Sonntag, 21. September 2008

Chinesisch im Kopf

Von den Freuden des BLOG-Schreibens
Der heutige Sonntag begann mit heftigem Regen, und so beschloss ich, den Tag für mich ganz alleine im Hotel zu verbringen. Zu Hause in Hamburg habe ich manchmal solche Tage für mich alleine, dass heißt, ich nehme sie mir dort heraus, während ich hier oft das diffuse Gefühl habe, die Gelegenheiten nutzen zu müssen und keinen Tag vergeudet verstreichen lassen zu dürfen. Aber zu dem schlechten Wetter kamen noch die Nachwirkungen der Anstrengungen von gestern und auch erste Anflüge von Normalität in meine Situation als befristet in die Fremde verpflanzter ganz normaler Mensch. Konzentriert im Bett liegend habe ich mir eine Predigt angehört; das war gut und die Predigt war gut, aber ich würde hier in Shanghai doch gerne Christen kennenlernen, mit denen ich mich auf deutsch oder englisch unterhalten kann. Noch besser wäre natürlich, ich könnte mich mit ihnen geistlich unterhalten und das Optimum wäre ein geistlich übereinstimmendes Beten, Austauschen über die Bibel, verbunden mit persönlicher Gemeinschaft. Aber in der Diaspora bin ich zunächst mal mit dem Einfachsten zufrieden.
Weiterhin habe ich mir Zeit genommen, meinen Internettagebucheintrag (mein Blog) von gestern nachzutragen. Ich habe mir vorgenommen, täglich daran weiter zu schreiben, und das zunächst mal für mich ganz persönlich und in zweiter Linie erst auch für andere. Aber weil ich vollmundig bei vielen, mir wichtigen Menschen mein Blog angekündigt hatte, hilft mir die bei diesen Lesern von mir vermutete Erwartung, die ich meine geweckt zu haben, mein Vorhaben besser umzusetzen. Denn auch beim Blogschreiben ist das Fleisch schwächer als der Geist willig ist. Richtig ermutigend waren einzelne kleine Rückmeldungen, die ich inzwischen erhalten habe. Danke!
Dabei geht viel Zeit für das schreiben und das recherchieren drauf, sodass ich keinerlei Langeweile habe, sondern im Gegenteil; vieles, was gerne für mich alleine machen würde, vor allem lesen, bleibt einfach auf der Strecke oder findet, nach meinem Empfinden, zu wenig statt. Langsamer, als ich sonst lese, und das mache ich immer täglich viel, komme ich in einem von mir geschätzten Fischertaschenbuch mit dem Titel „Der China-Knigge – Eine Gebrauchsanweisung für das Reich der Mitte“ von Yu-Chien Kuan und Petra Häring-Kuan voran, dass mir viel Aufklärung über „die“ Chinesen bringt und was ich bei meinen chinesischen Kontaktpartnern hinterfrage und verifiziere. Oder der Kauderwelsch Band 158 „Chinesisch kulinarisch Wort für Wort“, mit dem man zwar nicht in der Lage ist, auf die Schnelle eine rein chinesisch geschriebene Speisekarte so zu entziffern, so dass man zu einer ordentlichen Bestellung fähig wäre, aber der sehr gute Einblicke bietet, wie die Chinesen kulinarisch denken und sprechen und welche Tischsitten sie als höflich und welche normalen westlichen Verhaltensweisen sie als kulturlos empfinden. Aus diesem Heft habe ich den Satz entnommen „ni chi guo le ma?“ (du-essen-(VP)-(EP)-(FP) Hast du schon gegessen? Was aber im Sinne von „Wie geht’s?“ benutzt wird. Im Sekretariat des Joint-College habe ich die Leute mit meinen angelesenen Kenntnissen einmal so begrüßt, worauf sie mir erklärten, das sei keine moderne Umgangssprache. „Wie geht’s?“ heißt einfach und nur „ni hao ma?“ (du-gut-(FP)?). Vielleicht habe ich in einem Stil gefragt, der im Deutschen so klingen könnte: „Darf ich mich nach Eurem allerwerten Wohlbefinden erkundigen?“ Das ist zwar korrektes Deutsch, aber so spricht heutzutage niemand mehr. Am nächsten Tag haben jedoch ganz andere Leute, die nicht bei meinem Spracherprobungsversuch dabei waren, mich mit „ni chi guo le ma?“ begrüßt und mir dann erklärt, wie man noch ganz andere Sprachfeinheiten im Chinesischen einsetzen könne. Offensichtlich haben sie den Eindruck von mir gewonnen, es mit einem literarisch bewanderten, gebildeten Menschen zu tun zu haben. Und das zählt im China der neu wichtig genommenen Traditionen sehr viel.

Ein merk-würdiges Interview
Auf einer Internetseite habe ich folgendes, als sensationell bezeichnetes Interview des Premierministers Wen Jiabao in deutscher Übersetzung gelesen, wie es von einem Mithörenden wiedergegeben wurde, und welches Wen Jiabao ein paar Tage vor seiner Europa-Reise 2006 u.a. der Deutschen Presseagentur und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gewährte. Hier gebe ich die wichtigsten Antworten des Premiers auf die Fragen nach der dramatischen Weltlage, dem Krieg gegen den Terror, dem Aufstieg Chinas etc., die laut dem Mithörenden von der dpa und der FAZ angeblich wohlweislich verschwiegen wurden, wieder (für chinesischkundige ist das Originalinterview angeblich hier nachzulesen, was ich leider nicht überprüfen kann: http://news.xinhuanet.com/world/2006-09/06/content_5055283.htm;
Quelle: Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen, Dr. Jörg-M. Rudolph, Rudolph@OAI.de):

dpa: Herr Premierminister, wie kam es eigentlich, dass gerade wir Sie heute interviewen dürfen?
Wen Jiabao: Noch nie hab‘ ich die Blätter auf dem Blumenpfad wegen eines Gastes Kommen gefegt, heute aber öffne ich dem Edlen meines armen Hauses Tür.
(Das ist vom berühmten Dichter der Tang-Zeit, Du Fu, 712 bis 770).

FAZ: Wie sehen Sie, so nahe am 11. September, die Weltlage, Herr Premier?
Wen Jiabao: Mein ist nicht mal ein halber Mu Land [ca. 30 qm], aber mein Herz ist besorgt um den Zustand der Welt; unzähl‘ge Bücher hab‘ ich gelesen, so oft, bis sie auseinanderfielen, und dabei mit den Geistern der Alten [Klassiker] verkehrt.
(Das ist von Zuo Zongtang, 1812 bis 1885, der dies im Alter von 23 Jahren seiner darüber tief verwirrten Frau mitteilte, die er gerade geheiratet hatte.)

dpa: Es heißt in letzter Zeit, China sei eine rechte Klassengesellschaft geworden, Herr Ministerpräsident. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, das Land brauche eine Kommunistische Partei. Was sagen Sie solchen Kritikern?
Wen Jiabao: Erde und Himmel weih’ ich mein Herz, dem Leben des Volkes widme ich mein Schicksal, die unterbroch’nen Lehren der mausetoten alten Heil’gen möchte’ ich fortsetzen, zehntausend Generationen, die wohl noch kommen, will ich Frieden schaffen.
(Das ist von Zhang Zai, 1020 bis 1077, Song-Zeit.)

FAZ: Welche neue Politik verfolgen Sie in bezug auf die Bauernarbeiter, die wir in Deutschland immer Wanderarbeiter nennen, weil uns das an ein altes deutsches Volkslied erinnert?
Wen Jiabao: Tiefe Seufzer, die meine Tränen zurückhalten sollen, wegen meiner Sorgen um des Volkslebens Härten.
(Das sagte der Dichter Qu Yuan, 340 bis 277 v. Chr., als er, wie Wen Jiabao, ein Minister im damaligen Fürstentum Chu war.)

dpa: Sind die Chinesen heute eigentlich zufriedener als in der Kulturrevolution?
Wen Jiabao: Hier lieg’ ich nun in meines Amtes Stübchen und höre das Rascheln des Bambus’ draußen; es sind aber wohl doch eher die klagenden Stimmen des Volkes.
(Das ist vom nonsense-Dichter Zheng Banqiao, 1693 bis 1765, von dem wir bislang sein Über die Schwierigkeit des Dumm-Seins schätzten.)

