Sonntag, 14. September 2008

Im Zirkus

Ins Staunen versetzt
Der heutige Sonntag war von morgens an verregnet, und der Niederschlag kam aus so tiefhängenden Wolken, dass die Wolkenkrater vor dem Fenster oben wie in dunkelgrau gefärbte Watte eingepackt wirkten, während der sie unten gut zu sehen waren. Das war genau das richtige Wetter um einen Tag „daheim“ zu verbringen. Meine Kollegen teilten diese Absicht, und wir verabredeten uns, uns erst am Abend zu treffen, um gemeinsam in den Zirkus zu gehen und vorher noch einen Bissen zu uns zu nehmen. Unter Zirkus versteht man hier chinesische Artistik, also keine Clowns und keine Tiere. Das Zirkuszelt ist ein riesiger Massivbau mit im Dreiviertelkreis ansteigenden Rängen von Plüschklappsesseln. Wir haben uns Tickets in der mittleren Preislage zu je 180 Yuan geleistet und saßen und sahen sehr gut. Um 19.30 Uhr ging es los, nachdem so eindringlich und so überwacht auf das Foto- und Videoaufnahmeverbot hingewiesen wurde, dass selbst hartleibigste chinesische Vorschriftenübertreter sich nicht wagten, ihre Geräte zu zücken. Deswegen heute kein Bildmaterial. Nun kennt man chinesische und auch andere Akrobatik auch in Europa sehr vielfältig und meine Begeisterung, in den Zirkus zu gehen, beschränkte sich in den letzten Jahrzehnten darauf, kleinen Kinder als der tolle Papi oder gute Onkel eine so überschwängliche Freude zu bereiten, dass das die eigentliche Genugtuung für den lieber anders verbrachten Nachmittag war. Vermutlich bin ich wegen der noch ausbleibenden Enkel schon zu lange nicht mehr im Zirkus gewesen. Ich war jedenfalls begeistert und meine Kollegen neben mir auch. Das war nicht eine Aneinanderreihung artistischer Kunstfertigkeiten, sondern ein durchchoreographiertes 100-Minuten-Programm, bei dem Lichtprojektionen, Überraschungseffekte, moderne Livemusik und natürlich die in Staunen versetzende akrobatischen Leistungen bei mir echte Verzückung auslösten.



Vor allem die Flip-Flop-Springer hatten es mir angetan und der Höhepunkt ganz zum Schluss, als in einem Kugelkäfig von vielleicht fünf Metern Durchmesser Motorradfahrer in der Waagerechten und auch über Kopf auf der Kugelinnenoberfläche herum sausten. Im Prinzip kann man das auch auf dem Hamburger Dom oder dem Cannstatter Wasen bewundern; hier haben die Jungs und ein Mädel das aber zu acht gleichzeitig im Käfig zustande gebracht. Die Chinesen mögen es halt überall ein bisschen enger zusammengedrängt. Ich fühlte mich an mein Hamstererlebnis erinnert, diese Künstler genossen ihren Auftritt und die Bewunderung sichtlich, und man konnte sich nach der Show vor einer Fotowand gemeinsam mit ihnen ablichten lassen.



Heimfahrt im Bus
Auf der Rückfahrt erwischten wir einen Bus mit Schaffnerin zusätzlich zum Fahrer, von denen es hier viele gibt. Der Bus war mit der gleichen typischen Ausrüstung wie die schaffnerlosen versehen: Flachbildwerbebildschirme, elektronische Fahrkartenabbuchung, Haltestellenansage vom Band, Klimaanlage, Vorhänge vor den Fenstern und plastikfolienüberzogene Hartschalensitze mit Stoffkern. Wer mit Papierfahrschein oder Bargeld zahlt, wirft das sonst in einem Kasten beim Buseinstieg. Hier bekam man den Service am Sitzplatz (von denen es am Abend genug gab). Zwei Sitzplätze gehen durch den Arbeitsplatz der Frau verloren. Das rote Fähnchen, das sie beim Stopp an den Haltestellen, die Radler vor den aussteigenden Fahrgästen warnend, zum Seitenfenster herausstreckt, beachten diese genauso wenig wie das bei rot Pfeiffen der Hilfspolizisten an den Straßenkreuzungen. Für die geringe Notwendigkeit ihrer Tätigkeit machte die Schaffnerin überproportional laut auf ihr Tun aufmerksam.
Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es doch von den Shanghaiern streng befolgte Vorfahrtsregelungen gibt: PKW vor Roller, Roller vor Fahrrad, Fahrrad vor Fußgänger. Da gibt auch keinen Neid, wie in Deutschland bei den Vorfahrtsrechterzwingern: jeder erstrebt den Aufstieg in die Lage, sich auch mal vor den anderen drängen zu können.

Erkenntnis des Tages: Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, sein Publikum für sich zu gewinnen.

Samstag, 13. September 2008

Qi Bao per Rad

Fahrraddiebstahl
Am Samstagmorgen strahlte die Sonne von einem leicht bewölkten Himmel ohne die übliche Dunstschicht, also genau recht für die offizielle Unternehmung des Vortages. Dabei hatten wir gestern mit dem Wetter Glück gehabt, denn es war von einem Taifun die Rede, der sich über dem Chinesischen Meer zusammenbraute und dessen Zugrichtung noch nicht vorhersagbar war.
Für den heutigen Samstag hatten wir von einem der vier Professorenkollegen den Tipp „Qi Bao“ bekommen. Ich hatte den Weg zu diesem 18 km von der Innenstadt Shanghais entfernt und außerhalb unserer Touristenkarten verzeichnet liegenden Ort herausgefunden, und wir beschlossen eine Radtour dorthin zu machen. Man kann auch direkt zur Haltestelle Qi Bao mit der U-Bahn-Linie 9 fahren; das weiß man aber vorher nur, wenn man eine Karte hat, die nicht älter als sechs Monate ist, so schnell ändern sich die kartografischen Eintragungen.
Ausgerechnet dem heißen Tippgeber war am Vortag das Fahrrad gestohlen worden und nun war guter Rat teuer. Gutes Rad sollte aber nicht zu teuer sein, deswegen war der erste Weg heute früh der zum Fahrradhändler. Unsere Fahrräder hier in Shanghai haben Vorgänger von uns früher mal gekauft, und für die Nachfolgenden deutschen Professoren werden sie vom Joint College aufbewahrt. Auch wenn der Erwerb vordergründig nur für die restlichen 6 Wochen getätigt wird, handelt es sich doch um eine Anschaffung fürs Leben – sofern der Diebstahl des abgeschlossenen Rades aus dem Fahrradkeller, der eher den Charakter einer Tiefgarage hat, nicht dazwischen kommt. So ein Fahrradkauf muss professionell ausgefeilscht sein und bedarf eines intensiven Händlervergleichs, was schließlich in der Einsparung von 200 Yuan mündete und für einen von uns wertvolles Wissen über den derzeitigen Shanghaier Fahrradmarkt zum Ergebnis hatte, während die anderen drei einen etwas verspätet begonnenen Tagesausflug mit Überraschungen auf sich nehmen mussten.



In die Vororte
Dank der überall hervorragenden Ausschilderung der allergrößtenteils reißbrettartig in Nord-Süd- oder Ost-West-Richtung angelegten Straßen auch mit lateinischen Buchstaben, ist die Orientierung für mich, wenn ich Karte und Kompass habe, recht unproblematisch. Die Karte brauche ich, weil alle Stadtteile immer wieder genau gleich aussehen, obwohl sie stets verschieden sind und ich mit den meist zweisilbigen chinesischen Straßennamen nichts assoziieren kann: war es die Chang Ling oder die Qian Cheng oder die Zhen Ping oder gar die Chong Chung, wo ich abbiegen wollte? (Die Straßenschilder zeigen fast immer vier chinesische Schriftzeichen auf, aber das vorletzte heißt meistens Nan Bei Xi Dong oder Zhong – Süd Nord West Ost oder Mitte – und das letzte am aller häufigsten Lu – Straße. Diese Zeichen kann ich inzwischen sicher lesen.) Den Kompass brauche ich, um immer wieder die Richtung festzustellen, denn auch wenn die Sonne nicht vom Dunst versteckt wird, leuchtet sie trotz im Herbst zunehmender Inklination mittags fast senkrecht vom Himmel herab und wirft keinen eindeutig gerichteten Schatten. Außerdem hatte ich erfahren, dass die Kinder heute bereits im Kindergarten Englisch als Fremdsprache lernen – also im Notfall kann ich mich durchfragen.
Kurz hinter dem neugebauten, riesigen Olympia-Fußballstadion (das alte, nicht ganz so riesige Stadion steht direkt daneben) erreichten wir die innere Stadtring-Autohochstraße, die, ähnlich wie in Paris die Periferique den Übergang zu den dortigen Banlieus darstellt, hier mit einer spürbar anderen Bebauung den Wechsel in die Vororte ankündigt. Es gibt keine Wolkenkratzer mehr, nur noch Hochhäuser, das Straßenbild wird ärmlicher und ungepflegter, die Ausfallstraßen sind breiter, aber es bleibt weiter städtisch; von Landleben lange noch keine Spur. Der heute hauptsächlich für nationalen Flugverkehr genutzte International Airport Hongqiao liegt mitten im Stadtgebiet, wie Tempelhof in Berlin, jedoch mit beträchtlich stärkerem Flugaufkommen hauptsächlich größerer Airbus und Boeing Single-Aisle-Maschinen, die mir in der Einflugschneise zum Beobachten schön nah über den Kopf hinweg geflogen sind. Viel weiter zuvor auf dem Weg nach Qi Bao flogen die Golfbälle, denn unser Weg führt an zwei mehrstöckigen und sehr gut besetzten Driving Ranges vorbei, die gegen die Schädelzertrümmerung zufälliger Passanten mit von mir so hoch noch nie gesichteter Fangnetzte umhegt waren. Dort gab es entlang der Straße viel Golf-Pro-Geschäfte mit günstigen Angeboten internationaler Anbieter. Ich kaufte mir vorsorglich ein blaues Regencape, das man beim Fahrradfahren weit nach vorne und hinten rüberspannen kann, und unter dem man trocken bleibt, denn ziemlich genau zur Mittagszeit hatte eine kurze Regenhusche mich mit meinen beiden Kollegen spontan zur Verkostung einer Rindfleisch-Nudelsuppe in das nächstgelegene Restaurant getrieben – aber konnte ich wirklich sichergehen, dass die Speiseeinnahmezeiten zeitlich stets so geschickt mit dem fallenden Himmelsnass abgestimmt und auch noch ein Wirtshaus in unmittelbarer Nähe sein würden?

