man stellen, indem man einfach an das Ende eines Aussagesatzes den Fragepartikel (FP) ma anhängt, als ob man ein Fragezeichen laut ausspricht oder das vergleichbare deutsche (internationale) Wort hä? nimmt. Die Vergangenheitsform wird gebildet, indem man den Vergangenheitspartikel (VP) guo für die unbestimmte Vergangenheit und den Endpartikel (EP) le für die abgeschlossene Handlung verwendet.
Wenn also „ni“ das deutsche Wort „Du“ bedeutet und „chi“ das Verb „essen“, dann heißt „ni chi guo le ma“ (du-essen-[VP]-[EP]-[FP]) und bedeutet wörtlich „hast du schon gegessen?“ Meinen tut es aber: „Wie geht’s?“ Womit man auch erkennen kann, welche wichtige Rolle das Essen für die Chinesen spielt.

Kein Problem mit der Speisenkarte
In den meisten Restaurants, die wir besuchen, gibt es keine englischen Speisenkarten – wozu auch, dorthin verirren sich keine Touristen. Und die chinesischen Schriftzeichen entziffern zu wollen, um aus den wichtigsten 3.500 vorkommenden das richtige zu identifizieren, ist erstmal hoffnungslos. Jede Silbe hat ein eigenes Zeichen, das einen kompletten Begriff beschreibt, der sich verändert, wenn zwei oder mehr Zeichen zusammen einen neuen, anderen Begriff ergeben. Für Ausländer in Deutschland ist das mit alten deutschen Wörtern, die keine Lehnswörter sind, auch nicht einfacher. Nur durch voranstellen von Präpositionen wird aus Zug oder Schlag: Anzug, Abzug, Vorzug, Aufzug, Überzug, Nachzug usw. und Vorschlag, Nachschlag, Überschlag, Abschlag, Anschlag usw.
Die Speisenamen sind meist 3 bis 6 Zeichen lang und können folgende Informationen, immer in genau dieser Reihenfolge, enthalten: Zubereitung/Gewürz – Gemüse – Tier – „Form“ – Beilage. Natürlich muss der Name nicht alle Komponenten enthalten, meist sind es zwei bis drei davon.
Wir haben inzwischen eine nahezu perfekte, pragmatische Lösung gefunden, die wir uns eigentlich patentieren lassen sollten: Wenn uns die chinesische Speisenkarte vorgelegt wird, dann schieben wir diese zur Seite und legen unserseits unseren fotokopierten Zettel vor, auf dem die wichtigsten Speisen, die es überhaupt gibt, untereinander aufgelistet sind, und zwar in chinesischen Schriftzeichen, daneben in pinyin-Umschrift mit lateinischen Buchstaben für die Aussprache und noch weiter daneben die Beschreibung der Speise auf deutsch. Dann hakt die Bedienung die lieferbaren Speisen auf dem Zettel ab, wir wählen in Ruhe aus und mit einem unmissverstehbaren „das da, bitte!“ wissen wir, was wir bestellen, indem wir auf die chinesischen Schriftzeichen. zeigen – und die Bedienung weiß es auch. Nun kommt es nur noch auf die Art der Zubereitung des jeweiligen Kochs an, wie das ganze schmeckt.

Erkenntnis des Tages: „Lost in Translation“ kann man überlisten!

Dienstag, 2. September 2008

Meine Vorlesungsneuerung

Das Ende der Kreidezeit
Vor einem dreiviertel Jahr habe ich mir einen Tablett-Laptop gekauft, den ich bei einem Kollegen gesehen hatte, weil der so kompakt ist und man die Bildschirmfläche direkt mit einem Spezialstift beschreiben kann. Das wollte ich spontan in meinen Vorlesungen einsetzen. So etwas wollte ich vor den Studenten nur benutzen, wenn voll fit damit umgehen konnte. Aber, never change a winning team! Auf die Anwendung dieser Neuerung hatte ich mich bisher nicht vorbereitet.
Hier in meinem Vorlesungssaal ist die Tafel extrem klein, man kann sie nur trocken abwischen und die chinesische Kreide staubt fürchterlich. Ich sehe nach der Vorlesung aus, wie ein Bäcker mit Mehlstauballergie. Das war für mich der Anlass, dieses Thema jetzt anzugehen. Zeit zum Vorbereiten und üben in der Stillen Kammer meines Hotelzimmers hatte ich und heute habe ich mit Erfolg und mit in Staunen versetzender Anerkennung das erste Mal alle „Tafelanschriebe“ handschriftlich nur auf dem Laptop geschrieben und per Beamer an die Wand projiziert. Das ging ganz einfach, ist sehr praktisch und auch ohne Routine lief es beanstandungslos ab. Jetzt kann es nur noch besser werden!
Der „Tafelanschrieb“ – ob low tech oder high tech – ist meines Erachtens didaktisch sehr wichtig: ich bin im dabei im Zwiegespräch mit meinen Studenten, schreibe und rede mit dem Tempo, mit dem sie mitschreiben können und kann viel besser individuell auf sie eingehen.



