Sonntag, 28. September 2008

Sonntag - Arbeitstag

Lehrerfahrung
Der heutige Sonntag hatte von morgens bis abends seinen Namen voll verdient: strahlender Sonnenschein und wegen eines sanften Windes Temperaturen bei richtig angenehmen 26 °C. Leider war das das einzig angenehme an diesem Tag, denn ich hatte Vorholvorlesung zu halten, und das auch noch am Nachmittag. Den Vormittag hatte ich mit Schreibarbeiten verbracht und am Nachmittag eilte ich stramm durch meinen Stoff: das Umformfertigungsverfahren Walzen. Zum Schluss rechnete ich noch eine Übungsaufgabe vor und zwang bei der Lösungsfindung die Studenten sich zu beteiligen. Ich hatte die letzte Unterrichtseinheit vor der „Golden Week“, der Ferienwoche, die die meisten bei ihren Familien zu Hause verbringen. Wegen der Aussicht, schneller in die Ferien starten zu können, waren viele engagiert; einige jedoch, die ich namentlich aufreif, hatten die Aufgabe auf deutsch nicht richtig verstanden und Sprechblockaden beim antworten auf Deutsch. Eine zweite Aufgabe am Schluss der Stunde bot ich an, als Hausaufgabe daheim zu rechnen oder, für die Freiwilligen, direkt im Anschluss vorgerechnet zu bekommen. Die meisten wollten lieber „Hausaufgabe“ und pünktlichen Unterrichtsschluss. Also forderte ich diejenigen, die gehen wollten, auf, das zu tun – ich wartete – und keiner traute sich zu gehen! In Hamburg wären die Studenten gegangen und nur die an weiterer Übung echt interessierten wären geblieben. Nun hatte ich also eine Meute unwilliger „Freiwilliger“ vor mir. Ich entschloss mich also, ganz schnell den Rechenweg für alle sichtbar aufzuschreiben und die Vorlesung zu beenden. An den anschließenden Nachfragen Einzelner merkte ich, dass ihnen die Kniffeligkeiten nicht klar geworden waren. Meine als Angebot gemeinte Überzeit war als willkürlicher Zwang meinerseits aufgefasst worden, der schließlich nicht seinen beabsichtigten didaktischen Zweck erfüllte.

Andere Länder – andere Sitten
Ich hatte erfahren, dass der mir bei meinem Dienstantritt genannte Klassensprecher abgesetzt worden war und zwei andere, ein Mädchen und ein Junge diesen Posten bekleideten. Der alte Klassensprecher war mir, was seine Sprach- und Fachleistungen anbelangt, als schwach aufgefallen und er fehlte bisweilen, während die beiden neuen zur Gruppe der erfreulichen Studenten gehören. Auf meine Frage, wie die Neuwahl zustande gekommen sei, wurde mir erklärt, warum der Wechsel erfolgt sei – aber das war mir ohnehin klar. Ich präzisierte meine Frage und erfuhr, dass „der Führer“ die Ab- und Einsetzung vorgenommen hatte. Nachdem ich richtiggestellt hatte, dass diese Anrede in Deutschland nur einem zukäme und es zum Beispiel nicht angeraten sei, Frau Merkel mit Führer der Deutschen zu bezeichnen (meine Studenten nennen ihren Staatspräsidenten Hu Jintao, der zugleich Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas ist, den Führer der Chinesen), bekam ich das chinesische Pendant zur akademischen Selbstverwaltung in Deutschland mit: Einem Studienjahrgang ist ein Professor als „Klassenlehrer“ vorgesetzt, der über alle Belange der Studenten bestimmt. Von ihren chinesischen Professoren hören die Studenten über das gelehrte Fachgebiet hinaus keine Meinungsäußerungen („Mahnende Worte“, „Hinweise für’s Leben“, „Erkenntnisse und Wahrheiten“, so subjektiv sie auch eingefärbt sein mögen), also das, was im Westen unter „Freiheit der Lehre“ von den Professoren so idealistisch hochgehalten und von der Verwaltung so verständnislos ausgebremst wird. Chinesische Studenten haben ihren Weg an die Hochschule mit Fleiß, Auswendiglernen, Disziplin, Gehorsam und Guanxi (关系, guān xì, zumachen-System, das Netzwerk persönlicher Beziehungen, ohne das man hier keine geschäftlichen und persönlichen Erfolge erzielen und mit dem man alle Regeln und Gesetze aushebeln oder zumindest aufweichen kann) geschafft. Wenn ein deutscher Professor auf einmal in noch nie erlebter Weise nach Kreativität, Selbstbeteiligung, öffentlicher Meinungsäußerung und Widerspruch fragt, führt das ganz sicher auf beiden Seiten zu großen Akzeptanzproblemen. Das Shanghai-Hamburg-College ist seit vielen Jahren etabliert und trotzdem am Anfang der Chinesisch-Deutschen-Zusammenarbeit. Es ist auf vielen Gebieten noch viel zu tun.