Ortsuche mit Fremdsprache
Qi Bao sah genau so aus, wie alle anderen Ortskerne: die Bebauung wurde dichter, der Verkehr auch, die Häuser wurden höher, es gab mehr Geschäfte, mehr Menschen, mehr Trubel. Wo war die gesuchte Altstadt? In Hamburg findet man die Reste der alten Ortskernbebauung ja auch nicht ohne weiteres, wenn man als Ortsfremder in Wandsbek, Niendorf oder Ottensen an den neuen Einkaufsmittelpunkten angelangt ist. Kein Problem, denn es gab mehrere freiwillig uns zur Hilfe eilende englischsprachige Chinesen, die den besten Willen hatten, Gutes zu tun und ihre Kenntnisse mitzuteilen. Von dem Wortpaar „Old City“ verstand niemand weder den ersten Teil, noch den zweiten. Aber mein richtig „Qi Bao“ ausgesprochenes Qi Bao verstanden sie auf Anhieb und kombinierten die Vokabel „Yes“ mit einer Auf-und-Ab-Pumpbewegung der Hand mit nach unten ausgestrecktem Zeigefinger. Ich bekam also auf Englisch bestätigt, was ich schon wusste: wir waren da. Zum Glück warb just an diesem Platz eine überdimensionale Plakatfront für die malerische Altstadt, so dass ich jetzt mit nunmehr meinem ausgestreckten Zeigefinger pumpend darauf zeigend meine Englischkenntnisse vorführen konnte, und wir uns endlich verstanden: Zwei Straßen weiter, und wir waren schon am Ziel angelangt.

The power of education is limited to those few cases where it is superfluous.
Richard Feynman

Der Zeigefinger scheint international verstanden zu werden. Mit dem Mittelfinger, der in Deutschland zu einer Anklage vor Gericht führen könnte, würde man hier niemanden beleidigen. Aber die Antwort auf die Scherzfrage: „Wie bestellt ein Schreiner in der Kneipe fünf Bier?“ (Er streckt alle fünf Finger einer Hand aus. Wegen vorangegangener, berufsgenossenschaftlich anerkannter Arbeitsunfälle sind aber nur noch Daumen und Zeigefinger übrig geblieben) würde in China zur Lieferung von acht Bieren führen. Denn die Chinesen zählen mit einer Hand bis zehn (die Ziffer zehn kann man auch mit der Faust, bei der die gekrümmten Finger zum Angesprochenen hinzeigen, bilden). Bei Telefonnummern und technischen Größen werden auch hier die bei uns üblichen sogenannten arabischen Ziffern benutzt, aber die chinesischen Zeichen werden in Aufzählungen, für die Uhrzeit, die Monate und in sonstigen Tabellen genauso häufig verwendet wie arabische.


Traditionelle Chinesische Stadt
Qi Bao heißt „Sieben Schätze“ und ist eine an zwei Wasserkanälen gebaute 40 mu (2,6 km²) große Stadt aus der Song-Dynastie (960-1126), die in der Ming-Dynastie (1368-1644) und auch danach in der Qing-Dynastie (1644-1911) wirtschaftlich florierte. Heute ist sie ein noch lebendes Fossil des antiken Chinesischen Städtebaus, und man hat erkannt, dass so ein Schatz der Moderne nicht weichen darf, weswegen die Altstadt 2002 renoviert wurde. Der Name kommt vermutlich vom Qi Bao-Tempel her, der schon aus der Zeit der fünf Dynastien und 10 Statten (907-960) stammt, weitreichende Reputation hatte und das abgelegene Qi Bao bekannt machte.


Die Volkslegende sagt jedoch, dass sieben Schätze, die in Qi Bao zu finden waren, den Namen begründen: eine große Bronzeglocke aus der Ming-Dynastie, die auf mysteriöse Weise angeschwemmt wurde; eine Gold-Lotus-Schrift, die von einer kaiserlichen Konkubine im 10. Jahrhundert geschrieben wurde; ein eiserner Buddha, ebenfalls aus der Ming-Dynastie, ein 1000 Jahre alter Chinesischer Trompetenbaum (Catalpa bignonioides), eine Jade-Axt, ein goldener Hahn und ein Paar Jade-Stäbchen. Nur für die Existenz der ersten vier gibt es schriftliche Belege und nur die Glocke und die Schrift haben es bis heute überstanden.


Für je 30 Yuan erwarben wir eine Kombi-Eintrittskarte (einer meiner Kollegen, der schon im Ruhestand ist und letztmalig einen Shanghai-Einsatz macht, legte Ausweis vor um Rentnerrabatt zu bekommen: das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich auch als Senior durchging), die uns berechtigte, acht mehr oder weniger historisch nachempfundene Einrichtungen zu besichtigen, von denen wir ein Bauernkontor, Zhous Haus der Miniaturen-Steinschneiderei, eine alte „Wein“-Kelter und das Zhang Chongren Museum und das „Cricket House“ schafften.


Die ganz schmalen Sträßchen erinnerten mich an die Drosselgasse in Rüdesheim, wo man ja auch echte, typische, traditionelle Lokalkultur bestaunen kann. Jedoch, während am Rhein vorwiegend amerikanische und japanische Touristen anzutreffen sind, gab es hier ausschließlich Chinesen. Die vielen kleinen Kunsthandwerk- und Antiquitätengeschäfte, feinen Teehäuser, Kaligraphieläden, traditionellen Apotheken und die Vielzahl verschiedener Fressbuden regte meine Augen ob der Auswahl ihrer Angebote und den Appetit der Chinesischen Besucher an: es gab polierten Reis mit Bohnenmus in Lotusblättern, geröstete Süßkartoffeln, geräucherte Kröten am Spieß, kandierte Küken am Stiel, gedünstete Schweinehappen mit weichgekochter Schwarte, Fettschicht und Fleisch, quietschbunte Süßigkeiten und vieles mehr.


Wir entschieden uns angesichts dieser verlockenden Gaumenkitzel für drei verschiedene Sorten grünen Tee im Separee eines typischen Teehauses, wo ich mich fühlte, als sei ich im Hotel Lindtner in Hamburg-Harburg: Die Atmosphäre der beiden Etablissements ist natürlich total unvergleichlich, nicht aber die Preise für einfache Getränke.


Im Haus der Miniaturen-Steinschneiderei waren über mehrere Etagen lauter Vitrinen aufgestellt, in denen die Werke eines zeitgenössischen Künstlers, Herr Zhou, und seiner Tochter ausgestellt sind. Lauter klassisch-traditionelle Gegenstände sind haarfein und ins kleinste Detailgetreu nachgebildet. Spruchsteine sind übersät mit chinesischen Schriftzeichen, die so winzig sind, dass man sie nur mit der Lupe lesen kann (so man denn des Chinesischen mächtig ist.
Beim Cricket House assoziierte ich zunächst, die Engländer hätten während ihrer Kolonialperiode dieses langweilige Ballspiel auch auf die Chinesen übertragen. Cricket meint hier aber die Grillen, die erforscht, gezüchtet und gehandelt wurden, weil Grillenkämpfe in banquetttischgroßen „Arenen“ seit Jahrhunderten ein „Sport“ der traditionellen Chinesen war, die die Viecher unter Einsatz hoher Wettprämien gegeneinander antreten ließen. Die ganze Biologie der Tiere und alle Gerätschaften und Methoden früherer Tage wurden erklärt und vorgeführt.


Zhang Chongren ist ein sehr bekannter Künstler, dem ich bewusst erst in seinem Museum begegnet bin. Er wurde 1907 in Qi Bao geboren, hat in Shanghai früh eine Ausbildung an der französischen Tu Shan Wan-Kunstschule genossen und hat in Brüssel an der Académie des beaux-arts studiert. Er wurde mit Hergé, dem Comiczeichner von Tim und Struppi zusammengebracht, als dieser ein Heft über China mit dem Titel Le Lotus bleu (Der blaue Lotus) herausbringen wollte. Hergé hatte andere Ausgaben sehr vorurteilsbeladen getextet und fremde Völker und Systeme kamen dabei sehr schlecht weg. Zhang verhinderte dies beratend durch seine künstlerische Kompetenz. Später kehrte er nach China zurück, machte den Kommunistischen Umbruch mit, wurde in der Kulturrevolution zum Straßenkehrer umfunktioniert, bevor er später als Leiter der Shanghaier Akademie der Künste Denkmäler von Helden der Revolution schuf. Er emigrierte nach Frankreich und starb als französischer Staatsbürger 1998 in Paris. Zhang hat neben der Bildhauerei Aquarelle gemalt, die chinesische und westliche Kunst verschmolzen und für mein Auge sehr schön sind. Sein Atelier hatte er in der Straße, wo mein Hotel steht (Hebei Lu No. 25, Lane 592); diesen historischen Ort will ich demnächst mal aufsuchen.