FAZ: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ministerpräsident. Möchten Sie unseren deutschen Lesern noch etwas ganz persönliches mitteilen?
Wen Jiabao: Es gibt da zwei Dinge, die, je tiefgehender und länger ich sie überdenke, täglich mehr Staunen und Ehrfurcht in meiner Seele hervorrufen; sie sind das Sternenlicht über und die Moral in mir.
(Das ist von Kant, 1724 bis 1804, dem Philosophen der Aufklärung im deutschen Sprachraum! Da der Premier das gleiche Zitat schon einmal im Gespräch mit deutschen Journalisten benutzte, das war im April 2004, muss man davon ausgehen, dass ihm viel an dieser Erkenntnis liegt.)
Wen Jiabao: Warum nur steh’n mir so oft die Tränen in den Augen? Nun, weil ich diesen Boden [vermutlich: China] so sehr liebe.
(Das ist von Ai Qing, 1910 bis 1996)

Ich glaube zwar nicht, dass das Interview ausschließlich aus Dichter-Zitaten bestand, aber in Deutschland würde ein Politiker, der in einem Interview so viel fremdes Gedankengut feilbietet, als geistlos völlig durchfallen. Im heutigen China ist das (wieder) anders. Im kaiserlichen China war Erziehung der Eigeninitiative der Eltern überlassen. Nach der Vermittlung von Lese- und Schreibfertigkeiten wandten sich die Jungen dem Studium konfuzianischer Texte zu (Mädchen wurden, wenn überhaupt, nur zuhause unterrichtet) mit dem Ziel, an den mehrstufigen staatlichen Beamtenprüfungen teilzunehmen, deren erfolgreiches Bestehen den Aufstieg in höchste Positionen der Beamtenhierarchie, verbunden mit Macht, Wohlstand und Ansehen versprach. Das langjährige Studium der konfuzianischen Schriften brachte vorzügliche Literaten hervor, die sich geschliffen ausdrücken konnten und es verstanden, zu jedem literarischen Thema einen Aufsatz oder ein Gedicht zu schreiben, wohingegen keinerlei technische oder naturwissenschaftliche Sachkenntnis vorhanden war. Von der Pflege einzig der hoch entwickelten moralischen Werte war man solange überzeugt, bis die waffentechnisch überlegenen europäischen Mächte in China eindrangen und es in ihre Einflusszonen einteilten. Da erst wurde hastig versucht die Defizite aufzuholen. 1905 erfolgte die Abschaffung des staatlichen Prüfungssystems und das war das endgültige Aus für die traditionelle Bildung. Auch die Ausländer, vor allem die Amerikaner, betätigten sich auf dem Bildungssektor. In diese Zeit fällt die Gründung der USST (ehemals als amerikanische, kirchliche Hochschule) und der Deutschen Medizintechnischen Schule auf dem heutigen Fuxing-Campus. Unter den Kommunisten wurde die Bildung ab 1949 voll verstaatlicht. Viele Chinesen, die Mao das erste Mal reden hörten, waren enttäuscht über seine Grobschlächtigkeit, da war nichts von der feinen Sprache der Herrschenden der Kaiserzeit. Seit den 1990er-Jahren gibt es wieder private Bildungseinrichtungen und heute gehört auch literarische Bildung, neben einem grundsätzlich hohen Bildungsniveau, wieder zum Erstrebten.

Mein Niveau: Erstklässler
Ich für meinen Teil habe mir für dieses Streben in der Buchhandlung für je 2 Yuan drei Schreibübungshefte für Erstklässler gekauft, die, wenn ich sie durchgearbeitet und mir gemerkt haben werde (oder würde), mir zu einem Wortschatz von 300 Wörter verhelfen werden. Dabei finde ich es leichter, mir die Schriftzeichen zu merken, als die Aussprache, die ich ohnehin beim Schreibenüben nicht höre. Folgendes ist mir aufgefallen:

erstens Wasser (im Sinne der geographischen Beschreibung) kann ich am linksstehenden Wasser-Radikal, bestehend aus zwei kurzen und einem langen Strich erkennen, zum Beispiel in:
jiāng grosser Fluss, Strom
hé Fluss
hú (der) See
海 hǎi Meer, (die) See
und davon abgeleitet, als abstrakter Begriff:
洋 yáng großartig; unermesslich
oder unter dem Radikal für Regen die Ableitungen des Niederschlags:
yǔ Regen
xuě Schnee
léi Donner
shuāng Frost
báo Hagel
und als drittes Beispiel, die Änderung des Aggregatzustands von Wasser, was im linken Radikal sichtbar ist:
shuǐ Wasser
bīng Eis.

Die Schriftzeichen sind also sinnerklärend aufgebaut, was eine sehr gute mnemotechnische Hilfe ist. Trotzdem muss man die Aussprache (und zugleich die Bedeutung) jedes Schriftzeichens kennen, denn das Schriftzeichen selber gibt keinerlei Hinweis auf seine Phonetik (die in den verschiedenen Sprachen untereinander zudem noch unverstehbar unterschiedlich ist). 10.000e verschiedene Schriftzeichen gibt es, wobei im chinesischen das Wort 10.000 ( wàn) selber im übertragenen Sinn auch „unzählbar viel“ bedeutet. Trotzdem kann man im chinesischen schneller SMSs schreiben als im Deutschen, weil man weniger Tastenanschläge braucht, um ein Wort fertig zu stellen. Kürzere SMS heißt auch weniger Kosten. Das Prinzip ist sehr einfach, und ich werde es morgen erklären.

Erkenntnis des Tages: Manchmal kommt man mit lesen weiter herum als mit reisen.

Samstag, 20. September 2008

Pudong Seehafen

Ein heißer Start
Als wir unsere Flussfahrt auf dem Huangpu gemacht hatten, äußerte ich den Wunsch, die Shanghaier Hafenanlagen mal von der Landseite zu besichtigen, wie ich das in Hamburg im Sommer oft tue. In Hamburg fahre ich mit dem wendigen Motorroller über weite Strecken in die kleinsten Winkel hinein und kenne mich ganz gut aus. Keiner meiner Kollegen wollte sich die Besichtigung von düsteren Industrieanlagen antun, so dass ich den Plan fasste, mit der U-Bahn Linie 6 (die in Wirklichkeit eine aufgeständerte S-Bahn ist und im Stadtplan von 2007 noch nicht eingezeichnet wurde!) bis zum Rand des Containerhafens zu fahren und meine weiteren Erkundungen zu Fuß zu machen, denn eine Fahrradmitnahme in der Bahn gibt es selbstverständlich nicht, bei der zu erwartenden Nutzung so eines Angebots.

Shanghai teilt sich seinen Bewohnern mit
Dann überraschten mich meine Elektrotechnikprofessorenkollegen vor ein paar Tagen mit der Nachricht, sie hätten in der Klasse nachgefragt, und Emil (alle chinesischen Studenten wählen sich in der ersten Deutschlektion einen deutschen Vornamen und viele haben dann schon ziemlich konkrete Vorstellungen, wie sie heißen wollen, was aber nie einen Bezug zur Wortbedeutung des Namens hat) wolle mit anderen interessierten Studenten unbedingt mitfahren, ja, er würde sich extra zu diesem Anlass ein neues Fahrrad kaufen, was er aber sowieso schon vorhatte. Die von mir als Drohung empfundene Aussicht auf eine sehr lange Radtour war nun nicht mehr zurück zu biegen, weil sich inzwischen verschiedene tatendurstige Fraktionen auf diesen Samstagsausflug vorbereiteten. Bei starkem Sonnenschein trotz starker Dunstglocke, die heute so extrem war, dass man sie waagerecht auf 100 m Strecke unter den schattenspendenden Bäumen erkennen konnte, trafen wir Punkt 10.00 Uhr wie verabredet am Haupttor des Fuxing-Campus ein. Ganz pünktlich ging ein ohrenbetäubender Sirenenalarm los. Zuerst dreimal 30 Sekunden Dauerton mit ebenso langer Pause dazwischen. Sirenenprobe? Wir starteten unsere Radtour zu dritt (es blieben einschließlich mir nur zwei Professoren und ein Student von der angekündigten Interessensgruppe übrig) bei 36 °C und einer relativen Luftfeuchte von 100 %. Die gefühlte Feuchte lag bei ca. 150%, denn der Schweiß rann in Strömen an meinem Rücken herunter; dabei hatte ich nicht mal einen Rucksack an. So etwas kenne ich im Sommer in Deutschland nicht mal beim Warten an der roten Ampel in der prallen Sonne unterer schwarzer Motorradlederbekleidung. Die Sirenen heulten die nächsten 20 Minuten weiter, alle Signalfolgen wiedergebend. Niemand reagierte darauf, alle machten weiter wie zuvor. Das konnte keine Probe sein; zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit hätte die erste Minute ausgereicht. Das konnte kein Alarm sein, wenn Warnung und Entwarnung in beliebiger Reihenfolge ertönten. Zum Glück hatten wir Emil dabei, der wusste, dass dies zum Gedenken an den japanischen Überfall auf China am 18. September eines ihm entfallenen Jahres (1931. Mit dem Sprengstoffanschlag auf die Südmandschurische Eisenbahn bei der Stadt Mukden wurde die Mandschurei-Krise im Vorfeld des zweiten japanisch-chinesischen Kriegs ausgelöst. Japan besetzte in Folge der Krise die Mandschurei und errichtete den Marionettenstaat Mandschukuo, um die rohstoffreiche Region ausbeuten zu können) geschah; und verschoben auf den Samstag danach, damit man sich besser besinnen könne.
(In ähnlicher Weise pragmatisch beteiligt sich Shanghai am internationalen "car-free day", der weltweit jährlich am 22. September begangen wird und der in Hamburg dieses Jahr einen Tag vorgezogen wird und „autofreier Sonntag“ heißt, nicht weil dann keine Autos in Hamburg fahren dürfen, sondern weil die öffentlichen Verkehrsmittel des HVV kostenlos benutzt werden können, was Autofahrer zum umsteigen animieren soll. Shanghai leistet seinen Beitrag am korrekten Datum, indem, mehr symbolisch als substanziel, der zwei km lange Abschnitt der Sichuan Lu von der Tian Tong Lu bis zur Dong Bao Xing Lu von 9.00 Uhr bis 15.00 Uhr für alle Autos, außer Busse, Taxis und Krankenwagen, gesperrt sein wird. Etwa die Hälfte der Autos auf Shanghais Straßen sind Taxis).