Später telefonierte ich noch nach Hause, bis meine Telefonkarte aufgebraucht war. Das ist nicht zu teuer, ich kaufe immer eine 100 Yuan-Karte, für die ich 25 Yuan bezahlen muss; dafür kann ich etwa 20 Minuten nach Deutschland telefonieren. Manche Kollegen lassen sich täglich anrufen oder skypen; ich berichte mittels meines Internet-Blogs und tausche persönliche Gedanken per E-Mail aus. Inzwischen ist für mich Halbzeit. Natürlich möchte ich gerne hin- und wieder oder vielleicht auch öfter mit meiner Frau zusammen sein, aber ich finde, dass diese Lebenserfahrung in Shanghai zu wertvoll ist, als dass ich mich über die Trennung beklagen müsste. Außerdem: ich habe mich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und mit Zustimmung meiner Familie dafür entschieden und nutze die Zeit gerne aus.

Erkenntnis des Tages: Je besser ich China kennenlerne, desto weniger verstehe ich.

Samstag, 27. September 2008

Strahlender Sonnenschein

Tolles Wetter!
Heute war vom Morgen bis zum Abend der schönste Tag in all der Zeit, die ich jetzt hier bin: strahlender Sonnenschein, leichte Bewölkung, eine leichte Briese, kein Smog, Temperatur gleichbleibend bei angenehmen 26 °C, Regenwahrscheinlichkeit (und -tatsächlichkeit) 0%.


Feiertagsvorbereitung
Wie kommt das, heute ist doch Samstag? Ganz einfach: Heute hatte ich keinen freien Tag! Das liegt daran, dass nächste Woche „Golden Week“ ist, wegen des Nationalfeiertages am 1. Oktober. Dann ist der ganze Hochschulbetrieb geschlossen und auch sonst wird in öffentlichen Einrichtungen nicht gearbeitet. Einer der früher üblichen staatlichen arbeitsfreien Tage wurde seit diesem Jahr auf das Mondfest verlegt und deswegen wird vorgearbeitet, um doch noch auf sieben freie Tage am Stück zu kommen, die die Chinesen angeblich in vollen Zügen genießen – sofern sie auf landgebundene öffentliche Fernverkehrsmittel angewiesen sind und den Genuss nicht im Stau auf der Fahrt zur Familie im Bus oder Auto vorziehen.


Heute ist also der Montagsstundenplan drangewesen und morgen findet Unterricht nach Dienstagsstundenplan statt. Ich war zwar schon vor dem Mittag mit meinen Aufgaben durch, trotzdem blieb mir keine Zeit, das Wetter und den Tag zu genießen, weil ich einige termingebundene Schriftstücke solange vor mir hergeschoben hatte, dass ich heute und morgen mit dem Schreiben beschäftigt sein werde. Außerdem habe ich die Klausuren der ersten Teilklausur noch nicht korrigiert und muss die zweite Teilklausur auch noch fertigstellen. Aber auch arbeitend war der Tag schön: mit frischem Obst und duftendem, neu eingekauftem Tee saß ich das erste Mal ohne laufende Klimaanlage bei offenem Fenster in meinem Hotelzimmer den ganzen Nachmittag an meinem Laptop und gönnte mir zwischendurch sogar einen kleinen Mittagsschlaf.