Die „Wein“-Kelter muss man sich eher wie eine Einrichtung zur kunstvollen Herstellung von Essig, Soja- und Fischsaucen vorstellen, was ein traditioneller chinesischen Beruf war. Da gibt es paar wenige Einrichtungsgegenstände zu sehen. Angeschlossen war ein neuer Laden, der solche und andere Flüssigkeiten verkaufte. Unter anderem gab es den Sud aus eingelegter Schlange, Skorpionen, Ginseng und anderes wegen der dunkeltrüben Einfärbung von mir nicht identifizierbares. Ich habe mir 125 ml von irgendwas in schicker Verpackung mit einem Hahn auf der Tonflasche gekauft und muss mir nun die rein chinesische Beschriftung übersetzen lassen. Ganz sicher ist das wieder etwas, das „good for mens health“ ist.

Eine fröhliche Heimfahrt
Als wir unsere anderthalb stündige Rückfahrt antraten, begann es zu Regnen, wobei wir lange genug unterwegs waren, um alle Darreichungsformen auskosten zu können: leichter Niesel, Sturzbäche, kurze Unterbrechung in wechselnder Folge. Ich war mit meinem Regencape ganz hervorragend ausgerüstet und blieb trocken. Wobei ja auch kein Mensch davon ausgeht, dass ein trockener Weißwein keine Flüssigkeit ist. Ich bin sehr würdevoll meinen Weg gefahren.


Unterwegs begegnete mir eine junge Ein-Kind-Familie, die deutlich machte, warum weiterer Kindersegen unpraktisch ist: ein gemeinsamer Ausflug mit der einzig zur Verfügung stehenden Familienkutsche wäre dann nicht mehr möglich. Nur manche Fahrer größerer Motorräder (125 ccm, Einzylinder) tragen einen Helm, wenn überhaupt. Das sind Halbschalen aus Plastik oder auch freundlich bunt umlackierte Stahlhelme. Die meisten Helmträger lassen den Gurt frei baumeln; das gilt auch für die Polizei. Im Falle eines Sturzes ist der Helm vom Kopf, noch bevor er auf dem Boden aufschlägt. Leder-Schutzkleidung sollte man in Shanghai nicht tragen, weil man dann sofort an Hitzschlag sterben würde. Ich trage hier auf meinen Ausflügen immer meine Trekking-Systemhose, die mein Sohn mir empfohlen und die ich im Sonderangebot günstig gekauft habe. Sie ist luftig, leicht zu waschen, trocknet blitzschnell und hat Taschendiebstahl verhindernde Reißverschlusstaschen - und ich bin begeistert.
Die Heimfahrt im Regen fand bei unverändert schön warmen 31 °C statt. Hörte der Regen auf, war der Boden ganz schnell wieder trocken, denn alles Wasser wird gebraucht um die über 90 % relative Luftfeuchte konstant sicher zu stellen. Im Dunkeln bei Regen mit unbeleuchtetem Fahrrad im dichten Verkehr tiefe Pfützen zu umradeln, ruft eine herrliche Vorfreude auf unbekleidetes Chillen bei laufender Klimaanlage hervor. Das ist genau das gleiche Gefühl wie es der ersehnte heiße Grog nach einer Wattwanderung im Winter auf den Nordfriesischen Inseln auslöst – nur irgendwie ganz anders.

Erkenntnis des Tages: Zur passenden Bekleidung bei Regen zählt auch die richtige Geisteshaltung.

Freitag, 12. September 2008

Ganz hoch hinaus

Falsche Hoffnungen geweckt
Als ich heute früh ausstand, waren die Wolkenkratzer verschwunden: starker Nebel verkürzte die Sichtweite so sehr, dass von Shanghai nur noch die Ausdehnung eines Dorfes in der Lüneburger Heide zu sehen war.
Nach der Vorlesung fragten mich einige meiner Studierenden, ob ich mit ihnen zusammen zum Essen in die Mensa gehen wollte. Mit ihnen zusammen gehen wollte ich gerne, in der Mensa essen wollte ich nicht, weil ich lieber die erfolgreiche Serie meines Kalorienverzichts nicht unterbrechen wollte. Das schien mir zu kompliziert, schnell zu erklären zu sein und so sagte ich einfach „ja“ und fand mich darauf, neben dem obligatorischen Reis, u.a. mit Kao Fu auf dem Tablett und mit ihnen am Tisch sitzend wieder (Zur Erinnerung: Kao Fu ist das braune, in Würfel geschnittene Ergebnis einer Soja-Fermentierung von der Konsistenz eines Badeschwamms). Meine Nachbarin sagte, das Gericht heiße „verlässlicher Ehemann“, und ich überlegte mir sogleich, welche medizinähnliche Wirkung die Chinesen dieser Speise wohl nachsagen mögen, von der eine Frau bei ihrem Mann sich besonders verlässlich eine Auswirkung erhofft, die etwas mit Ehe zu tun haben muss. Immerhin lagen gut 25 Kuben auf meinem Tablett und ich konnte noch nicht abschätzen, wie viele davon Wirkung zeigen würden. Denn die Chinesen schreiben jeder Speise irgendeinen Einfluss auf den menschlichen Körper zu. Grüner Tee wäscht z. B. den Magen-Darm-Trakt. Die richtige Lösung meiner intimen Frage ist einer Besonderheit der chinesischen Sprache zu verdanken, die gerne zu Wortscherzen benutzt wird. Kao Fu klingt nämlich wie Kao Fu, und in der einen Bedeutung ist es der Name der Speise und in der anderen heißt es eben „verlässlicher Ehemann“. Es gibt zwar vier Töne, mit denen eine Silbe, für chinesische Ohren hörbar unterscheidbar, ausgesprochen werden kann, trotzdem haben auch die gleich ausgesprochenen Silben immer mehrere Bedeutungen, und stets steht dahinter ein anderes Schriftzeichen. So weist das sehr ergiebige www.chinaboard.de für die Fu ausgesprochene Silbe 67 verschiedene Bedeutungen aus:
氟 Fluor, 副 sekundär, stellvertretend, Vize- 副 Zähleinheitswort für paarweise Objekte z.B. Handschuhe, Brille 复 [復] duplizieren, verdoppeln 复 [復] erneut, abermals 复 [復] wiederholen 复 [復] komplex [Math], 夫 Mann 夫 Fu [Fam] 敷 anlegen, anwenden 肤 [膚] Fell, Haut 孵 ausbrüten, brüten 鈇 Axt, Beil 麸 [麩] Kleie 砆 Achat 趺 Rist 跗 Rist 衭 Rockaufschlag 仏 Buddha 幅 wickeln, drehen 幅 Zähleinheitswort für Kunstwerke z.B. für Gemälde 福 Glück 福 Fu [Fam] 服 einnehmen [Med] 服 etw. auf sich nehmen, übernehmen 服 jmd. überzeugen 服 Kleidung 服 sich einleben/ eingewöhnen/ akklimatisieren 服 Fu [Fam] 浮 gleiten, verhalten laufen [Sport] 浮 Fu [Fam] 浮 treiben, dahintreiben 弗 nicht 弗 Fu [Fam] 孚 vertrauen, sich verlassen, trauen 符 übereinstimmen, zusammentreffen 符 entsprechen, übereinstimmen 符 versiegeln 符 Zeichen 符 Fu [Fam] 刜 drücken, treffen 刜 spalten, abschneiden 扶 helfen 扶 Fu [Fam] 伏 sich unterwerfen, abschicken 伏 verbergen, verhehlen 伏 Volt 伏 Fu [Fam] 葍 Glimmstängel, Glimmstengel [alt] 蚨 Geld 缚 [ 縛 ] verbinden, binden 怫 ängstlich, ängstlich, besorgt 芙 Lotos [Bio] 祓 reinigen 菔 Rübe, Steckrübe 桴 Strahl 艴 aufgebracht, ärgerlich, verärgert.
Als ein Student mir Kao Fu auf Chinesisch aufschreiben sollte, hat er dreimal neu angesetzt, jedesmal ein anderes Schriftzeichen schreibend, und erst nach Beratung mit den anderen hat er das richtige gefunden gehabt. Schade, Kao Fu bringt also doch nicht das, was sein (Scherz-)Name zu leisten verspricht.

In die höchste Höhe hinauf
Am Nachmittag war das Hamburg-Shanghai-College (SHC) wie ausgestorben, denn alle chinesischen Professoren waren zur Erstsemester-Begrüßungsfeier zum Jun Gong-Campus abgefahren und die Studenten nutzen den freien Freitagnachmittag, um etwas früher in das um den Mondfest-Feiertag am kommenden Montag verlängerte Wochenende zu entfliehen. Wir deutschen Professoren waren vom SHC als ganz normale Besucher zur Besichtigung des neueröffneten Shanghai World Financial Center (SWFC), des mit 492 m zweithöchsten Gebäudes der Welt, eingeladen worden. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, die beide auch Xü heißen, waren uns zur Begleitung über den Huangpu nach Pudong und zur Konversation beigestellt. Dass das Gebäude nicht noch um 8 m in die Höhe verlängert wurde, liegt an den japanischen Investoren, denen man nicht den Triumph gönnen wollte, im Herzen des wichtigsten Finanzdistrikts Chinas so eine magische Marke zu knacken. Der Eingangsbereich für Besucher ist ganz nach dem modernen chinesischen Geschmack mit technischem Schnick-Schnack ausgestattet. Alles ist in Stahlgrau und Edelstahlglanz mit glänzend geschliffenen, dunklen Steinplatten gehalten. Es wimmelt von ausschließlich athletisch gebauten männlichen und ausschließlich bildhübschen weiblichen Wegweisern, die dauernd chinesisch und englisch vorgetragene höfliche Sätzen von sich gaben und sich dabei vor den Gästen laufend tief verbeugten, in Wirklichkeit aber ganz sicher auch noch in blitzschneller Terroristenabwehr ausgebildet waren. In ihren für jeden genau passend geschneiderten Anzügen bzw. Kostümen, sah die junge Mannschaft genauso aus, als würden ihnen jetzt nur noch Dietmar Schönherr und Eva Pflug fehlen, um, wie damals in den 60er-Jahren im Deutschen Fernsehen (als es nur ein Schwarz/weiß-Programm gab), dieses moderne Raumschiff Orion endlich abheben zu lassen. Die in geheimnisvollem Dunkel gehaltene Wartezonen-Schleusenbereiche waren und auf genau je eine Aufzugsladung ausgelegt und das stroboskopgestützte Unterhaltungs- und Ablenkungsprogramm war für unbedarfte Gemüter sicher etwas wie die Vorstufe zur bemannten Raumfahrt. Noch nie in meinem Leben bin ich zuvor mit Lichtgeschwindigkeit gefahren, aber nun war ich im Light Speed Elevator – and I survived it!