The long and winding road
Wir überquerten den Huanpu mit einer der Fähren, die alle nur für Fahrräder und Roller eingerichtet sind. Es herrschte bei der Überfahrt ein schrecklicher Lärm, denn alle schalten den Motor während der Flussfahrt aus, was auf der kabbeligen Passage zur Folge hat, dass ständig irgendeine akustische Diebstahlwarnanlage ausgelöst wurde und das volle Ein-Minuten-Programm abplärrte. Im feinen Finanzdistrikt von Pudong mag man keinen massenhaften Fahrradverkehr sehen, weswegen wir uns über für Fahrräder gesperrte Straßen etwas umständlich auf die nach Norden führende, endlos lange Pudong Avenue durchschlagen mussten. Emil war noch nie in Pudong gewesen. Ihn beeindruckten die Wolkenkratzeransammlungen, die breiten Alleen und dass so wenige Menschen zu sehen seien. Mich beeindruckte, dass er die vielen Leute als beeindruckend wenig einschätzte. Die Fahrt ging zuerst durch eine riesige Trümmerstrecke mit lauter Häuserruinen, deren Abriss der Vorbereitung auf den Bau neuer Hochhäuser diente. Es war heiß, holperig, laut, staubig, schweißtreibend, durstmachend.

Dann führte die Pudong Avenue an Werften entlang; die Betriebe auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren nun kleine Schlossereien mit katastrophalen Arbeitsbedingungen, die ich als Anschauungsmaterial für abschreckende Beispiele gefilmt habe. Mit dem Auftauchen der chemischen Industriebetriebe kamen zu den bisherigen Umweltbedingungen noch Gerüche, Gase, Aerosole und Feinstäube hinzu. Ich fühlte mich in der Nähe von fertig und dachte mir, wahrscheinlich findet Emil den Ausflug gar nicht so prickelnd und hält nur deswegen eisern durch, um gegenüber den alten Professoren nicht als Weichei aufzufallen und nur deswegen hielt ich eisern durch, um nicht meinerseits als schlappe Lusche hervorzustechen. Um zwölf Uhr hatten wir endlich alle das Bedürfnis nach einer Pause und kehrten in einer Schmuddelbude ein, die für mich mit meinem total unempfindlichen Magen eine Herausforderung an Toleranz darstellte. Mein Wusch, ob man den Tisch mit einem Lappen abwischen könne, wurde wegen eines glücklichen Übersetzungsfehlers seitens unseres Emils mit dem Aufziehen einer frisch gewaschenen Stofftischdecke, über die eine dünne hygienische Plastikfolie gezogen wurde, beantwortet. Fünf Speisen haben wir bestellt, darunter verschiedenes Fleisch, Gemüse, Reis und Sojasuppe mit Pilzen und Eiereinlauf. Es kam brutzelnd heiß auf den Tisch und hat, sehr zu meinem Erstaunen, ausgesprochen lecker geschmeckt. Zu trinken gab es, sehr erfrischend, mit Kohlensäure versetztes, gesalzenes Mineralwasser mit einem leichten Pfefferminzgeschmack. Ohne den Pfefferminzgeschmack könnte ich das zu meinem Lieblingswasser erklären. Nach der Pause war ich richtig fit statt fertig und weiter ging es nach Norden, dann nach Nordost, durch das neue aufgebaute und modern verkehrserschlossene Sonderwirtschaftsgebiet, vergleichbar mit den Hamburger Freihafengebiet – jedoch eine ganze Zehnerpotenz größer. Überhaupt war die Bebauung und Belegung auf der ganzen Fahrt durchaus mit dem Hafengebiet von Harburg-Binnenhafen, Kattwig, Reiherstieg, Steinwerder, Veddel, Waltershof und Altenwerder sehr vergleichbar, alles jedoch extremer.

da hai gang - Shanghais großer Seehafen
Der Containerverkehr im Hafengebiet erfolgte auf LKWs, wobei einige Container auf den Lafettenanhängern mit Twistlock befestigt waren, die meisten aber nur per Schwerkraft mit den Castcorners auf den Zapfen lagen. Von der in kürzester Zeit neu aus dem Nichts heraus gebauten Autobahn, die allerdings am diesem Tag schon auf der Zufahrt zum Seehafen verstopft war, führte der LKW-Verkehr dreispurig Stop and Go zu den Containerterminals. Ich bin immer noch gespannt, wie Harburg den Verkehr bewältigen will, wenn diese Massen demnächst in Hamburg von den Schiffen gelöscht werden. Vor allem riesige Mengen Containerleergut stapelten sich im Freihafengebiet. Emil hatte sich irgendwie einen Ausflug ans Meer vorgestellt, aber wir kamen wegen der Absperrungen natürlich nicht ans Ufer heran. (Wie Hamburg hat auch Shanghai die vom amerikanischen Parliament verabschiedeten Implementing Recommendations of the 9/11 Commission Act of 2007 des AVIATION and MARITIME CARGO Acts vorbildlich umgesetzt, ohne das ein Warenverkehr mit den USA heute nicht mehr genehmigt wird. Seitdem muss man die wenigen baulichen Lücken gut kennen, um überhaupt an die Kaikante heran zu kommen). Schließlich radelten wir an die äußerste Nordspitze des Pudong-New-Area, durch den Ort Gao Qiao hindurch, wo ich zwischen den Industriearealen kleine, liebevoll angelegte Äcker, mit Plastikfolie bespannte Treibhäuser und überschwemmte Reisfelder sehen konnte, die mir wie der trotzige Versuch einer zarten Begrünung des tristen Grau und des staubigen Braun vorkamen. In Wirklichkeit hatten selbstverständlich die Industrieanlagen die vorher vorhandenen landwirtschaftlichen Fluren, bis auf diese einzelnen klitzekleinen Areale, überwuchert. Schon seit einer Stunde blitzte es rings um uns herum in der Ferne. Plötzlich setzte ein Gewitterregen ein, den wir gemeinsam mit einigen sich anschreienden (weil sich nämlich in normaler Lautstärke unterhaltenden) Frauen unter einem Baldachin abwarteten. Auf meine Frage, warum alle Chinesen immer so sehr laut sprächen, aber meine chinesischen Studenten mir in der Vorlesung nur unhörbar leise antworteten, klärte mich Emil auf, er wisse, dass die Deutschen sich nicht an die chinesische Sprechlautstärke gewöhnen könnten und dass alle Leute mit akademischer Bildung zurückhaltend in der sprachlichen Geräuschentwicklung seien. So gesehen habe ich es in meiner Vorlesung also mit dem Creme der Bildungselite zu tun.