Fein Speisen zur Kontaktpflege
Heute Abend war ich zusammen mit meinem Maschinenbauprofessorkollegen von acht unserer Studenten anlässlich des bevorstehenden Nationalfeiertages zum Essen in ein feines Restaurant eingeladen, wo eine vorher lang und breit diskutierte Auswahl an besonderen Delikatessen aufgetischt wurde.
Es gab lecker Hähnchen in der Casserolle geschmort, gekochte getrocknete Bambussprossen, schmackhafte Pilze, die ich nicht kannte, gekochten Ochsenfrosch in sehr scharfer Soße (das Fleisch hat gut geschmeckt, aber die Soße war mir zu scharf), große Garnelen in der einen Soße, kleine Garnelen in anderer Soße, eine besonders wohlschmeckende Entensuppe mit ganzer Ente, Tofu mit Krabbenmehl zubereitet, verschiedene Gemüse, fermentierte Tofuhaut, Rindfleischstreifen mit frischen, geschmorten Bambussprossen, kandierten Mais, gesüßten, roten Klebreis und weiteres, woran ich mich nicht mehr recht erinnere. Nur ein einziger faux pas ist mir unterlaufen: ich habe eine wunderschön zu einem Schmetterling zurecht geschnitzte Karotte genüsslich aufgegessen. Das Entsetzen spürend, dachte ich zuerst, es sei frevelhaft so ein optisches Meisterwerk der Kochkunst zu vernichten, aber nein! Das mache man nicht, wurde ich aufgeklärt, weil die Karotte roh und nicht gekocht sei. Ich verzichtete, mit der leisen Ahnung, es sonst nur noch zu verschlimmern, darauf zu berichten, dass rohe Karotten in Deutschland viel verspeist würden und dass das dort als gesund gelte. Mein Schweigen hat mich bestimmt davor bewahrt, als Barbar zu gelten.


Der Ernst des Lebens
In Deutschland ist es mir noch nie passiert, dass ich von Studenten eingeladen wurde – und ich bin mir nicht sicher, ob ich so eine Einladung überhaupt annehmen würde; zu leicht könnte das in den Verdacht der Bevorzugung bei der Notengebung führen. Auch hier sind das ja nicht alle unsere Studierenden, mit denen wir zusammen waren, sondern einige besonders agile, unter denen einer als der Motor und Treiber herausragt. Diese Studenten sind auch diejenigen, die fachlich und sprachlich als leistungsstark auffallen. Und sie haben es sich zu Marotte gemacht, alle deutschen Professoren, bei denen sie im Laufe ihres Studiums Vorlesungen gehört haben, zum Essen einzuladen. Mein Kollege, der ein ernster Mensch ist, hielt zum Schluss spontan eine mahnende Ansprache über das Lernen im Allgemeinen, die Gerechtigkeit des Professors bei der objektiven Notenvergabe und die Wichtigkeit, sich gründlich auf die kommenden beiden Klausuren von ihm und mir richtig vorzubereiten, denn sie seien ja die einzigen, die in nächster Zeit anstünden. Außerdem bestand er beredt darauf, aus Fürsorge um die schmalen Geldbeutel der Studenten, dass die Rechnung durch die Zahl der Köpfe geteilt würde. Sichtlich betroffen von seiner ganz und gar nicht scherzhaften Rede und zunächst sprachlos, stimmten alle ihm nach einer Weile zu und einer derjenigen, die in diesem Sommer zum Sprachunterricht in Hamburg gewesen waren, meinte, jetzt müsste jeder 6 Euro zahlen. Unter höflichen, gegenseitigen Dankesbezeugungen fand nun ein schneller Aufbruch statt, denn unter den Studenten hatte sich irgendwie die Überzeugung breit gemacht, heute Nacht unbedingt noch etwas für das Studium lernen zu müssen.

Erkenntnis des Tages: Das Leben besteht eben nicht aus Essen allen, auch wenn es ziemlich wichtig ist

Freitag, 26. September 2008

Shanghai Museum

Ein Musentempel für die Relikte der langen chinesischen Kulturgeschichte
Am Morgen hat es etwas geregnet, wegen meines Labortages gestern, bei dem ich die Studenten ganztägig beanspruchte, musste ich meine Vorlesungsstunden heute an einen Kollegen abtreten und hatte deswegen frei. Trotzdem bin ich früh aufgestanden, weil ich mit zwei anderen meiner Kollegen verabredet war; wir fuhren mit der Metro zum Olympia-Fussballstadion, von wo aus ein Busunternehmen Fahrten zu besonders attraktiven Orten anbietet. Unser Ziel war Zhouzhuang, ein großer, erhaltener, historischer Ort: täglich Busabfahrten um 8.30 Uhr, 9.30 Uhr und 10.30 Uhr. Um den letzten Bus ja nicht zu verpassen, trafen wir bereits um 9. 38 Uhr dort ein, um zu erfahren, dass heute leider wegen schlechten Wetters diese Fahrt ausfalle.