Inzwischen sind die Studenten im Umgang mit mir schon deutlich entkrampfter und ich bin es auch. Im Hörsaal gibt es nur zwei Plakate, die die Wände schmücken: eine handgestrickte Tafel auf der verschiedene Spanformen, die unter unterschiedlichen Maschineneinstellungen entstanden, aufgeklebt sind (Werk meines Zerspanungskollegen, der im Frühjahr dieses Gebiet der Fertigungstechnik lehrt) und einige mahnende Worte meines Trierer Landsmannes, der auf chinesisch die Studenten zu sozialistischem Fleiß aufruft, damit der Gipfel der Bildung zum Wohl des Proletariats erreicht werden möge.



Eine Oase im Häusermeer
Bei meinem Herumstromern in unserem Viertel am Sonntag habe ich zufällig im Innenbereich des großen Straßencarrees zwischen Ruijin No. 2 Lu – Jian Quo Chang Lu – Sinan Lu und Tai Kang Lu alte dritte, vierte, fünfte, usw. Hinterhöfe entdeckt, die woanders Slumbewohnungen sind, hier aber zu einem Schicki-Micki-Künstler-Kneipen-Szene-Gebiet mit über tausend kleinen Lokalen und Geschäften in einem pittoresken Gassengewirr umgewidmet sind. Dorthin habe ich meine Kollegen zu unserem Essen heute Abend geführt. Alles wirkt sehr westlich oder international, die Lokale, die Boutiquen, das Speisenangebot, die Getränke und die Preise. Es war unser bisher teuerstes Abendessen (Pizza und Lasagne mit Messer und Gabel). Das Publikum, das herumschlendert, ist anders als die normale Shanghaier Großstadtbevölkerung. Auch das ist Shanghai. Wir saßen ganz gemütlich im Freien, haben uns intensiv über unsere Erfahrungen mit den Studenten ausgetauscht, uns gegenseitig Ideen und Anregungen gegeben und uns richtig wohl gefühlt. Um kurz nach 18.00 Uhr geht zurzeit die Sonne unter, dann ist es immer noch sehr warm. Ich habe noch nie etwas anderes als kurze Hemden getragen, aber nur deshalb, weil ich nicht wie andere Chinesen nach Sonnenuntergang mit nacktem Oberkörper herumlaufen will.



Die vielfache Hinterhofbebauung des nächstöstlichen Häusercarrees zwischen Ruijin No. 2 Lu – Tai Kang Lu – Sinan Lu und Xu Jia Hui Lu ist nicht erhalten geblieben, sondern komplett abgeräumt worden. Der Baugrube nach zu urteilen, werden dort in Kürze weitere Wolkenkratzer entstehen, auf dass der Eigentums- und Mietwohnungsleerstand weiter wachse. Ich glaube, dass viele Immobilieninvestoren sich verspekuliert haben – das wird die Zukunft zeigen. Am Samstag hatte ich mich in einem Immobiliengeschäft über den Kauf oder die Miete einer Wohnung beraten lassen, allerdings die angebotene Besichtigung (noch) nicht in Anspruch genommen. Preise werden, hier üblich, in 10.000 Yuan angegeben. 290 ist also 2,9 Mio. Yuan Kaufpreis für 156,06 m² (entspricht 18.500 Yuan oder 1.850 Euro pro m²; 1500 Yuan für 302,13 m² ergibt ca, 50.000 Yuan oder 5.000 Euro pro m²). Die Ziffernfolge 3/2/2 bedeutet 3 Schlafzimmer/2 Arbeitszimmer (Küche)/2 Bäder. Im Angebot standen Wohnungen in Hochhäusern, die je nach Ortsteil und je nach Stockwerk unterschiedlich teuer verkauft oder vermietet werden.