Der Kälteeinbruch
Der Regen brachte endlich die ersehnte Abkühlung auf fröstelige 29 °C, wusch den Staub aus der Luft und machte die Weiterreise richtig angenehm, nachdem er schließlich wieder ganz aufgehört hatte. Wir besuchten einen ganz nagelneu, wunderschön angelegten chinesischen Garten-Park gewaltigen Ausmaßes direkt am Jangtse-Ufer (eigentlich heißt der Fluss 长江 (chángjiāng) lang-Strom), der ohne Auto heutigentags noch schlecht zu erreichen ist, weitab von Shanghai-Mitte liegt, Eintritt kostet und deswegen, bis auf ein paar versprengte Spaziergänger, tatsächlich menschenleer war. Bis zu diesem Punkt hatten wir, ausweislich meiner nachträglichen genauen Routenausmessung mit Google-Earth 50,7 km hinter uns gebracht und noch 28,7 km Rückfahrt vor uns. Es war gut, dass ich die Reststreckenlänge zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau kannte, sondern nur ahnte, dass es noch ziemlich weit war. Erst mal ging es zu Fuß zum erhöhten Aussichtspunkt am Jangtse-Ufer, wo die unübersehbare Breite des Stroms mich aufs Neue beeindruckte. Zum Spaß zählte ich 81 Schiffe, die ich zu genau diesem Zeitpunkt in meiner Sichtweite vor mir hatte. Vom Stein mit dem Schriftzeichen für Familienglück aus begann dann der Rückweg. Emil spricht sehr gut Deutsch, hat in diesem Jahr in Hamburg die Summerschool absolviert, möchte sein Studium in Deutschland nach dem Bachelorabschluss fortsetzen, dann drei bis fünf Jahre in einem deutschen Industrieunternehmen Erfahrungen sammeln und schließlich in China Karriere machen. Er ist ausgesprochen höflich, fühlte sich als unser Gastgeber und für unser Wohl verpflichtet, und es gab einen richtigen kleinen Kampf, den wir nur mit List gewinnen konnten, als es darum ging, das Mittagessen und den Eintritt in den Park für ihn mit zu bezahlen.

Der lange Weg zurück
Die Rückfahrt entlang derselben Strecke, die wir gekommen waren, erschien mir, anders als ich es sonst immer empfinde, viel länger als der Hinweg. Ich habe ihn mit den anderen beiden an einem Stück mit weichgekneteten Pobacken und abgestorbenen Handgelenken in zwei Stunden bis zur Fähre, wo es inzwischen Dunkel geworden war, bewältigt. Wir wollten Emil noch zum Abendessen einladen, als sich herausstellte, dass heute Abend seine Eltern auf ihn warteten. Wir verabschiedeten uns an Ort und Stelle mitten auf einer Kreuzung. Offensichtlich hatte er nicht mit einer so langen Tour gerechnet – ich übrigens auch nicht.

Das exquisite Dinner
Mit meinem Kollegen suchte ich auf dem Weg noch ein Straßenrestaurant mit Meeresfrüchtespezialitäten in der Chinesischen Altstadt auf, wo die schummrige Beleuchtung das tagsüber ganz sicher anders aussehende Ambiente in ein sehr malerisches, anheimelndes Kolorit tauchte. Höflicherweise hinterließen wir einen ähnlich versauten Tisch wie unsere chinesischen Tischnachbarn. Ich weiß ja inzwischen, wie man sich anständig zu benehmen hat. Endlich zu Hause legte ich mich nach dem Duschen sogleich in Bett.

Erkenntnis des Tages
: Quälereien mutieren erstaunlicherweise im Rückblick zu echten Heldentaten.

Freitag, 19. September 2008

Hoch hinaus und tief drin

Pflichterfüllung
Heute Morgen schien, wie angekündigt, die Sonne, während für das Wochenende schlechtes Wetter angesagt ist. Das hat meine zwei Elektrotechnikkollegen darin bestärkt, an ihrem freien Freitag eine Eisenbahnfahrt nach Suzhou zu unternehmen. Etwas neidische konnte ich leider nicht mit, weil ich während des Tages eine Vorlesung hatte und ein Tausch ganz in die Frühe aus maschinenbauinternen Gründen leider nicht zustande kam. Deswegen habe ich mich voll auf die Vorlesung konzentriert und am Nachmittag an zwei von vier(!) Stunden Deutschunterricht eines Teils meiner Studenten, die von einer chinesischen Deutschlehrerin gegeben wurden, teilgenommen. Mittags gab es ein langanhaltendes sehr lautes Krachen, das mir vorkam, als seien die Zwillingstürme des World Trade Center erneut eingestürzt. Nach einer Weile roch es nach Gas oder Pulverdampf. Ich erfuhr erst später, dass es sich um eine angemeldete Sprengung in einer Benachbarten Riesenbaustelle gehandelt hat.



Dorthin bin ich neugierig geradelt, und tatsächlich das Fahrzeug des Sprengmeistertrupps stand dort, die Baustelle war geräumt, aber ringsherum lief der Verkehr wie an allen Tagen. Solche gezielten Sprengungen mitten in der Stadt gibt es bei uns in Deutschland nur nach einem Blindgängerfund aus dem zweiten Weltkrieg, der aus Sicherheitsgründen nicht abtransportiert werden kann. Nach einer halben Stunde folgte eine zweite Sprengung.


Die Deutschlehrerin wollte von mir wissen, welche Meinung ich zu ihrem Unterricht hätte, denn sie wolle sich verbessern („Lernen hat nie ein Ende“). Dazu war ich nicht in der Lage, weil sie eine Glosse aus der Zeitung (die im em-Buch abgedruckt ist) Satz für Satz mit den Studenten auseinander genommen hat und auf grammatikalische Zusammenhänge in der deutschen Sprache aufmerksam gemacht hat, die ich gar nicht mehr drauf hatte, die aber stimmten, denn genauso wie beschrieben spreche ich intuitiv und an die deutsche Sprache gewöhnt.

Ren Min Platz
Am Abend machte ich mich auf den Weg zum Ren Min Guang Chang (Peoples Square), einem großen Platz mit viel Grün und Parkanlage mitten in der Stadt, der in der britisch beherrschten Zeit eine dekadente Pferderennbahn war und nach der kommunistischen Revolution den Volk für Aufmärsche und Kundgebungen übereignet wurde. Heute stehen wichtige, öffentliche Gebäude an diesem Platz, von denen eins die Staatsgalerie für Zeitgenössische Kunst (Shanghai Art Museum) ist. Dort findet seit dem 8. September noch bis zum 16. November die 7. Shanghai Biennale, die ich mir ohnehin anschauen wollte. Leider war ich für einen Besuch zu spät am Tag, außer für die Exponate um das Gebäude herum im Freien.


Hochgelegene Hotellobby
Stattdessen begab ist mich zum Tomorrow Tower (der mit den sich im Spitzenpunkt nicht berührenden vier Spitzen und der scheinbar frei schwebenden Kugel dazwischen), wo ich von der eleganten Hotellobby aus, die sich im 38. Stock befindet, einen herrlichen und natürlich dunstigen Überblick über den Ren Min Platz und Down Town-Shanghai hatte. Auf meinem




Weit hinten drin
Rückweg suchte ich die Hefei Lu ab, um Hausnummer 25 zu finden, wo in einem Hinterhaus der Künstler Zhang Chongren (das ist der, der Hergé daran gehindert hat, Tim und Struppi in China in schlechtem Licht darzustellen) sein Atelier gehabt hatte – eben unweit meines Hotels. Ich drang in eine geheimnisvolle Hinterhofwelt ein: lauter kleinste Ein-Zimmer-Behausungen, engste Gässchen, elektrische Leitungen nur wenig über Kopfhöhe, dazwischen Wäsche auf Leinen zum trocknen, Überall Fahrräder abgestellt. Die Frauen beschäftigten sich kurz vor 18.00 Uhr mit dem Kochen. Kinder spielten friedlich. Das Leben spielt sich in drangvoller Enge ab. Jetzt weiß ich, warum sich Tag und Nacht so viele Leute, mehr Männer als Frauen, auf der Straße aufhalten und dort ihr Leben verrichten: in ihren Einraumwohnungen ist gerade kein Platz für sie frei! Wahrscheinlich würden sie auch gerne anders leben, wenn sie die Wahl hätten. Bei aller Idylle, die sich mir als durchstromernder und fotografierender Tourist bot.

Erkenntnis des Tages: Raum ist doch nicht in der kleinsten Hütte.

Donnerstag, 18. September 2008

Deutsches Kulturgut

Die Polizei, Freund und Helfer
Der Weg zur Uni war heute beschwerlicher als sonst. Bin ich schlapp geworden? Unterwegs sah ich wieder mal einen Polizisten, der einen Verkehrsteilnehmer aufgeschrieben hatte. Das sind nicht die im Design der SA-braun uniformierten Hilfsverkehrsregler, die zu viert, jeder an einer Ecke jeder Straßenkreuzung stehen und auf deren ständiges Pfeifen niemand achtet. Jedoch, ohne sie wäre das Chaos wahrscheinlich total perfekt. Es scheint eine Kampagne angelaufen zu sein, Shanghai auf die EXPO 2010 vorzubereiten. Rote Spruchbanner mahnen zu vorbildlichem Verhalten, zu Umweltbewusstsein, zu Verkehrsdiziplin. Und immer wieder erwischt es einen, der genau das tut, was alle anderen auch tun. Und während der Polizist aufschreibt und dabei vielleicht noch einen Fahrraddiebstahl aufdeckt, weil der Fahrradbesitzer nicht die nötige Identitätskarte vorweisen kann, machen alle anderen weiter, wie bisher, denn jetzt ist der Polizist ja ungefährlich, weil beschäftigt.