Oben angekommen hatte ich einen herrlichen Ausblick auf die Nebelsuppe, die den ganzen Tag nicht von der Stadt gewichen war. Entschädigt für den entgangenen Genuss ungetrübter Fernsicht wurde ich von der herzlichen Freude aller chinesischen Besucher die sich angesichts des bevorstehenden Mondfestes nicht einkriegen konnten vor Begeisterung darüber, in der welthöchstmöglichen Höhe gegenseitig fotografieren zu können. Hier waren sie dem für die Chinesen im Herbst so wichtigen Himmelskörper spürbar näher als in ihrem Alltag.



Natürlich konnte man doch durch den Glasfußboden, den viele nicht zu betreten wagten, bis ganz nach unten auf die Straße schauen und auch auf die benachbarten Wolkenkratzer. Der arme Jin Mao-Tower (金茂大厦 jīn mào dà shà Gold-prächtig-groß-Gebäude) war nunmehr, trotz seiner gewaltigen Ausmaße und seiner mit Abstand bedeutenderen architektonischen Schönheit im Vergleich zum SWFC auf den Platz des nur noch fünfthöchsten Gebäudes der Welt degradiert worden. Es mutete mir wie Hochmut an, auf solch ein Gebäude herabzublicken. Auf Pudong gibt es immer noch zentrale Baulücken, wohin noch höhere Gebäude gebaut werden könnten. Und ich bin sicher, dass das auch bald erfolgen wird.
Zum Abschluss haben wir unsere Betreuer zu einem Weißbier in die Paulaner-Brauerei-Gastwirtschaft direkt am Flussufer mit Blick auf die zahlreichen durch den Nebel fahrenden Schiffe eingeladen.



Erkenntnis des Tages: Ware Größe erkennt man nicht an statistisch ausdrückbaren Zahlenwerten

Donnerstag, 11. September 2008

Bescheidenes Praxisangebot

Forschungsergebnisse
Ich hatte gestern noch eine kleine Untersuchung des Hamsterquälgerätes vorgenommen und folgendes festgestellt: Es handelt sich um ein Nachtlicht, dass nicht, wie sonst oft üblich, mit einer Glimmlampe bei Netzspannung betrieben wird, sondern es werden drei kleine LED-Leuchten mit 0,5 W elektrischer Leistung (Angabe auf der Verpackung) versorgt. Beim Betrieb des Gerätes habe ich als Mensch keinerlei Effekt außer dem Leuchten der LEDs festgestellt. Selbstverständlich habe ich die Leuchte auseinander geschraubt und gesehen, dass die drei LEDs (grün - Galliumphosphid (GaP) , blau - Siliciumcarbid? (SiC) und rot - Galliumaluminiumarsenid (GaAlAs)) ganz einfach in einer Dreieckschaltung auf ein abgebrochenes Stück gedruckter Platine gelötet sind und die Stromversorgung zwischen zwei der Dreieckschenkel über einen Widerstand der Kennung rot-weiß-rot-Gold (29,2 Ohm) erfolgt. Wie der Afflicatio-Cricetinae-Effekt (Hamsterpein-Effekt) funktioniert, weiß ich immer noch nicht; aber, obwohl ich nur Maschinenbauer bin, weiß ich, dass der vorliegende Geräteaufbau in Deutschland keine Zulassung erhalten würde – obwohl, es gibt hier hervorragende Imitate aller nur vorstellbarer Dinge, da wird ein CE-, VdE- und TÜV-Rheinland-Zertifikat sicher auch leicht zu bekommen sein.



Lustig ist das Studentenleben
Heute habe ich mir eines der Studentenwohnheime (männlich) auf dem Fuxing-Campus angeschaut, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie die mehr als zweitausend Studierenden von den drei Wohnheimgebäuden aufgenommen werden können. Jetzt weiß ich es. Zwar gibt es verschieden teure Alternativen; die luxuriöseste ist ein Zweibettzimmer mit Klimaanlage (Die Rückseiten von allen Häusern in Shanghai sind übersät von den externen Wärmetauschern der innen in den Räumen befindlichen Klimaanlagen. Dauernd tropft das Kondenswasser auf die Straße. Heizungen, an deren Notwendigkeit ich angesichts der herrschenden Hitze gar nicht glauben mag, gibt es in Shanghai nicht, wie auch sonst nirgends in Südchina. Und die festgelegte Grenze zwischen Nord- und Südchina ist der Jangtsekiang, der Fluss, der in Shanghais Norden an der Stadt vorbei fließt. Das sei als Energiesparmaßnahme schon sehr lange so. Aber weil man mit den Klimaanlagen auch heizen kann, haben die Shanghaier schon wieder eine regierungspolitikkonforme, pragmatische Lösung gefunden).



Die meisten Studierenden wohnen in der Standardversion mit acht Kommilitonen im Zimmer. Dabei hat jeder einen zwei Meter breiten, zwei Meter hohen und ein Meter tiefen Kasten für sich persönlich zur Verfügung. Oben auf dem Kasten ist das Bett, darunter eine Schrankwand mit vorgebautem Schreibtisch. Der dazugehörige Stuhl ragt in die gemeinsame Fläche des Zimmers hinein. Gewaschen wird sich im geschlechtergetrennten Gemeinschaftswaschraum; die selbst (von Hand) gewaschene Wäsche hängt oberhalb der Kopfhöhe in den Fluren zum trocknen. Aber die chinesischen Körperausdünstungen machen allzu häufige Hygienemaßnahmen ja sowieso nicht zwingend erforderlich. Das ganze Wohnen gibt es für 720 Yuan pro Semester (12 Euro pro Monat) zu haben (Ich will mal nachkalkulieren, ob ich nicht mit ein paar Rückforderungen auf meine jetzt bald drei studierenden Kinder zugehen kann – Scherz!). Das sind hier ortsübliche Kosten dafür. Vor diesem Vergleichswert bekommt man erst die richtige Vorstellung davon, wie relativ riesig die Studiengebühren in China sind (5000 Yuan p. a. an der USST, 15.000 Yuan am Hamburg-Shanghai-College und 60.000 Yuan am Sino-Britisch-College).Kinder sind auch in Deutschland teuer (andere leisten sich eine Segeljacht – ich habe vier Kinder). Aber in China haben die Kosten für Kinder noch ganz andere Dimensionen.