Erkenntnis des Tages: Altbewährte Konzepte lassen sich mit moderner Technik noch verbessern.

Montag, 1. September 2008

Der Jun Gong-Campus

Der Campus draußen am Jangtse
Heute war, schon letzte Woche geplant, mein erster Besuch im Jun Gong-Campus der USST. Dieser Ur-Campus ist der Größte und liegt am nördlichen Stadtrand, nahe dem Huangpu-Fluss, der heute, nach der immensen Ausdehnung Shanghais die Stadt mittig durchfließt, aber vor wenigen Jahrzehnten noch die östliche Grenze darstellte. Ein wenig weiter nördlich mündet der Huangpu in den Jangtsekiang, der gleich darauf östlich, noch innerhalb des autonomen Gebietes von Shanghai, ins östliche Chinesische Meer mündet.
(Jangtsekiang ist die deutsche Bezeichnung des englischen Yangtze und bezeichnet eigentlich nur das Mündungsgebiet des Flusses; in China ist diese Bezeichnung, außer für Touristen, unüblich. Der Jangtse spielt im Selbstverständnis der Chinesen eine große Rolle. Er teilt China in Nord- und Südchina und war Ort zahlreicher wichtiger Ereignisse der chinesischen Geschichte. Dazu zählt etwa seine Überquerung durch die Volksbefreiungsarmee während des Chinesischen Bürgerkrieges am 21. April 1949 und das bis Mitte des 20. Jahrhunderts bestehende Recht westlicher Mächte, den Fluss mit Kanonenbooten zu befahren. Richtig heißt er Cháng Jiāng, das bedeutet „Langer Fluss“. Mit 6380 km ist er der längste Fluss Asiens und der drittlängste der Erde und hat ein Einzugsgebiet von knapp 2 Mio. km². Der berühmt-berüchtigte Drei-Schluchten-Staudamm liegt also gar nicht am Jangtsekiang. Bitte merken, falls die Frage mal bei Günther Jauch kommt – übrigens, ich glaube, auch ein überdurchschnittlich gebildeter Deutscher würde beim chinesischen „Wer-wird-Millionär“ schon bei der 50 Yuan-Frage scheitern).



Verschiedene Personen, unterschiedliche Aufgaben
Ich hatte mich mit Xu Zhi Lin, dem mir zugewiesenen Laborassistenten, (nicht zu verwechseln mit Xu Jing Wei von Joint-College) schon letzte Woche verabredet, und wollte gleich nach meiner montäglichen Frühvorlesung mit den U-Bahn-Linien 1 und 8 und danach mit der Busline 6 und 10 Minuten Fußweg eine lange Reise unternehmen, um noch vor Mittag, also so früh wie möglich, die Besichtigung der Laboreinrichtungen zu beginnen. Denn allerspätestens um 17.00 Uhr, so wurde mir ganz höflich und verbal voll auf meine Wünsche eingehend bedeutet, hätte ich gefälligst wieder verschwunden zu sein! Xu lǎoshī (Anrede etwa „Herr Lehrer Schö“) hatte wohl von meinem Kommen berichtet, und nun wurde eine offizielle Sache aus meinem Arbeitsbesuch. Gemeinsam mit der Direktorin der Abteilung Maschinenbau des Joint-College, Frau Sun, und meinem Maschinenbau-Professorenkollegen wurden wir pünktlich zum Mittagessen von Dekan der Fakultät Maschinenbau der USST, Herrn Li, erwartet und am Eingang vom grüßenden, siebenfach überlebensgroßen Vorsitzenden Mao empfangen.
(Da es in China so wenige Nachnamen gibt, kann es mit der eindeutigen Benennung, vergleichbar mit unserem „Herr Hornberger“ gar nicht funktionierten: Welcher Xu, Li, Sun oder Hong ist denn gemeint? Offiziell kommt also immer der Titel oder die Rangbezeichnung dazu; inoffiziell eine bildliche Beschreibung, z. B. der deutschsprechende Xu in unserem Joint-College ist „der kleine Xu“; der ebenfalls deutsch sprechende Dekan Li der Maschinenbaufakultät ist „der Masch-Li“ (vom deutschen Wort Maschinenbau). Bei meiner ersten Stelle beim Daimler sprachen alle auch nur vom „dicken Wahl“ und vom „Glatzen-Wahl“, und jeder wusste sofort, welcher Herr Wahl gemeint war – inoffiziell natürlich nur).