Unsicherheit mit den Studenten
Nach der Vorlesung hatte ich heute ein schlechtes Gefühl: kommen meine Studenten überhaupt mit? Sicher da gibt es einige, schätzungsweise acht bis zehn, die sind immer aufmerksam, beteiligen sich am Unterricht, bringen mich mit Detailfragen manchmal richtig ins Schwitzen. Die Dekanin, die mich im Gespräch mit einigen von ihnen beobachtet hat, sprach mich auf diese Studenten an, die sie kannte und als besonders gut und fleißig bezeichnete, und mit einen ganz lebendigen Lachen sagte sie: „aber andere sind sehr faul.“ Aus der spürbaren Stärke ihres Lachens schloss ich, dass sie mit ihrer laut gespielten Fröhlichkeit ihre besonders tiefe Sorge zum Ausdruck bringen wollte. Sollte sie das gemeint haben, teile ich sie. Weitere zehn entpuppen sich als stille Wasser, die aber durchaus mal etwas Helles aus ihren Untiefen aufblitzen lassen. Die übrige Hälfte der Studenten signalisiert mir Unverständnis. Hier prallen zwei Welten aufeinander: meine Erwartungen an zukünftige Ingenieure, die bald in der Lage sein sollen, technische Innovationen voran zu treiben und kreativ Neuheiten erfinden sollen und die in ihren Sachthemen so fit sein sollen, dass ihnen nicht jemand, gutmeinend, versehentlich, absichtlich oder gar bösartig ein X für ein U vormachen kann. Und ihre Erwartungen an das Studium: bisher haben sie stets gelernt, dass man nicht hinterfragt, bisher war auswendig lernen angesagt und wurde honoriert, in der ganzen chinesischen Kultur ging es immer darum, dass der große Meister möglichst vollkommen kopiert wurde – was soll in so einer Weltsicht geistiges Eigentum sein? Die Umstände, unter denen sie Deutsch lernen müssen, sind so, dass ich froh bin, nicht in ihrer Haut zu stecken … wo doch auch in Deutschland Ingenieure nicht gerade wegen ihrer sprachakrobatischen Fähigkeiten bekannt sind.
Deswegen habe ich den Nachmittag im Büro am Computer verbracht, um ein paar außerordentliche repetitorische Übungen neu vorzubereiten. Genügend Vorlesungsstunden dafür, neben dem Stoff, habe ich noch. Das bot sich an, denn heute hatte ich unerwartet frei. Für den Nachmittag war eine halbtägige Besichtigung in einer Gießerei mit angeschlossener mechanischer Fertigung geplant. Freundliche Zusagen hörte ich von allen Seiten, aber vorgestern hieß es plötzlich, es sei eine Gießerei doch nicht vorhanden. Plötzlich verschwunden? Ich war keineswegs enttäuscht, im Gegenteil, meine Erwartungen waren voll eingetroffen. Eine Absage hört man eigentlich nie; „nein!“ sagt man einfach nicht. Damit der Verlust für mich nicht so hart sei, hieß es, wir könnten etwas ganz anderes besichtigen. Das hat aber keinen Zweck, weil die Exkursion in die Fabrik den Stoff der Vorlesung ergänzen, nachbereiten oder vorbereiten soll. Die Laborpraxis wird wohl auf einen Tag zusammenschrumpfen – viel zu wenig, denn wir von der deutschen Seite wollen doch die positiven Aspekte der Fachhochschulausbildung in das Joint-College beisteuern. Und Praxiserfahrung kommt in diesem Schulbetrieb echt zu kurz.

Deutschlehrerinnen
Heute Abend haben zwei meiner Kollegen und ich die drei neuen Deutschlehrerinnen, die vor einigen Tagen zum Semesterbeginn der Erstsemester eingetroffen sind und die ich bei der Begrüßungsveranstaltung am Jun Gong-Campus kennen gelernt habe, zum Abendessen in ein Szechuan-Restaurant eingeladen. Die im Deutschen übliche Schreibung meint die Provinz Sichuan und in diesem Fall speziell die dort typische Küche. Grob vereinfacht gibt es drei Speisekategorien: scharf, sehr scharf und extrem scharf. Das gilt natürlich nicht für den Reis und viele Gemüse. Vielleicht bin ich schon ziemlich umgestellt, also ich fand es lecker. Die drei Damen sind schätzungsweise Anfang dreißig, haben alle „DAF“ (Deutsch für Ausländer, also nicht Germanistik) studiert und sich auf diese Stellen beworben. Sie kommen aus München, Leipzig und Berlin und sind für ein Semester direkt bei der USST angestellt, verdienen mit 600 Euro im Monat im lokalen Vergleich sehr gut, haben eine ganz kleine gemeinsame Wohnung ganz in der Nähe vom Fuxing-Campus gestellt bekommen, ihr Arbeitsplatz ist aber ausschließlich auf dem Jun Gong-Campus. Wenn sie nicht um 7.00 Uhr mit dem Shuttlebus für 5 Yuan in 40 Minuten dorthin fahren wollen, weil sie erst am Nachmittag Unterricht haben, dann brauchen Sie für die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln anderthalb Stunden für eine Strecke. Sie haben nicht an jedem Tag Unterricht und müssen deshalb auch nicht täglich pendeln; dass sie „in der Stadt“ wohnen, ist ihnen trotz allem sympathischer als eine Unterbringung auf dem abgelegenen Jun Gong-Campus. DAF-Lehrerinnen sind in der Regel selbständig und arbeiten eigentlich immer von Auftrag zu Auftrag; solche Auslandseinsätze sind, das liegt in der Natur des Berufes, nicht außergewöhnlich. Unterrichtet wird nach dem quasi weltweiten Standardbuch „em“ aus dem Hueberverlag. Ich habe da mal rein geblickt und weiß jetzt, woher vieles vom Deutschlandbild meiner Studenten herstammt: so ist zum Beispiel das Oktoberfest eines der wichtigsten Feste in Deutschland, könnte man meinen; aber eigentlich geht es dabei hauptsächlich um temporale Präpositionen, konzessive Konnektoren, Modalverben und ähnliches. Fachterminologie gehört nicht zum Unterrichtsprogramm. Eine der Lehrerinnen will kommende Woche in meine Vorlesung kommen, damit sie ein Gefühl dafür bekommt, was ihre heutigen Anfänger-Schüler in vier Semestern erwartet und was sie dann an Fachsprache verstehen können müssen.

Ein Platter
Meinen Weg zurück zum Hotel trat ich zu Fuß an, denn der Vorderreifen meines Fahrrades hatte einen Platten. Sonst fallen mir alle 400 m Kleinbetriebe auf, die Fahrradreparatur machen, Zubehör verkaufen und Druckluft zum Nachfüllen anbieten, letzteres kostenlos, allerdings wirft man ein paar Münzen in den stets bereitstehenden wassergefüllten Behälter, der zum Aufspüren der Löcher im Schlauch durch aufsteigende Luftbläschen gebraucht wird. Auch noch um 21.30 Uhr bewiesen solche Blasen am Fahrradreparaturladen bei meinem Hotel, dass ich einen neuen Schlauch brauchte. Natürlich hätte einfaches Flicken von zwei Löchern es auch getan, aber der Auflauf von mehreren ungefragt meinungsbildenden Passanten, die ihre paar Brocken Englisch mal richtig nutzbringend einsetzen wollten, brachte mich zur Überzeugung, dass ich durchaus umgerechnet 1,80 Euro einsetzen wollte. Das Flicken hätte nämlich nur den Preis der Flicken gekostet. Die Dienstleistung des Schraubens, Flickens und Mantelab- und aufziehens gibt es nämlich kostenlos. Arbeitszeit berechnet niemand extra. Der schuldige Nagel steckte noch im Mantel. Jetzt rollt das Rad wie zuvor – und ich bin beruhigt: doch keine Anzeichen von Altersschwäche. Nicht nur der Fahrradladen hat eigentlich fast immer offen, das gilt ganz generell. Es stehen auch irgendwie immer die gleichen Leute im Geschäft, sieben Tage die Woche. Nicht wie in Deutschland, wo die Leute nach getaner Arbeit nach Hause gehen und sich mit dem Bier vor den Fernseher setzen, um ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten: hier sitzen die Leute scheinbar immer in ihren Geschäften, morgens, mittags – und abends mit dem Bier vor dem Fernseher.