Kindersegen
Mit einer Ingenieur-Wissenschaftlerin habe ich mich über Dinge unterhalten, die für sie ganz wichtig sind. Das war nicht der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, sondern es war das Thema Kinderkriegen. Sie ist 31 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Über ein zweites denkt sie nach. Das mit der Ein-Kind-Familie wird nämlich inzwischen durch einigen Ausnahmen nicht mehr so streng praktiziert. Zum Ersten dürfen die Angehörigen der Minderheitennationalitäten immer zwei Kinder haben.
In China gibt es 55 offiziell anerkannte ethnische Minderheiten, 少数民族 shǎo shù mín zú genannt, wenig-Anzahl-Volk-Gruppe, bei insgesamt „56 Nationalitäten“. Die Han-Chinesen machen 91,59 % der Gesamtbevölkerung der Volksrepublik China aus (und dazu noch rund 90% der Gesamtbevölkerung Taiwans und rund 70 % der Gesamtbevölkerung Singapurs). Da wäre die Erzwingung der Ein-Kind-Familie für die anderen 55 Völker fast schon mit einer „ethnischen Säuberung“ gleichzusetzen. Zwanzig dieser Volksgemeinschaften haben lediglich 3000 bis unter 100.000 Angehörige! In China gibt es fünf Autonome Gebiete, von denen die im Westen zwar sehr dünn besiedelt sind, in denen aber die Menschen mancher dieser Minderheiten besonders häufig leben. Das sind Guangxi, Innere Mongolei, Ningxia, Xinjiang und Tibet. Warum man sich selektiv im Westen nur auf die Befreiung des Letztgenannten fixiert hat, verstehe ich nicht ganz. Haben die anderen das nicht auch verdient? Immerhin sind die Zhuang, die mit eigener Sprache und Kultur in Guangxi im Süden Chinas leben mit über 16 Millionen das größte der Minderheitenvölker, während die tibetisch sprechenden Zang nur etwas über 5 Millionen Volksangehörige haben.
Auch wenn nur einer der Ehepartner zu einem Minderheitenvolk gehört, gilt die Ausnahmeregelung, und sei es die Frau – nach chinesischem Verständnis gehören die Kinder ja in die Abstammungslinie des Vaters. Und wenn beide Eheleute aus einer Ein-Kind-Familie stammen, dann gilt für sie die Lockerung auch. Vielleicht ist das eine soziale Vorsorgemaßnahme zum Kindeswohl: denn nach drei Generationen Ein-Kind-Familie kommen auf das arme, neugeborene Geschöpf zwei Eltern, vier Großeltern und eventuell noch acht Urgroßeltern, die kein anderes als nur dieses eine Kind zum verhätscheln und verwöhnen haben! Für so eine junge Familie in Shanghai ist es neben dem Kauf einer Wohnung, die dann ja auch größer sein muss, gar nicht so einfach, das zweite Kind finanziell zu stemmen. Für das zweite Kind muss man nämlich eine Gebühr von 120.000 Yuan zahlen. Den Begriff „Gebühr“ habe ich selber gewählt; meine chinesischen Gesprächspartner – die Wissenschaftlerin und andere – sprechen von und denken immer an „Strafe“ für das zweite Kind, wie es auch offiziell heißt. Als Vater von vier Kindern interessierte mich auch noch dafür, was man denn von einem dritten Kind denken würde. Aber mit dieser für mich real vorstellbaren Situation konnte ich einfach nicht in die Denkstrukturen meiner Diskussionspartner hinein kommen: Wenn es um Kinder geht, können junge Chinesen der Volksrepublik China einfach nicht bis drei zählen.
Ich hatte gelesen, dass es in China üblich ist, den Kindern einen Monat nach der Geburt die Haare abzuschneiden und diese aufzubewahren. Meine Wissenschaftlerin bestätigte das; auch sie hat traditionell die Haare ihres Kindes in ein rotes, weil glücksverheißendes, Säckchen genäht und das als Bommel an der Mütze ihres Kindes befestigt. Noch ihre Muttergeneration habe geglaubt, mit dem am Kind befestigten Haarsäckchen Unheil und Missgunst von ihrem Kind abhalten zu können (gegen jähzornige Kinder soll es helfen, ihnen einen Sud aus den eigenen, ausgekochten Haaren zu trinken zu geben). Diese atheistisch erzogene und wissenschaftlich ausgebildete Frau erklärte mir, sie würde solchen Aberglauben natürlich nicht ernst nehmen. Ihre Erklärung für ihr tun, lief darauf hinaus, dass sie meinte, dass das Abschneiden von abgestorbenem Haargewebe die Wuchskraft der nachwachsenden Haare in den unter der Kopfhaut liegenden Haarwurzeln positiv beeinflussen würde. Abgesehen davon, dass ich diese unerforschliche Theorie in Deutschland auch schon mal gehört hatte, kam sie mir ebenso unlogisch vor wie das Argument meines Anlageberaters bei der Bank, der mir weismachen wollte, dass man aus dem in der Vergangenheit im Mittel permanent angestiegenen Aktienkurs der von ihm angebotenen Emissionen ablesen könne, dass in der Zukunft zwingend weiter mit einen Anstieg zu rechnen sei (im Kleingedruckten steht das Gegenteil). Aber auch schon der dänische Nobelpreisträger Niels Bohr hatte, auf ein Hufeisen, das an seinem Haus hing, angesprochen, gesagt, er sei selbstverständlich Wissenschaftler, aber Hufeisen würden auch helfen, wenn man nicht an sie glaubt.



Zentral-Labor
Für heute Nachmittag war eine Vorabbesichtigung des „National Public Practising Center for Advanced Skills (Shanghai)“ angekündigt. Da das Labor am Jun Gong-Campus zu mangelhaft für die praktische Vorführung der von mir gelehrten Vorlesungsinhalte (Urformen: Gießen, Pulvermetallurgie (vulgo Sintern), Rapid Prototyping; Umformen: Massivformen (vulgo Schmieden), Blechformen, Strangpressen, Kaltfließpressen und Trennen: nur das Teilgebiet Schneiden) ausgestattet ist, hatte Frau Prof. Sun die Idee gehabt, dieses regierungseigene, übergeordnete Praxis-Center mit den Studenten aufzusuchen, weil dort jeder und vor allem alle Universitäten Shanghais Vorführungen und Schulungen an Maschinen und Einrichtungen „mieten“ können. Mit meinen hohen Erwartungen an ein modern eingerichtetes Center fuhren wir per Taxi dort hin. So grandios das Hauptverwaltungsgebäude Nr. 1 mit baldachinüberdachter Funktionsärsvorfahrt, mich beeindruckend, auf dem Gelände mitten in der Stadt dastand, so enttäuscht war ich über die Brauchbarkeit des „Digital Manufacturing Center“ für Studenten, die in ihrem Leben noch nie eine Fabrik von innen gesehen haben und alle praktische Betätigung nur von keimfreien Schulungszentren her kennen, die weitab von der Alltagspraxis extra für sie eingerichtet sind und in denen sie aus Sicherheitsgründen nichts selber anfassen dürfen, sondern alles nur vor Fachleuten im Pulk vorgeführt bekommen. (Bei einem der jährlich stattfindenden Kolloquien des „Freundeskreises Maschinenbau und Produktion Berliner Tor e.V.“, die ich jedem, der sie noch nicht kennt, empfehle, hörte ich den Personalvertreter eines sehr großen und wichtigen Hamburger Industrie- und Technologiebetriebes in einer Diskussionsrunde sinngemäß sagen, dass die von unseren Studiengängen verlangten Vorpraktika für die Unternehmen eine zu große Last seien und dass die HAW doch dafür extra Werkstätten einrichten sollte. Insofern wären die Chinesen uns schon voraus. Aber auf dem falschen Weg.)



Kalte Fertigung
Wir wurden von einem Techniker auf englisch empfangen, der uns auf der im Obergeschoss umlaufenden Bühne von oben, die ganze Halle umrundend, eine schönen Ausblick auf die neuen Werkzeugmaschinen japanischer (Mazak), vor allem deutscher (Siemens, Deckel-Maho, Gildemeister) und einheimischer (Colytech) sowie mir unbekannter Herkunft gewährte. Diese Tour wird mit Regierungsdelegationen auch immer so gemacht. Ich wollte Fotos schießen, worauf der Techniker mich darauf aufmerksam machte, dass Fotografieren nicht gestattet sei. Dann sagte er etwas, das ich in die Kategorie pragmatischen, chinesischen Umgangs mit der zentralgewaltigen Obrigkeit, sei es das Kaiserhaus oder die Kommunistische Partei, einordne: Wenn ich ein Fotohandy hätte, dann könnte ich Fotos machen, denn das würde ja keiner merken!
Auf meine Bitte, die Maschinen und Einrichtungen mal von nahem anzuschauen, hieß es, die gelbe Linie dürfe nicht übertreten werden; wir sind trotzdem mitten durch gelaufen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit Sandalen an Werkzeugmaschinen stand, wo ich den Studenten doch sonst immer „Safety first“ predige. Gefährlich war es trotzdem nicht: alle Maschinen waren ausgeschaltet und die ganze Halle war so reingefegt, als wäre dort noch nie ein Span entstanden. Die Effektivzeit im Public Practising Center betrug vielleicht 15 Minuten. Trotzdem hielten wir uns zwei Stunden mit Höflichkeitsaustauschen und vergeblichen Kontaktversuchen dort auf. Das Electrical Department war trotz persönlicher Bekanntschaft der Arrangierenden nicht zugänglich. Dort wird nämlich u.a. unterrichtet wie man die Stromversorgung großer Fabrik- und Gebäudeeinheiten sicherstellt – und jetzt, während der Olympischen Spiele und den Paraolympics sei das zum Sperrgebiet erklärt worden, weil man keine Terroristen in eigenen Land aufschlauen wolle, wie die Amerikaner das genau heute vor sieben Jahren gemacht hätten. Alle Rumtelefoniererei brachte da nix.
Als ich dann bemerkte, wir sollten doch die nicht guten, aber doch besseren Möglichkeiten im Jun Gong-Campus nutzen, wurde mir offenbart, dass die beim Besuch vor zehn Tagen noch vorhandene RP-Anlage seit letztem Freitag weg sei, vermutlich zur Reparatur (warum damit bis zum Ende der Semesterferien warten?) und die Tiefziehpresse hätte einen Schaden in der Hydraulik, und ob man den noch rechtzeitig repariert bekäme …



Kleider machen Leute
Vor der Tür stand ein Mercedes, ein S 320, also ein Modell, das ich noch nie gesehen hatte. Auf den zweiten Blick erkannte ich einen Volvo aus chinesischer Produktion, bei dem an allen Stellen, wo bei Mercedes-Benz Firmenzeichen und Textaufschriften angebracht sind, genau diese an dem Volvo nachträglich anmontiert waren, einschließlich einer Original Kühlermaske und dem Daimler-Stern auf der Haube. Das findet man oft in China: den Anschein erwecken, täuschend echt kopieren. Aber auch in Deutschland habe ich diese Form des „Upgrades“ schon live mitbekommen.

Erkenntnis des Tages: Im Grunde haben alle die gleichen Lebensfragen, nur ein bisschen anders

Mittwoch, 10. September 2008

Die Zukunft am Campus

Kein Lehrerlob am Fuxing mehr
Am heutigen, richtig brüllend heißen Tag (an der roten Ampel vor der verkehrsreichen Chong Qing Nan Lu, wo ausnahmsweise, auch wegen der Polizeipräsenz, sich niemand traute trotzdem einfach so rüberzufahren, konnte ich mit meinem Fahrrad an allen anderen vorbei bis ganz nach vorne an die Sichtlinie rollen. Warum blieben die anderen zurück? In der Sonne schmorend wurde mir klar: die waren alle im Schatten der Platanen stehen geblieben) war in China nationenweiter „Tag des Lehrers“. Das war mir zwar vor einigen Tagen schon gesagt worden, ich hatte es aber vergessen – und bemerkt habe ich es auch erst am Nachmittag, als auf meinem Schreibtisch und dem jeder meiner Professorenkollegen ein kleiner, nett hergerichteter Strauß Schnittblumen (weiße Rosen und lila Bartnelken) stand, den die Sekretärin (und nicht die Studenten "freiwillig", wie sonst in China üblich) liebevoll vorbereitet hatte, was mir deutlich auffiel, als ich sie aufsuchte, um mich bei ihr persönlich überschwänglich zu bedanken.