Kommilitonen am Campus
Frau Sun war es ganz, ganz wichtig, auf jeden Fall pünktlich zu kommen. Denn das Joint-College ist seit 2006 eine eigenständige Einheit der USST und nicht mehr Teil der Fakultät. Auch die Labors sind nicht mehr den Fakultätsdekanen zugeordnet, sondern stellen eine eigenständige Dienstleistungseinheit dar. Das Joint-College muss 5.000 Yuan pro Jahr und Student an die USST für in Anspruch oder nicht in Anspruch genommene Leistungen abführen und an die Labormitarbeiter direkt pro Stunde 20 Yuan für die Laborbetreuung seiner Studenten zahlen. 5.000 Yuan p.a. ist die normale Studiengebühr an der USST; die Studenten am deutschen Joint-College zahlen 15.000 Yuan im Jahr. Immerhin 100 Erstsemester werden pro Jahr (Immatrikulation nur im Wintersemester) im deutschen Joint-College für das vierjährige Studium aufgenommen. Das Sino-Britische-MBA-College ist wesentlich größer, verlangt 60.000 Yuan Jahresstudiengebühr, will weiter wachsen und den gesamten Fuxing-Campus für sich übernehmen. Das deutsche Hamburg-Shanghai-Joint-College droht auf den Jun Gong-Campus abgeschoben zu werden.



Ein traditionsreicher Standort
Wir fuhren mit dem Taxi auf der Hochstraße von unserem schuckeligen 48 Mu (ca. 32.000 m²; 1 Mu = 2000/3 m²) großen Innenstadtcampus weit vor die Stadt zum Jun Gong-Campus, wo das Studenten- und sonstige Leben in weiter Umgebung nach Vorlesungsende aus total toter Hose besteht. Warum so weit weg? Inmitten eines Industriegebietes? In Hörweite der Seeschiffe, deren Typhoon-Hörner ich hin und wieder vernahm und sofort Hamburg-Hafen-Assoziationen bekam? Immerhin hat das USST (University of Shanghai for Science and Technology; chinesisch: Shang Hai Li Gong Da Xue = Shang (eigentlich: über)-Hai (eigentlich: Meer)-Naturwissenschaften-Engineering-groß-studieren) gerade sein 100-jähriges Jubiläum dort am Ort gefeiert und ist nicht etwa erst später auf den heute auf 670.000 m² beträchtlich vergrößerten Campus gezogen. Jun Gong-Campus, das heißt Armee-Arbeit(oder Werk)-Campus, war früher die militärische Lehranstalt für den Bau von Kriegsgerät, vor allem für die Marine. Daher die Nähe zu den Werften des Hafens von Shanghai. Damals hieß die Hochschule Hu Jiang Da Xué (Shanghai-Huangpo-groß-studieren). Heute erinnert gar nichts mehr an die frühere Zweckbestimmung. Neben einigen wenigen Altbauten sind vor allem viele Neubauten in ähnlichem Universitäts-Bauten-Stil wie am Fuxing-Campus zu sehen (überwiegend hell-roter Ziegel oder Ziegel-Imitat). 30.000 Studierende hat das USST, davon 2000 (incl. Masterstudiengänge) in der Maschinenbaufakultät. Das Bibliotheksgebäude, das auch das Rechenzentrum der Universität beherbergt, ist gewaltig.