Erkenntnis des Tages: Ganz anders zu leben ist auch normal

Mittwoch, 17. September 2008

Beim Schneider

Vorschatten der Ereignisse
Ein Ereignis in der Zukunft hat seinen vorausscheinenden Glanz auf den heutigen Tag geworfen: Der Tag der Deutschen Einheit. Der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Shanghai und seine Frau Gemahlin geben sich nämlich die Ehre, mich anlässlich dieses Feiertages zu sich zu einem Empfang zu laden. Erst im Ausland ist mir danach, unseren Nationalfeiertag ernst zu nehmen, während ich in Deutschland bisher immer nur an der fast willkürlichen Festlegung des Datums herumkritisiert habe (soweit ging meine Kritik allerdings noch nie, dass ich für die Abschaffung dieses arbeitsfreien Tages gewesen wäre). Ich sehe dem 6. Oktober 2008 (am Abend dieses Tages findet der Empfang statt, weil in der „Golden Week“ davor, wegen des Nationalfeiertages des VR China alle frei haben) mit Spannung entgegen, und hoffe dass ich den Generalkonsul auch zu Gesicht bekomme. Denn außer mir sind noch alle anderen „Landsleute aus Shanghai und Umgebung“ eingeladen. Das werden sicher ein paar tausend Deutsche sein, die in der Industriemetropole Shanghai arbeiten, aber gemessen an den 16 Millionen Menschen in Shanghai, darf ich mich mit Recht zur feinen Cremeschicht zugehörig fühlen. Meine Einladung habe ich aus dem Internet, und sie schließt mit dem kleingedrucken Hinweis „Dunkler Anzug“. Mit einem meiner Kollegen habe ich mich heute also auf die Suche nach „Dunkler Anzug“ gemacht, denn im Unialltag ist förmliche Kleidung nicht Gang und Gäbe, wie in der Wirtschaft und im Industriemanagement, und in Shanghai sollte man tunlichst im Sommer möglichst wenig und nur ganz luftiges tragen. Ganz untypisch für Männer haben wir beiden drei Stunden mit dem Shopping verbracht. Parallel zur Fuxing Lu, an der unser Campus liegt, führt die Huai Hai Zhong Lu, und die ist im Abschnitt zwischen Xiang Yang Park und dem Liu Lin Da Sha-Wolkenkratzer die Topp-Einkaufsstraße Shanghais, vergleichbar mit dem Neuen Wall in Hamburg; es sind dort genau die gleichen Geschäfte internationaler Edelmarken anzutreffen (Die viel größere, geschäftigere und bekanntere Nanking Lu, die von der Hauptpromenade Bund am Huangpu-Fluss abgeht, wurde mir von meinen chinesischen Kollegen von den Preisen her mehr als etwas für „normale“ Menschen zu sein beschrieben). Zwischen Fuxing und Huai Hai führt die Mao Ming Lu, die eine stattliche Anzahl Herrenschneidergeschäfte beherbergt (Damenklamottenläden gibt es unüberschaubar viele – mit Ehefrau in Shanghai zu verweilen, die sich selber beschäftigt, während ihr Mann bei der Arbeit ist, kann aufgrund der an vielen Stellen extrem günstigen Preise zu einem aufsummiert extrem teuren Vergnügen werden). Schöne englische Cashmere-Stoffe (Made in China) gab es, jeden gewünschten Anzugschnitt, vorzügliche Bedienung, ein gewissen englischen Sprachschatz, und die Preise lagen unter denen in Hamburg, aber über dem, was ich ausgeben wollte. Jetzt haben wir einen guten Überblick über das momentane Angebot an Shanghais Spitzeneinkaufsadresse.



Geheimadresse
Mir war schon zuvor ein Schneidergeschäft in der Dan Shui Lu, ganz in der Nähe von unserem Hotel auf dem Weg zur U-Bahnhaltestelle aufgefallen. Die Dan Shui Lu ist zwar ziemlich traditionell Chinesisch ungepflegt, mit teilweise wenig attraktiv dargebotenen Ladenauslagen. Aber innerhalb des kleinen Ladens gab es die gleichen Stoffmusterbücher wie bei den Edelschneidern, ich konnte dort alle meine speziellen Wünsche an Schnitt, Anzahl der Knöpfe am Jackettärmel (mit genähten, offenen Knopflöchern und nicht nur aufgenähten Knöpfen), Zahl und Lage der Gürtelschlaufen usw. anbringen und das bei einem unverhandelten Preis, der bei 50 % des Marktniveaus in der Mao Ming liegt und alle Wünsche beinhaltete. Außer dem Anzug bestellte ich mir noch ein Maßhemd, auch wiederum mit Sonderausstattung, unter anderem meine eingestickten Initialien in chinesischen Schriftzeichen: Hong Pe Te (mein angenommener chinesischer Name für Peter Hornberger). Nun ist die Spannung groß, denn zwei Drittel des Preises habe ich schon angezahlt; nächste Woche ist Maßanprobe und in zehn Tagen soll alles fertig sein. Ob dann wieder so viele Nachbarn von meinem Scheider zuschauen werden?



Ansichten über Deutschland
Am Abend war ich wieder mit einigen meiner chinesischen Studenten beim Essen, wobei die mich in besondere Leckereien und Spezialitäten einweihen: sie suchen aus, mit Hilfe der verschiedenen Deutsch-Chinesischen-Übersetzungs-Palmtops wird der an besten zutreffende deutsche Begriff gewählt und dann wird geschmeckt und gegessen. Manche Sachen sind einfach zu übersetzen: Schweinerippchen an süß-saurer Soße oder gebratener Chinakohl. Schwieriger wird es bei Tofu mit Kiefernblüteneiern, die tief dunkelgrün auf den blass gelben Tofuscheiben lagen. Da meinen Studenten die Zubereitung vertraut ist, habe ich schließlich für alle Gerichte den Überblick, um was es sich handelt. Sie sind mächtig stolz auf ihre gute, leckere, weltweit unübertroffene vielfältige Küche. Die Atmosphäre wird von mal zu mal lockerer, wir haben diesmal sogar schon so über politische Themen gesprochen, das vor 15 Jahren die Tischnachbarn (sofern sie unser Gespräch auf deutsch hätten verfolgen können), verpflichtet gewesen wären, die Inhalte und Personen bei der Partei zu melden, berichteten sie und fügten hinzu: wie in der DDR. Ihr Deutschlandbild haben sie aus ihrem Deutschunterricht und von einem Mädchen ihrer Clique, das schon einmal zur Summerschool (Deutscher Sprachunterricht für Ausländer an der HAW während der Sommerferien) in Hamburg war. Kontakt mit Deutschen hatte sie damals kaum bekommen, aber mit Türken von der Universität in Antalya, mit der die HAW ebenfalls internationalen Kontakt und Austausch pflegt. Nach dem Bericht, den ich gehört hatte, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wovon ich dick bloß geworden bin, so bedenklich, wie das Essen in Deutschland ist. Gemüse wird in großen Mengen roh gegessen, statt es zu kochen, dämpfen oder braten. Toter Fisch wird im Laden verkauft. Richtig ekelhaft finden sie, dass verfaulte Milch verkauft wird und es dafür sogar Käsespezialitätengeschäfte gibt. Das Mädchen hatte jedenfalls bei Ihrem Deutschlandtrip stark abgenommen. Komisch, die gleiche Erfahrung mache ich jetzt hier auch, und bis gestern noch hätte ich das einerseits ganz sicher an dem Speiseangebot mit viel Gemüse festgemacht und es andererseits der Essenszufuhr zum Mund stets nur in keinen Portionen zugeschrieben, weil man mit Stäbchen einfach nicht ungesund schlingen kann. Aber wäre ich von Kindesbeinen an anders erzogen worden, hätte ich mir bestimmt auch andere Fertigkeiten angewöhnt, um mit dem dann anderen Leben optimal zurecht zu kommen.



Wir gingen noch zum Fuxing-Campus zurück, wo alle Studenten im Wohnheim wohnen müssen und wo mein Fahrrad stand. Ich wurde noch zur Zimmerbesichtigung eingeladen, was ich gerne und neugierig annahm. Vom am Eingang sitzenden obligatorischen Aufpasser wurde ich freundlich begrüßt – seine Aufgabe ist es, keine Mädchen in das Jungengebäude hinein zu lassen. Die Erstsemester müssen um 11.00 Uhr das Licht ausmachen und haben nachts Ausgangssperre, wie ich als damals gleichaltriger, als ich mich bei der Bundeswehr zur Grundausbildung befand (Allgemeine Wehrpflicht gibt es in China nicht). Zum Abschied bekam ich noch eine Packung Instantnudeln mit Meeresfrüchten (in die Schüssel legen, kochendes Wasser darüber, vier Minuten ziehen lassen, fertig) in die Hand gedrückt, weil, selbst wenn ich sowas in Deutschland schon gegessen hätte, die chinesischen seien doch unübertroffen lecker.