Erst war ich nämlich verwirrt: schenkt man Blumen in China nicht ausschließlich zur Beerdigung? (Dass alle Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen auch einen Blumenstrauß überreicht bekommen hatten, weil das IOK auf dieser Tradition bestanden hatte, führte in China zu Unverständnis). Wiesen unsere Blumen, vielleicht unbeabsichtigt, auf ein böses Omen hin? Denn jetzt ist es raus: ab dem Wintersemester 2009/2010 wird das Shanghai-Hamburg-College vollständig an den Jun Gong-Campus, weit draußen im Industriegebiet, verlegt. Schon die Erstsemester, die jetzt gerade aufgenommen werden, erhalten ihre Vorlesungen nur noch dort.



Mit der Idylle des historisch deutschen Fuxing-Campus ist es nach genau 100 Jahren, zumindest für unseren binationalen Studiengang mit chinesischem und deutschem Bachelorabschluss, bald vorbei. Dafür gibt es aber schon sehr angemessene Nachfolger: das Sino-Britisch-College. Das ist auch eine Kooperation mit der USST. Aber deren Konzept ist ein gutes Stück gewichtiger und marktwirtschaftlicher als unseres. Die Kooperation läuft mit den Universitäten in Manchester, Leeds und weiteren acht Städten Großbritanniens; das Lehrpersonal ist ausschließlich englisch-muttersprachlich, die Professoren sind in der Regel für ein Semester oder ein Jahr in Shanghai tätig. Das rein englischsprachliche Studium sieht acht Semester Regelstudienzeit vor, wobei mit einer Art Vorstudium begonnen wird: die Studierenden lernen erst einmal richtig englisch sprechen und haben (Vor)-Kurse in Mathematik, Physik und anderen Grundlagenfächern, um sie zunächst auf Universitäts-Eingangsniveau zu hieven. Das Studium selber besteht aus einigen Studiensemestern in Shanghai und der Mehrzahl der Studiensemester an einer der kooperierenden Britischen Hochschulen. Das Studienfächerangebot umfasst das gleiche Angebot wie die von der USST rein auf Chinesisch angebotenen Studiengänge. Pro Jahr müssen die Studierenden 65.000 Yuan an Studiengebühren bezahlen. Im vergangenen Jahr haben 800 Erstsemester das Studium begonnen, in diesem Jahr sind es bereits 900. Da kommt, für chinesische Verhältnisse erst recht, richtig Asche in die Kasse rein! Das Sino-Britisch-College ist auch richtig schmuck hergerichtet worden. Als ich vor fast drei Wochen ankam, herrschte sehr geschäftiger Baustellenbetrieb. Im Haupthaus waren die Bauarbeiter erst mit dem Herausspitzen der alten Trennwände, Treppenstufen und Sanitäranlagen beschäftigt. Für mich sah das wie uneinholbar aus. Aber letzten Freitagnachmittag wurden bei ordentlichem Regen die Straßen auf dem Campus mit dicken Wasserstrahlen aus Feuerwehrschläuchen abgespritzt. Jetzt sieht alles von außen pikobello geputzt aus. Auch der Innenhof, der als Zwischenlager für handumgeschichteten Bauschutt diente, war makellos gereinigt. Jetzt ist er knallvoll mit Shanghaier Professoren-Autos zugeparkt. Da war mir der Bauschutt fast lieber. Da ist zwar der Zementfleck auf der Straße noch zu sehen, wo der Zementmischer unablässig mit der Schippe aus Sand, Wasser und Zement sein Baumaterial angerührt hatte und manche Ecke und diverse Mauerdurchbrüche sind nur 95%-ig sorgfältig fertiggestellt worden: Cha bu dao – fehlen-nicht-[Zählwort] – „Es fehlt nicht viel“ ist ein verbreiteter Begriff, der als Ersatz für den ganz ordentlichen Abschluss benutzt wird.



Verwöhnte Ein-Kind-Gören mit neuen Problemen
Trotz allem: es ist ein schicker Elite-Campus geworden – und tatsächlich rechtzeitig zum Semesterbeginn fertig! (Wohin sollten die vielen Wanderarbeiter denn auch gehen, wenn sie Freizeit hätten? Genug Geld haben sie nicht, sie können froh sein, wenn sie auf der Baustelle wohnen und sich versorgen können – da ist es manchem bestimmt recht, wenn er mit Überstunden meint seinem Stück von dem Wohlstandskuchen etwas schneller näher zu kommen als diejenigen, die das nicht dürfen.) Die Erstsemester wurden angemessen empfangen: an jeder Ecke ein Stand, wo sie sich eintragen und informieren konnten und natürlich mit den obligatorischen Spruchbannern – hier jedoch weiß auf blau und zweisprachig chinesisch-englisch:



„Haben-Traum-Gedanke, Jeder-[Zählwort]-Mensch-alle-können-hervorragend“ ([VP]-nein-aufstehen) ist ein fester Begriff und heißt hervorragend) – „Have a Dream, Dreamers are forerunners“. Ich hätte das so übersetzt: „Lebe Deinen Traum – Träumer sind Sieger!“ Aber deutsch ist ja auf Fuxing nicht mehr so richtig gefragt.
Einen Elite-Campus können die Studierenden ja wirklich beanspruchen, denn bezahlen tun sie doch genug dafür – ganz genau genommen zahlen sie nichts. Das machen ihre Eltern für sie. Bei aller Betonung des Familienclans und der unüberschaubaren Anredenvielfalt für die Verwandtschaftsbeziehungen, tritt durch die jetzt schon eine Generation lang praktizierte Ein-Kind-Ehe ein enormer sozialer Wandel zu Tage. Unter den verwöhnten Gören gibt es den Begriff „Bruder“ oder „Schwester“ praktisch gar nicht mehr. Deswegen werden oft die Cousins mit „Bruder“ angeredet. Aber sollte die erzwungene Geburtenregelung weiter so konsequent gelebt werden, gäbe es nach der nächsten Generation auch keine Cousins und Cousinen mehr! Zwei interessante Auswirkungen sind festzustellen: Es gibt Studenten bei uns hier, die nicht wie alle anderen zwischen 20 und 22 Jahre alt sind, sondern wesentlich älter. Die sind auch nicht mit sechs eingeschult worden, sondern erst mit acht oder neun. Wie kommt es, dass ein offensichtlich zurückgebliebenes Kind in der Lage ist, so ein anspruchsvolles Studium aufzunehmen und unter Umständen sogar sehr gut zu bewältigen? Das liegt daran, dass es in China in ländlichen Gegenden immer häufiger vorkommt, dass erst zwei oder drei Jahr nach der Eintragung eines Kindes ins Geburtsregister festgestellt wird, dass es sich damals um eine Zwillingsgeburt gehandelt habe und nun das vergessene zweite Kind auf das alte Datum nachgetragen werden müsse. Auch die Verteilung der Geschlechter bei den Neugeborenen liegt nicht, wie man es erwarten würde, um den Wert 1:1 herum, sondern es werden wesentlich mehr Ein-Kind-Söhne als Ein-Kind-Töchter geboren. Statistisch gibt es heute schon mehrere Millionen Männer für die keine Frau übrig ist, auch keine hässliche. Da kann man sich vorstellen, dass manches Problem sich aufstaut. Im heutigen China wählen sich die künftigen Eheleute gegenseitig selber aus; die Verheiratung durch die Eltern, wie in früheren Zeiten ist passé. Aber trotz Männerüberschuss finden in Shanghai die jungen Frauen keinen Mann – und nicht umgekehrt! Auf acht suchende Mädchen (Frauen dürfen in China erst ab 20 heiraten, Männer ab 25; die Zahl der unverheiratet miteinander lebenden Paare ist groß; auch unter meinen Studenten gibt es solche Paare) kommen drei Männer, die noch zu haben sind. Wie kommt das? Wenn eine Frau einen Mann sucht, dann muss er besser gebildet sein und wohlhabender als sie, denn dieses geschlechterspezifische Schichtengefälle gehört zu einer guten Partie einfach dazu. In der Großstadt, und in Shanghai allemal, sind auch die Frauen gut ausgebildet und kommen aus wohlhabenden Elternhäusern. Und dann ist es schwer einen Mann zu finden, der das noch übertrifft. Als Abhilfe gibt es eine inoffizielle, aber allen bekannte Einrichtung zur Gegenwehr. An bekannten Plätzen, zum Beispiel samstags und sonntags im Century Park. halten sich die Mütter(!) der betroffenen Kinder auf und tauschen einschlägige Informationen aus: „Was macht ihres beruflich? Was verdient es? Wie alt?“ usw. in der Hoffnung, hier den richtigen Partner möglichst bald zu finden, denn bei dem unversiegbaren Nachwuchsreservoir hebt fortgeschrittenes Alter nicht mehr ganz knusprig junger Damen den Heiratsmarktwert nicht gerade an. Angesichts dieser Erkenntnisse bin ich richtig dankbar, vor nunmehr über 30 Jahren sehr angemessen und im höchsten Maße befriedigend ausgestattet worden zu sein; und im Nachdenken darüber, fällt mir auf, dass noch bevorstehende sieben von zehn Wochen Singledasein in Shanghai, trotz aller spannenden Erblebnisse, nicht ausschließlich eine Steigerung der Lebensqualität darstellen.
Das nächste wichtige Thema nach erfolgreicher Partnersuche ist die Frage nach dem Kinderkriegen in China und den Traditionen die mit ihnen zusammenhängen. Darüber will ich bald berichten.