Zum Mittagessen gab es Small talk und den Austausch von Honneurs (oder umgekehrt), nicht in der Mensa, sondern im Universitätsrestaurant, aus Zeitersparnisgründen verschiedene Leckereien auf einem Portionenteller für jeden vorbereitet, eine Schüssel Reis für jeden und für alle eine Terrine Suppe, die in China traditionell als letztes gegessen wird. Danach ging es zum Fotografieren vor den 100-Jahre-Erinnerungsstein mit dem symbolischen, ca. 10 m² großen Bambuswäldchen (Die Sprossenachsen des Bambus wachsen in immer gleichlangen und gleichdicken Internodien einer nach dem anderen in die Höhe und symbolisieren damit das wissenschaftliche Wachstum, das stets auf den Vorhergehenden aufbaut). Eigentlich wollte ich meine Zeit nutzen, die Laborversuche für die Studenten vorzubereiten, und nun war mein Zeitplan schon um drei Stunden überschritten.

Unterschiedlich intensive Studentenbetreuung
Aber kein Problem, denn in den Labors, die mir in allen Details überreichlich freundlich präsentiert wurden, gab es nicht besonders viele Ansatzpunkte für Laborversuche, die die völlig unvorhandenen praktischen Kenntnisse der Studenten hätten weiträumig abdecken können. Immerhin, es gibt in mehreren flächenmäßig sehr großzügig bemessenen ehemaligen Fabrikhallen u. a. eine kleine Presse und eine zweite sehr kleine. Die deutsche UVV (Unfallverhütungsvorschrift) würde beide Pressen wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen (die Zweihandbedienung kann ganz leicht überlistet werden; der Lichtvorhang hat eine Höhe von Feigenblattgröße und gleichnamige Funktion) sofort stilllegen. Ich bin sicher, dass die chinesische UVV das auch tun würden, wenn man sich an die Vorschriften hielte oder einen chinesischen Sicherheitsingenieur in die Nähe der Pressen heranließe. Die kleinen Werkzeuge waren von Flugrost überzogen und standen lieblos in der Ecke auf dem Boden herum. Ich bestand trotzdem darauf, dass den Studenten Tiefziehversuche präsentiert werden. Dazu muss in aller Eile ein Luftpresser repariert werden, der zurzeit ausgefallen ist. Laborversuche, wie an der HAW, wo ganz kleine Gruppen bestimmte fertigungstechnische Versuche eigenständig theoretisch vorbereiten, selber praktisch durchführen und dann schriftlich nachbereiten müssen, gibt es gar nicht. Den Studenten werden von den Assistenten die Versuche vorgeführt – das ist alles. Nur eine Einrichtung hat mir besser gefallen als bei uns an der HAW: Es gibt 24 PC-Arbeitsplätze mit direkter Kopplung zu 4 CNC-Drehmaschinen und 3 CNC-Bearbeitungszentren, wo die Studierenden die gesamte NC-Prozesskette von der Teilekonstruktion über die Fertigungsplangestaltung und die NC-Maschinenprogrammierung bis zur Programmkompilierung und der NC-Fertigung durchführen können.