Erkenntnis des Tages: Wenn der Altersunterschied nicht wäre, würde ich sagen: hier bin ich versorgt und aufgehoben wie bei Muttern.

Dienstag, 16. September 2008

Erstsemesterbegrüßung

Einzug der Studenten
Heute zog ich mein sauberes blaues Hemd an, die seit dem Taifunregensturz nicht mehr benutzten Lederschuhe und nahm Jackett und Krawatte mit. Denn nach den Vorlesungen am Vormittag war eine Fahrt zum Jun Gong-Campus angesagt, wo ich bei der Erstsemesterbegrüßungsfeier vom Podium aus ein paar Grußworte auf Deutsch zu den Studierenden sprechen sollte. Ich war vorbereitet worden wie ich es gewohnt bin: nett, freundlich, unklare Angaben, alles versprechend, aber das, was von vornherein schon nicht ausführbar gewesen war, ist angeblich erst urplötzlich leider doch nicht mehr möglich, alles wird irgendwie geschickt hinimprovisiert. Schon auf dem Fuxing-Campus war es heute merklich bevölkerter gewesen, weil dort die sino-britischen Erstsemester auch heute eingetroffen sind und ihre Quartiere bezogen haben. Noch geschäftiger ging auf Jun Gong zu.



„Unsere“ Studenten der Zukunft
Im achten Stock der gigantischen Bibliothek war der Vortragssaal in dem ich neben der Dekanin des internationalen Studienganges für Ingenieurwissenschaften und einem weiteren Dekan, Prodekan und Abteilungsleitern mit einem Deutschlehrer als Dolmetscher als einziger mit Schlips und Jackett auf dem Podium saß und wie alle anderen 17 Offiziellen im Saal den Erstsemestern des Maschinenbaus und der Finanzwissenschaften im internationalen Studiengang vorgestellt wurde. Zuerst stellte die Dekanin die USST, das Joint-College, die Vergangenheit und die Zukunft mit einer Powerpoint-Präsentation sehr eloquent und mit ansteckender Begeisterung vor. Mich jedenfalls erreichte sie. Bei den Studierenden (55 männliche und 31 weibliche, von den Damen studieren die meisten leider Finanzwirtschaft) gelang ihr das bei manchen nicht so gut, denn trotz des spannenden Vortrags waren in wechselnder Besetzung stets fünf bis zehn in ihren bonbonrosafarbenen Plüschklappsesseln in den Schlaf weggeklappt. Das konnte nur an dem gestrigen Mondfest und keinesfalls an der Dekanin liegen. Nach Beendigung ihrer Schulzeit nehmen diejenigen, die Studieren wollen, an anstregenden national identischen Aufnahmeprüfungen teil, für die viele junge Leute einen Haufen Stoff pauken und vieles stur auswendig lernen. Die Zahl der erreichten Punkte gibt Auskunft darüber, welche Qualität die Universität hat, die die Studierenden später besuchen dürfen. Die USST liegt zwischen zweiter und dritter Klasse. Der Studierwille ist groß; 90 % der Studienanfänger machen einen Abschluss. Das System ist dreigestuft: Bachelor nach vier Jahren, dann Master für die Besten , eventuell kann man noch eine Promotion anschließen. Ich erkannte auf den präsentierten Fotos der letzten Jahre viele mir bekannte Gesichter deutscher Professoren aus Hamburg wieder.



Wachstum
Am beindrucktesten war ich von den Zukunftsplänen, die bereits in einem drei mal vier Meter großen 1:500-Modell dargestellt sind, welches ich nach der Veranstaltung aufgesucht und studiert habe: Das heute schon 1000 Mu (650.000 m²) große Gelände wird im kommenden Jahr um die Hälfte(!) nach Osten hin erweitert, indem die angrenzende Wohnbebauung plattgemacht wird, und als un-terminierte Mittelfristplanung steht eine noch einmal so große Erweiterung nach Westen hin bevor. Vor einhundert Jahren, als die Hochschule als kirchliche, amerikanische Bildungsanstalt gegründet wurde, hat das niemand vorhergesehen.

Podiumsvortrag Xu (Foto wird nachgeliefert)

Repräsentant, gewollt oder ungewollt
Ich begrüßte die Studierenden auf Deutsch und beglückwünschte sie zur Wahl ihres Studiums, das sie neben allem fachlichen Wissen zu dem Alleinstellungsmerkmal der Kenntnisse in der deutschen Sprache und Kultur befähigen würde. Weil ich am Revers den gestreiften Pin der HAW trug, den ich persönlich im Hochschulpräsidium vom Präsidenten seiner Sekretärin übergeben bekommen hatte, fühlte ich mich irgendwie autorisiert, im Namen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg Grüße und Glückwünsche zu übermitteln und Werbung für die Freie und Hansestadt Hamburg machen zu dürfen. Egal, ob erlaubt oder Kompetenzübertretung: was ich auch mache oder unterlasse, niemand schließt auf „Peter Hornberger“, sondern ich werde von den Chinesen immer mit „der Deutsche“ oder „die Deutschen“ oder sogar „Deutschland“ gleichgesetzt. Endlich hat die mich bisher immer befremdende Werbung „Du bist Deutschland“ einen wahren Sinn bekommen.

Studentenleben
Auf dem Jun Gong-Campusgelände strömten mir auf dem Rückweg, in geschlechtsgetrennten Pulks, Studierende mit Schüssel, Handtuch und Duschgelflasche in der Hand entgegen. Es war gerade die Zeit, in der das Duschhaus geöffnet ist. Im Wohnheim gibt’s an der Waschkaue nur fließend Kaltwasser. Alle Studierenden leben während ihres Studiums im Campus-Studentenwohnheim. Tagsüber sind Vorlesungen angesagt, nach dem Abendessen wird in den Seminarräumen im Eigenstudium gelernt oder Sport getrieben (jeder Campus ist mit Sportplätzen und Sporthallen reichlich bestückt), dann ist noch Wäsche waschen dran, eine halbe Stunde Musik hören, eine Stunde Computerspiel, und um 23.30 Uhr geht’s ins Bett zum Schlafen – oder es wird doch bis 02.00 Uhr am Computer gedaddelt; dann findet der Schlaf anderntags im Vorlesungssaal statt.



Snack
Erst viel zu spät kam ich wieder am Fuxing-Campus an, als dass ich mich meinen Kollegen zum gemeinsamen Abendessen hätte anschließen können. Deswegen bog ich auf dem Heimweg bei einem Schnellimbiss ab und bestellte auf die übliche chinesische Art in Gaststätten mit viel Laufkundschaft: Zuerst überlegt man sich, was man haben will. Dann zahlt man an der Kasse und erhält dafür einen Kassenbon. Anschließend tauscht man am Küchentresen den Bon und erhält die darauf verzeichnete Speise. Letztlich holt man sich auf dem Weg zu einem freiwerdenden Platz mit Resopaltischplatte noch entweder kurze, eingepackte Einmalstäbchen oder aus dem Spender große dampfgereinigte Plastik- oder Bambusstäbchen sowie ein Schälchen für Sojasoße oder Essig, was in Porzellanteekannen auf den Tischen bereitgehalten wird (Normalerweise gibt es auch Zahnstocher am Tisch, manchmal Servietten, seltener in Folie eingeschweißte, feuchte Waschlappen und nie Pfeffer oder gar Salz). Nach dem Essen hinterlässt man einen möglichst großen Haufen an Tischabfällen und einen möglichst versauten Platz, damit das üppig vorhandene Personal daran erkennen kann, wie hervorragend es einem geschmeckt hat, und wie sehr zufrieden man ist, denn Trinkgeld wird nirgends weder gegeben noch angenommen.



Ich hatte mich für 包子 bāo-zi (Tasche-VP = gebratenes Teigtäschchen mit Fleischbrätfüllung), im Westen auch als Dim Sun bekannt, entschieden und zeigte auf das Foto mit der von mir begehrten Speise. Als die Kassiererin mit Sprache bei mir nicht weiterkam, zeigte sie mit dem Finger „Eins“ und ich bejahte. Dafür zahlte ich drei Yuan im Gegenwert von 30 Eurocent. Die Frau wird doch nicht nur ein einziges Teigtäschchen gemeint haben? Ich erhöhte auf drei Stück für 9 Yuan, jetzt 90 Eurocent. Und bekam eine ganze Schale mit 12 Stück dafür, die ich schließlich nicht alle schaffte.