Erkundungsfahrt mit Überraschung
Heute am Abend bin ich in Ermangelung eines Internet- oder Papierfahrplans der Stadtbuslinien einfach in die Linie 24 eingestiegen, um mal zu erkunden, wohin man damit kommt. Erste Erkenntnis: in den Stau. Endhaltestelle war am nordwestlichen Rand des inneren Autobahnrings in einem etwas schäbigen Sanierungs- und Neubaugebiet mit lauter Hochhäusern. Das Leben spielte sich trotzdem auf der Straße ab. Die Leute wollen offensichtlich auch in ihrer Freizeit von möglichst vielen lauten, lärmenden Menschen umgeben sein und sich den unterschiedlichsten Gerüchen, Düften und Gestanken aussetzen.
(Ich habe trotz der in dieser Jahreszeit permanenten Wärme in Shanghai, die sich manchentags zu großer Hitze hin entwickelt, und trotz sichtbar schwitzender Menschen, denen der Schweiß von der Haut perlte, noch nie üblen Körpergeruch gerochen. Auch nicht eingequetscht in der U-Bahn, wo Achselnähe unvermeidbar ist. Manche Frauen haben einen dezenten Parfumgeruch, die meisten Menschen riechen nach gar nichts. Außer manchmal Mundgeruch. Von der Hamburger S-Bahn könnte ich, trotz sitzplatzweitem Abstand ganz andere Erlebnisse berichten.)
Von dort wanderte ich zur nächsten U-Bahnhaltestelle Zhen Ping Nan Lu der Linien 3 und 4, die an einer aufgeständerten Strecke liegt und mich an den Dammtorbahnhof in Hamburg erinnerte. Die hiesige U-Bahn ist besser mit der Hamburger S-Bahn zu vergleichen und noch besser mit der Stuttgarter S-Bahn, weil sie überdach mit Pantografenstromabnehmern von wechselstromgespeisten Drehstromasynchronmotoren angetrieben wird und ganz moderne Durchgangswaggons besitzt. Die Fahrtrasse ist stark geräuschgedämmt, aber die Motoren singen beim Anfahren sehr laut. Unterwegs gab es überall fliegende Händler. Einer pries ein wundersames Ungezieferabwehrgerät an. Dazu plärrte er, über ein Headset verstärkt, im ca. 30-Sekundentakt seine immer gleichen Sätze, die ich nach einiger Beobachtung dem Sinne nach verstand. Zu seiner Ausstattung gehörte ein an eine große Mausefalle erinnernder Drahtkäfig, in den maximal acht dichtgepackte Nager hätten hineingequetscht werden können, und in dem sich vier kleine Hamster befanden. Offensichtlich mögen es chinesische Hamster auch enger als die aus dem Rest der Welt. Außerdem hatte der Marktschreier eine handelsübliche Mehrfach-Steckdose mit Verlängerungskabel in der Hand, die von irgendwoher Netzspannung bezog. Zuerst steckte er ganz nahe an seinem Präsentationstischlein eine Fassung mit Stromsparbirne in die Steckdose, die dann zu leuchten begann. Anschließend trat er zurück, um demonstrativ der Abstand zu vergrößern. Dann steckte er sein zum Verkauf angebotenes anderes Leuchtgerät in die Steckdose und sofort fielen seine possierlichen Tierchen krampfartig in zitternde Starre, als habe er sie auf sein Showprogramm abgerichtet. Es gab keinen elektrischen Kontakt zum Käfig; das musste irgendeine Strahlung oder ein Schall sein, auf den die Lieblingshaustiere ganzer Kindergeneration so widerwillig reagierten. Vermutlich geht die Verkaufsveranstaltung nicht ganz konform mit dem deutschen Tierschutzgesetz, aber ich konnte nicht leugnen, dass das ganze Arrangement eine gewisse Überzeugungskraft hatte. Ich leistet mir aus rein wissenschaftlicher Neugier die Anschaffung eines der Ungeziefervertreibungsgeräte einschließlich chinesischsprachigem Begleitzettel für unverschämt teure 30 Yuan und verschaffte durch den Verkaufsvorgang den unfreiwillig assistierenden Kreaturen eine Verschnaufpause von über fünf Minuten, weil der Tierhalter große Anstalten machte, als ich meinen Fotoapparat herausholte. Ich war mir nicht sicher, ob er vielleicht ein zweites Gerät zum Vertreiben ungezieferartig auftretender Europäer bei sich hatte und zog es mit meinem Abgang vor, ohne ein Videoclip gedreht zu haben, den Nachweis nicht zu provozieren.

Erkenntnis des Tages: Im Vergleich zu anderen ist mein Arbeitsplatz gar nicht so schlecht

Dienstag, 9. September 2008

Rotes Banner

Der Weg zur Arbeit
Dank Google Earth bin ich in der Lage auf den Satellitenaufnahmen Strecken, Wege und auch Umwege auf 10 m genau auszumessen. Deswegen weiß ich, dass mein morgentlicher Weg mit dem Rad vom Hotel zum Campus genau 2,91 km beträgt und zurück 1,97 km. Der Weg zur Arbeit hin kommt einem ja auch sonst viel länger vor als der Weg heim; da geht’s dann bei manchen richtig schnell. Ich kenne sogar Leute, die arbeiten täglich bis fünf, aber Viertel nach vier sind sie schon zu Hause. Der Wegstreckenunterschied kommt daher, weil ich wegen der Einbahnstraßenführung auf zwei verschiedenen Strecken hin und zurück fahren muss. Wenn ich auf dem Hinweg die Abkürzung auf dem Bürgersteig, zwischen den Passanten hindurch schlängelnd nehme, wie alle anderen vernünftigen Shanghaier auch, und durch den nur ganz in der Frühe geöffneten Seiteneingang zum Campus hinein schlupfe, dann kann ich den Hinweg sogar auf 2,01 km verkürzen. Trotzdem ist mein Weg zur Uni diese Woche länger geworden. Das liegt daran, dass die Schule letzte Woche wieder begonnen hat und diese Woche der Vorlesungsbetrieb an den Universitäten (Die Kurse des Shanghai-Hamburg-Joint-College starteten früher, wegen der höheren Stundenzahl, die die Studenten im Semester absolvieren müssen und um die deutschen Professoren geblockt nach Shanghai zu bekommen). Deswegen ist das Verkehrsaufkommen deutlich gestiegen und ich kann die ganz langsamen Radfahrer im größer gewordenen Pulk nicht mehr ohne weiteres alle überholen.



Agitationspropaganda
Etwas befremdet haben mich von Anfang an die roten Banner mit den chinesischen Schriftzeichen, die in den Schulhöfen, auf den Universitäts-Campen und sonst in Durchgängen zu Wohneinheiten quer über die Gebäude und Wege gespannt sind. Sie erinneren mich an die Agitationspropagandaplakate, die ich im sowjetischen Moskau und in der längst aufgelösten DDR gesehen hatte und auf denen Sinnsprüche standen wie „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ oder „Alles für die Planerfüllung des XX. Parteitages“. Also habe ich viele solcher chinesischen Banner fotografiert und mir dann später Aufklärung über die Aussagen geben lassen.
In einem Hinterhof glaubte ich, endlich eine von mir als Normalfall im urbanen Leben der kommunistischen Volksrepublik China antizipierte revolutionäre Zelle entdeckt zu haben, für deren Existenz die marxistisch-leninistische Infiltration auf dem den Hof überspannenden roten Tuch warb! Ich trat, um zu fotografieren, in den Hinterhof hinein. Kaum dass ich in sein Blickfeld geraten war, musterte mich so ein sozialistischer Aufhetzer von Kopf bis Fuß, schon kam er mit seinem üblen Propagandamaterial auf mich zugestürmt, um meine aufrichtige Gesinnung mit seinem abscheulichen Gedankengut zu vergiften und steckte mir ein Faltblatt und eine Visitenkarte zu. Ich musterte die Papiere genau und konnte den chinesischen Text natürlich nicht lesen. Aber anhand der Vorher-Nachher-Fotos und dem Schriftzug in lateinischen Buchstaben sowie seiner auf der Visitenkarte handschriftlich eingetragenen Handynummer ermittelte ich: bei dieser Person handelt es sich um den lokalen Verkaufsagenten für nur im Direktmarketing erhältliche Produkte von Herbalife, einem Mittel, bei dessen ausschließlichem Verzehr selbst schlimmste Adipositasfälle, ausweislich der Fotodokumentation, in attraktive Zeitgenossen zurückverwandelt worden waren. Angesichts der im Shanghaier Straßenbild sonst ausschließlich vorkommenden, gertenschlangen Menschen, muss dieses auf die Gegenseite des kapitalistischen Merkantilismus gewechselte, prinzipienlose Individuum sich angesichts meiner zentraleuropäischen Figur, die ich übrigens mit 25% meiner männlichen Mitbevölkerung teile, gedacht haben, ich sei seine Zielgruppe, die eigentlich ganz vor alleine den Bedarf an seinem Wundermittel entwickeln müsste. Wahrscheinlich hätte ich noch einen Rabatt raushandeln können, wenn ich mich als Beispiel für seine Fotodokumentation bereiterklärt hätte, zur Verfügung zu stehen. Ach ja, auf dem roten Banner stand: Tong yi ge shi jie, tong yi ge meng xiang – Eine Welt, ein Traum (One World, one Dream), das Motto der Olympischen Spiele in Peking!