Die Laborausstattung
Eine neu gelieferte italienische Kunststoffspritzgießmaschine war wegen eines verklemmten Teils im inneren nicht betriebsbereit. Eine Senkerodiermaschine hatte keinerlei Anzeigemöglichkeit von Betriebsdaten, zwei Drahterodiermaschinen waren total ausgefallen. Für Experimente stand eine Rapid Prototyping-Maschine nach dem FDS-Verfahren zur Verfügung, die ich auch eingesetzt sehen möchte für die Präsentation bei den Studenten. Ich konnte mit dem Labor-Xu ein Modellteil abstimmen, dass während der Anwesenheit der Studenten fertig werden wird.
Im Großen und Ganzen ist das Labor auf Zerspanungsmaschinen mit Schwerpunkt Schleiftechnik ausgerichtet und gut ausgestattet, was ich in diesem Semester gar nicht lesen werde, sondern was erst im nächsten Semester unter der Ägide eines Kollegen von mir dran ist. Frau Sun war die Mediokrität des Labors sichtlich peinlich, denn Sie kennt die Hamburger Labors der HAW (bei ihrem Aufenthalt in Hamburg hatte Sie ihren Gastarbeitsplatz bei mir in der schönen Pressenhalle der DaimlerChrysler-Stiftungspresse gehabt). Wir haben gemeinsam intensiv andere Möglichkeiten diskutiert, wie man den Kenntniszuwachs bei den Studenten besser hinbekommen kann. Die Chinesen sind Meister der Improvisation und des Durchsetzens dessen, was sie sich vorgenommen haben. Wir werden eine gute Lösung finden!
Die Ingenieur-Professoren der USST sind stark darauf ausgerichtet, ihr Know how und ihre Arbeitsleistungen vornehmlich in die Konstruktion und Berechnung neuer Fertigungssysteme zu stecken, die von den Laborassistenten dann gebaut werden. Das erfolgt auf Regierungsauftrag für chinesische Produktionsunternehmen. Solche „Projekte“ erfolgreich umzusetzen ist für Professoren in China neben vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen ganz wichtig, wenn sie Stufen auf der Karriereleiter erklimmen wollen. Alle acht Jahre wird ein solcher Leistungsträger von der Regierung, das ist gleichzusetzen mit der Kommunistischen Partei Chinas, an eine andere Universität versetzt und befördert. Die Hochschulen werden immer von einem Zweiergespann geleitet: einem Wissenschaftler, Doctors supervisor genannt, und einem Sekretär der KPCh. Die USST hat 12 Professoren und 30 Vizeprofessoren. Alle anderen Mitarbeiter heißen Lǎo Shī – Lehrer; auch die in der Verwaltung. Masch-Li ist Schleifspezialist und arbeitet mit der Universität Stuttgart zusammen. Am Maschinenbaulabor prangt eine Plakette mit der Aufschrift „Key Laboratory of Precision Grinding“. Seit zwei Jahren ist Masch-Li Chef über diesen mitarbeiterstarken Bereich der USST und er verfügt nach anerkennender Meinung seiner Mitarbeiter über ein grandioses Netzwerk an Beziehungen.

Eine Würdigung
Mein Bericht über die Laboreinrichtung und das Joint-College ist nun doch länger und vielleicht auch langweiliger ausgefallen als ich geplant hatte. Nun hoffe ich sehr, dass ich nach meiner Rückkunft in Hamburg nicht zu einem zehnminütigen Abschlussgespräch zu meinem Präsidenten gerufen werde, weil ich als loyaler Hamburger Staatsbeamter eine Aktennotiz über die mir zur Kenntnis gekommenen Fakten verfasst habe und diese der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Sowas soll in Hamburg unverdiente Folgen haben, wie ich hier in der Ferne mit großem Bedauern zur Kenntnis nehmen musste.



Verkehrsführung
Zurück in die Innenstadt ging es wieder über das Hochstraßensystem, das ausschließlich für PKW (auch keine Busse) freigegeben ist. Unterwegs wiesen mit Leuchtdioden bestückte Vorwegweiser nicht nur den Weg (nur chinesische Beschriftung!), sondern zeigten mit grün-gelb-roter Farbabstufung die momentane Stauerwartung in den nächsten Abschnitten an, so dass unser Taxifahrer sich rechtzeitig für Ausweichstrecken über andere Hochstraßen entscheiden konnte. Die Hochstraßen (man beachte die Blumenkästen mit Grünpflanzen rechts und links entlang der ganzen Hochstraße!) verlaufen kreuzungsfrei mit kürzest möglicher Streckenführung. Das bedingt ziemlich steile Rampen in mehreren Ebenen übereinander. Klar, dass diese Straßen für den Schwerlastverkehr ungeeignet sind. Taxifahren ist öffentlicher Verkehr wie Busfahren, man kann sich den Fahrpreis von der U-Bahn-Geldwertkarte abbuchen lassen. Neben einer Grundgebühr zahlt man nach km-Entfernung ohne Zeitkomponente. Trinkgeld ist nicht üblich in Shanghai, es wird nirgends gegeben noch erwartet. Die Wegekenntnisse unserer beiden Taxifahrer waren unterschiedlich. Die Hinfahrt hat 69,- Yuan, die Rückfahrt 44,- gekostet. Dazu musste der zweite Fahrer die Hochstraße zweimal verlassen, einen Rechts-links-Haken schlagen, und natürlich immer wieder in jede Lücke drängeln bevor es ein anderer tat.

Erkenntnis des Tages: Jede Welt hat ihre eigenen Werte- und Erfolgssysteme; die Einen passen dort hin, die Anderen hier hin. Manche gibt’s, die wären überall erfolgreich, andere nirgends.