Erkenntnis des Tages: Exklusivität macht wichtig

Montag, 15. September 2008

Mondfest

Festtagsvorbereitung
Heute hatte ich unerwartet einen freien Montag, und ich habe den Tag genutzt, um meine erste Zwischenklausur vorzubereiten und ganz fertigzustellen. Obwohl ich den ganzen regnerischen Tag lang in meinem Hotelzimmer vor dem Laptop verbrachte, hatte ich am Abend ein sehr beruhigendes Gefühl. Der heutige Feiertag heißt Mondfest und ist ein wichtiger, mir bis dato unbekannter traditioneller Festtag in China, der erstmals in diesem Jahr auf Drängen der Bevölkerung im Tausch gegen einen anderen zum nationalen Feiertag erhoben wurde. Er wurde mir beschrieben als ein Familienfest, vergleichbar mit Weihnachten in Deutschland. Das hat meine Unkenntnis über das Mondfest zwar auch nicht erhellt, mir dafür aber einen schönen Einblick gegeben, wie die Deutschen in der Fremde wahrgenommen werden und wie sie ihren Glauben des christlichen Abendlandes in die Ferne vermitteln (Ostern wird im Deutschlehrbuch als Fest der versteckten Schokoladeneier vermittelt; aber die Feier der Auferstehung Jesu wird auch in Deutschland von vielen Deutschen nicht mehr wahrgenommen). Umgekehrt könnte meine neue Kenntnis vom Mondfest auch an der Hauptsache vorbeigehen.



Mythologie
Nach dem Chinesischen Kalender ist am 15. Tag jedes Mondmonats Vollmond. Das Mondjahr beginnt mit dem zweiten Mondmonat nach der Wintersonnenwende, mit jährlich wechselndem Termin zwischen Mitte Januar und Mitte Februar und mit groß gefeiertem chinesischem Neujahrsfest. Am 15. Tag des 8. Mondmonats soll der Mond besonders hell und rund sein. Nach dem Mondkalender ist in dieser Zeit Herbst, wo Getreide und Obst reifen. Am Abend des Mondfestes sitzen Blutsverwandte oder Freunde zusammen, um, sich im Arm haltend, den Mond zu bewundern. Im Altertum opferten die Kaiser im Frühling der Sonne und im Herbst dem Mond; schon früh hieß das Fest „Mittherbst“ (Chung Chui). Später folgten die Adligen und Literaten dem Beispiel der Kaiser und bewunderten im Herbst den hellen Vollmond. In der Tang- (618 bis 907), der Ming- (1368 bis 1644) und der Qing-Dynastie (1368 bis 1911) wurde es eines der wichtigsten Feste Chinas. Auf welcher der vielen Legenden dieses heute wieder drittwichtigste Fest in China basiert, darüber ist man sich nicht einig.
Vielleicht auf der von General Chu Yue Chang im 14. Jahrhundert. Er versteckte strategische Befehle im Gebäck, ließ sie zu den Bewohnern in einer von den Mongolen besetzten Stadt schmuggeln und konnte sie so befreien.
Es könnte aber auch der alte Mann im Mond sein, Yueh Lao Yeh, der Ehen knüpft und ein großes Buch hat, in dem das Schicksal der Menschen verzeichnet ist. An ihn wenden sich vornehmlich Liebespaare mit ihren Wünschen.
Vielleicht geht das Fest aber auch auf die Geschichte von Chang‘e (hier stark verkürzt wiedergegeben) zurück: Die Frau des kaiserlichen Generals Hou Yi flüchtete mit dem Kuchen der Unsterblichkeit auf den Mond, ließ ihn mithilfe des Jadehasens zerkleinern und verstreute die Krümel auf die Erde, um den Menschen ebenfalls Unsterblichkeit zu gewähren. Deswegen sind oft Frau und Hase auf dem Papier des umhüllten Mondkuchens abgebildet. Hou Yi dachte jede Nacht an seine Frau. Er ließ im Hintergarten, wo sich Chang'e oft aufgehalten hatte, einen Tisch mit Weihrauchstäbchen und Früchten, die Chang'e gern aß, aufstellen, um Chang'e im Mondpalast zu opfern. Als die Leute davon erfuhren, dass Chang'e zum Mond geflogen war, stellten auch sie im Mondschein einen Tisch mit Weihrauchstäbchen auf und beteten zu Chang'e. Seitdem verbreitete sich diese Sitte im Volk.
Erkennbar ist das herannahende Mondfest an seinen Vorboten. Das eine sind die vielen Leute, die zuhauf edel designte Papiertüten durch die Gegend tragen. In der Tüte sind hübsche Schachteln oder Dosen. Darin wiederum, schön verpackte, kleine Kästchen, darin, von Silber- oder Goldpapier umhüllt, verstecken sich die Mondkuchen (Yue Bing). Man schenkt sie seinen Lieben, auch Kollegen, Geschäftspartnern, seinen Professoren(!) oder einfach den Hotelgästen durch den Zimmerservice. Am Abend verzehrt man sie mit einer Tasse Tee im Anblick und in der Bewunderung des Mondes – nicht ohne sich dabei etwas zu wünschen. Entgegen anderslautenden Vorurteilen schmeckt der Mondkuchen, den es in Größen von 3 bis 30 cm Durchmesser zu kaufen gibt, gar nicht so schlecht; er ist nicht nur zum Verschenken in aufwändiger und teurer Verpackung gebacken worden. Trotzdem erinnert mich dieser Ritus an die sehr lesenswerte, satirisch-übertreibende Geschichte von Ephraim Kishon, in der er beschreibt, wie in Israel die eleganten Päckchen mit Matzen, dem ungesäuerten Brot zu Passafest, möglichst geschickt, unbemerkt und schnell weiterverschenkt werden, weil es nur noch auf das Schenken und nicht mehr auf den Inhalt ankommt.



Homeparty
Mit zweien meiner Professorenkollegen verabredete ich mich nach unserem gemeinsamen Abendessen am Ende unseres Flures im Hotel hinter der Brandschutztür, wo eine kleine freie Ecke ist, von der aus der Vollmond ab und zu am aufklarenden Himmel zu sehen war. Wir sangen zu Guitarre und Mundharmonika Lieder von Matthias Claudius, Cat Stevens, Jim Morrison und anderen, die alle mit dem Mond zu tun hatten. Die Texte lasen wir vom Laptopbildschirm ab, und es verbreitete sich eine verhaltene Romantik. Ganz chinesisch war das noch nicht, weil uns der hier übliche, innerfamiliäre Körperkontakt fehlte.
Das ist der zweite Vorbote des Mondfestes: wenn bei diesem Familienfest nicht die Kinder zu Ihren Eltern nach Hause reisen, dann kommen die Alten, um die Jungen zu besuchen. Das ist besonders verlockend, wenn man dann den einen Enkel zu Gesicht bekommt. Abends in der mäßig besetzten U-Bahn gab es neulich plötzlich einen Aufruhr. Ein Terroranschlag? Nein, die ganz offensichtlich vom Lande stammenden alten Eltern sollten gleich mit aussteigen. Dazu musste der zärtlich im Arm eingekuschelte Enkel erst mal wieder an den Vater zurück gereicht werden und dann musste in normaler chinesischer Sprechlautstärke eine Kurzunterweisung mit anschließender praktischer Vorführung in sachgerechtem Aussteigen aus der U-Bahn geübt werden. Oft sieht man zur Zeit auch offenkundig mit Shanghaier Gepflogenheiten nicht vertraute Senioren, die von Ihren Angehörigen die Benutzung der Rolltreppe ermutigend erklärt und dann vorgeführt bekommen. Ganz kleine Kinder bis drei Jahre lässt man in China quasi nie abgelöst von irgendeinem verwandtschaftlichen Körperkontakt. Kinderwagen und Buggys gibt es keine – sie hätten in den geschäftigen Straßen auch keinen richtigen Platz. Ein Sich-alleine-in-den-Schlaf-weinen gibt es in Chinesischen Familien nicht.



Einfaches Wickeln
Die typisch westliche Kleinkindgestalt, die um die Hose herum den doppelten Umfang hat, wie um den Kopf herum, gibt es hier auch nicht: Das Tragen von Windeln ist nicht üblich; da muss sich Pampers erst mit riesigen Werbemaßnahmen einen noch nicht vorhandenen Markt schaffen. Die Kleinkinder tragen alle im Schritt textilfreie Hosen, sodass eine Sofortentsorgung an Ort und Stelle möglich ist und unbeanstandet von allen umstehenden akzeptiert wird. Wie das im Winter bei Kälte gelöst wird, werde ich nicht mehr beobachten können. Ich bin mir nicht sicher, welcher Kulturkreis mir im Nachhinein besser konvinieren würde: lieber immer im Zug den Schniedel abfrieren oder doch besser stundenlang in der eigenen warmen Kacke liegen. Ich bin doch froh, die behütete Kindheit schon hinter mir zu haben

Erkenntnis des Tages: Mit einsetzender Altersinkontinenz droht mir vielleicht doch irgendwann mal eine Rückversetzung in den früheren Zustand.