Eigentlich sind die roten Banner hauptsächlich an Universitäten, Schulen und öffentlichen Gebäuden zu finden. Sie werben nicht für politische Zwecke, sondern fordern zu strebsamem lernen und den persönlichen Einsatz über das egoistische Eigenwohldenken hinausgedacht auf. Vielfach sind Grußparolen und jetzt zu Semesterbeginn Willkommensbotschaften an die Erstsemesterstudenten Inhalte der Texte. Natürlich erinnern sie auch daran, dass es die sozialistischen Werte sind, die man anstreben muss: Fleiß, Aufbauwille, Fortschritt, immer strebendes Bemühen. Dazu gehört auch der Drill hin zur individualismusfernen Gemeinschaft großer Massen. Die rote Farbe musste in China allerdings nicht erst von den Kommunisten eingeführt werden, sondern steht traditionell für Glück und Reichtum. Goldene Schriftzeichen auf rotem Untergrund gab es schon immer und wird als schön und verheißungsvoll empfunden.



Fleißige Professoren
Ein Schriftzug hat mir ganz besonders gut gefallen. Darauf stand sinngemäß in etwa: „Jeder Lehrer muss sich so verhalten, dass er ein guter, vorbildlicher Lehrer ist! Wir grüßen alle fleißigen Professoren!“ So ein rotes Banner könnte man in Deutschland wohl kaum aufgehängt bekommen. Erstens steht der Genehmigung vermutlich irgendeine behördliche Vorschrift aus der Banneraufhängezulassungsundbetreibsverordnung entgegen. Zweitens assoziieren wir Deutschen aufgrund unserer geschichtlichen Erfahrung mit der Farbe Rot genauso wenig die Begriffe „Glück“ oder gar „Reichtum“ wie wir es mit schwarz-braun tun. Und drittens hätte der Betreiber bestimmt sofort eine Gleichbehandlungsklage am Hals, weil die anderen sich heftig darüber beschweren würden, dass sie nicht auch gegrüßt werden. Soweit käme es noch!

Teekultur
Angesichts so vieler graziler Vorbilder, die ich täglich in den Straßen Shanghais vor Augen geführt bekomme, fühle ich mich nicht erst seit meiner Herbalife-Begegnung zum Maßhalten motiviert. Leider habe ich keine Waage für die Kontrolle zur Verfügung, aber subjektiv fühle ich mich schon etwas schlanker. Meine jüngste Tochter hat mir für erfolgreiches Abnehmen etwas für mich ganz besonderes im Gegenwert von zehn Kilogramm versprochen, und das möchte ich gerne einlösen. Deswegen lasse ich manche Mahlzeit ausfallen, was den Nachteil hat, dass ich mich dann dem Sozialgefüge mit meinen Professorenkollegen entziehe. Miteinander essen hat etwas Gemeinschaft stiftendes an sich. Am wichtigsten ist, dass ich zuckerhaltige Softdrinks und das chinesische Nationalgetränk Bier vermeide. Stattdessen habe ich mich mit den hiesigen Teetrinksitten angefreundet. Der wichtigste Tee ist der Grüne Tee, das ist der typische Sommertee, der heiß, warm, lau und kalt getrunken wird. Der ist etwas umständlich in der Zubereitung, weil man zuerst schon eine Weile nicht mehr kochendes Wasser in kleiner Menge aufgießen muss, um die Blätter zu entfalten und die Bitterstoffe herauszulösen. Dieser erste Aufguss wird weggeschüttet. Anschließend wird in China fünf mal mit heißem Wasser aufgegossen, ohne die Blätter zu wechseln (wobei der letzte Aufguss nicht mehr getrunken wird). Und das gibt immer noch guten Geschmack. Zucker wird in China keinem Tee zugemischt. Viele Leute haben eine wassergefüllte 0,6 Liter Plastikflasche bei sich, in denen ihr Grüner Tee den ganzen Tag über sozusagen einen Kaltauszug produziert. Noch ergiebiger ist Pu-er-Tee, von einer robustereren Teepflanze, die nicht auf tropisches Klima angewiesen ist und einen nahezu kaffeeschwarzen Tee liefert. Den kann man ganz oft aufgießen und er schmeckt mir dann noch immer. Wenn ich die Teeblätter in meiner Tasse im Hotelzimmer stehen lasse, dann reinigt das Housekeeping diese Tasse im Gegensatz zu allem anderen nicht – es könnte ja sein, dass ich mit diesen Teeblättern noch nicht fertig bin. Schwarzen Tee nennt man in China roten Tee und man trinkt ihn nur im Winter. Die Chinesen gießen diese Blätter zweimal auf, aber das schmeckt für mich nur noch wie heißes Wasser. Auch im abgerissensten Viertel gibt es zwischen Imbissbude, Fahrradreparaturwerkstatt, Eisenwarenhändler, Lebensmittelkiosk auch genügend Teehändler in ihren garagengroßen Geschäften mit herrlicher Auswahl auch in Deutschland ausgefallener Sorten, wie Oolong-Tees oder Ziegel-Tee.

Erkenntnis des Tages: Manche Vorurteile lassen sich auch bei ernsthaftestem Bemühen einfach nicht bestätigen

Montag, 8. September 2008

Haartracht

Heute hatte ich ziemlich viel an Vorlesungsnachbereitung zu tun, weil ich das Stoffgebiet „Gießen“ heute abgeschlossen habe. Außerdem ging es noch um die Planung der nächsten Termine, die mit dem Joint-College abgestimmt werden müssen.

Director’s cut
Ganz allmählich war es nötig geworden, aber ein Schlüsselereignis gestern ließ in mir den Entschluss reifen, heute zum Frisör zu gehen. Gestern war ich unterwegs nämlich an einem Friseur- und Nagelstudio vorbei gekommen, dass entweder gerade neu eröffnet hatte oder eine Werbemaßnahme veranstaltete oder die täglichen, gemeinsamen Tai Chi-Übungen zur körperlichen Ertüchtigung und geistigen Ausrichtung und Motivation aller Mitarbeiter gemeinsam veranstaltete. Zwar bewegten sich die jungen Damen nicht so gemessen zeitlupenlangsam wie es die älteren Herrschaften am Morgen auf den Straßen und in den Parks tun, wo sich die verschiedensten Gruppen zum Stelldichein mit gleichgesinnten treffen. Auch hatte die traditionelle chinesische Musik, die sie spielten schon gewisse Adaptionen in der Harmonienlehre hinter sich: ihr Meditationsmeister, und vermutlich zugleich der Firmenchef, erschien mir als der von der Andacht überzeugteste zu sein: dass es aber nicht typisch shanghaierisch zugegangen sein soll, kann niemand bestritten. Ich habe einen kleinen Videoclip davon gedreht:



Meinen eigenen Friseurbesuch hatte ich heute in die späten Abendstunden verlegt. Ich nahm unvorbereitet in dem unserem Hotel nächstgelegenen Haarstudio Platz, wartete zunächst ziemlich lange, bis ich dran war und verließ es nach einer Stunde um unverhandelte 78 Yuan erleichtert wieder. Zwei Ecken weiter gab es in nicht so ganz schicker Umgebung Frisörläden, wo ich mangels Kundschaft sofort drangekommen wäre und nach vorgeschaltetem Feilschen meine Haare vielleicht für 7,80 Yuan hätte kürzen lassen können. So wurden mir von einem flippig eingefärbten jungen Mädchen erst die Haare mit Kopfhautmassage intensiv einshampooniert, dann gewaschen, anschließend eine viertel Stunde lang meine Ohren gesäubert und massiert und schließlich Nacken und Rücken während der ganzen restlichen Wartezeit durchgeknetet.

Eine elegante Kundin mit Englischkenntnissen klärte mich über die Preisgestaltung auf: Es gäbe Designer‘s cut und Director‘s cut. Je nachdem wer meinem edlen Haupte die neue Anmutung verleihen – sprich: mir die Haare schneiden – würde, nämlich der Designer oder der Director, müsste ich 40 oder 50 Yuan hinblättern. Meine Antwort, ich wolle von demjenigen behandelt werden, der als nächster zur Verfügung stehen würde, wurde als etwas Ähnliches wie Kunstfrevel betrachtet. Alsbald war der Top-Figaro für 78 Yuan zur Stelle und hat meine Haare mit einer Technik geschnitten, die ich noch nie erlebt hatte. Als während des Haarschnitts brillenloser stark kurzsichtiger Maulwurf muss ich die Inaugenscheinnahme durch blühende Phantasie ersetzen, aber es kam mir vor, als hätte er für jedes Haar eine andere Schere zur Verfügung, mit der er mir zärtlichst durch den Schopf pflügte. Als er zum Schluss gekommen war, bestätigte ich ihm, dass ich jetzt „lucky“ sei und wollte mich verabschieden. Aber zunächst war noch eine weitere gründliche Haarwäsche, vom jungen Ding vollzogen, fällig, bevor der Meister mich persönlich trocken-föhn-stylte. Bei mir wurde übrigens als Einzigem im Laden keine schwarze Haarfärbung durchgeführt. Sattschwarze Haare sehen nicht nur gut aus, sondern zeugen auch von Fertilität. Deswegen haben im Joint-College die alteren Frauen, die nach zwei Monaten Aufenthalt in Hamburg graue Stellen im Haar bekommen hatten, in Shanghai plotzlich wieder naturschwarze Haare - so gesund ist das Klima hier! Solch eine komfortable Behandlung lasse ich mir in Hamburg sonst nicht angedeihen; und schon gar nicht für gerade mal sieben Euro. Und erst recht nicht nach 20.00 Uhr, was mir persönlich sehr zusagen würde.

Erkenntnis des Tages: Das nächste mal gehe ich entweder zum Ausprobieren in so einen Billigschuppen oder zu den flippigen Girls vom von der Straßentanzszene