Zunächst konsterniert, entschloss ich mich, den Regentag im Schanghai Museum zu verbringen, und meine Kollegen schlossen sich an. Vor dem Museum baten uns drei junge Leute, sie zu fotografieren (was denn sonst?). Sie spannen uns in ein Gespräch ein, was häufig vorkommt, wenn jemand Englisch kann und die Gelegenheit zu Sprachübungen nutzen will. Es ging alles sehr freundlich und höflich zu und es stellte sich heraus, dass sie Touristen waren und aus Qingdao kamen. Von 1897 bis 1914 stand Qingdao (Tsingtau) als Hauptstadt des „Deutschen Schutzgebiets Kiautschou“ unter deutscher Herrschaft – ein Anknüpfungspunkt für das Gespräch. Sie wollten uns überreden, den Museumbesuch sausen zu lassen und mit ihnen den Tag zu verbringen. Ich glaube, das war ernst gemeinte, chinesische Gastfreundschaft.


Trotzdem ging’s ins Museum. Dort kostenloser Eintritt, dennoch Schlange wegen des Security-Checks wie auf dem Flughafen. Ich schaffte in drei Stunden etwa die Hälfte der Abteilungen und werde nochmal dorthin gehen.
Danach schlenderten wir zur Nanjing Lu, die als Mischung aus 5th Avenue und Broadway in New York und Oxfordstreet in London bezeichnet wird (für Harburger: wie die Lüneburger Straße, nur ein bisschen größer). Es ist die beliebteste Einkaufstrasse für Shopping in der Stadt. An der Kreuzung zur Xizang Lu findet man das Kaufhaus No. 1, welches das zweitgrößte Kaufhaus in China ist und welches wir durchstreiften: gleiches Preisniveau, wie in Deutschland, jedenfalls nicht wesentlich billiger. Neben dem Kaufhaus No. 1 wurde ein Ableger, das Dongfang, gebaut, das Waren auf 21 Stockwerken anbietet.


Der Mythen-Check im Selbsttest
Hier trennten sich unsere Wege, denn keiner wollte an meinem „BigMac-Test“ teilnehmen. Es heißt, am Preis für den BigMac könne man die wahre Währungsparität ablesen, jedenfalls soll das einmal so gewesen sein. Bei McDonald’s in China sieht es aus wie bei McDonald’s eben. Trotzdem ist die Bestellung schwierig, weil alles ausschließlich auf Chinesisch beschriftet ist. Auch in Deutschland hängt irgendwo in dem Burger-Restaurant die Preisliste der Einzelartikel, aber ich war hier nur in der Lage, anhand eines Werbefotos ein BigMac-Meal zu bestellen, bestehend aus BigMac, Pommes small und Cola small. Das wurde für 22,50 Yuan angeboten. Ich habe dann noch spezielle, landestypische Add-Ons geordert (in den USA wird mit der Familienfreundlichkeit der Restaurantkette geworben und garantiert, dass jede Niederlassung absolut alkoholfrei ist; trotzdem ist die nationale Spezialität in Deutschland das Bier, das man nur in unserem Vaterlande bei McDonald’s bekommt), das waren warme Maiskörner und ein Pfirisch-Sundae. Pfirsch-Sundae war aber „Mei you“ ausverkauft, weswegen ich auf internationales Strawberryaroma auswich. Kosten des Gesamtmeals 32,25 Yuan. Demnach stimmt die von mir gefühlte, mittlere Kaufkraftrelation von 1:10 nicht ganz, sondern liegt bei 1:5 bis 1:7. Meine persönliche Wohlfühlrelation zwischen McDonald’s-Essen und meiner inzwischen vierwöchigen Gewöhnung an chinesisches Essen, war sehr unangenehm zu Ungunsten von BigMac mehr nach Osten verschoben. Der Fleischklops lag mir irgendwie schwer im Magen. Von dort bis zum Ende alles Verdaulichen mag er jetzt anrichten, was er wolle. Jedenfalls hat sich meine Nahrungsumstellung auf das chinesische Essen in den letzten Wochen deutlich erkennbar bis zu diesem Point of no Return ausgewirkt. Zwei Unterschiede zum Ablauf bei McDonald’s fielen mir auf: Nach der Bestellung und dem Abschuss der Bezahlung, rückt man eine Schlangenposition weiter zur Seite und wird von Warenversorgungspersonal weiter betreut, während der Speisenauswahlberater an der Kasse den nächsten Kunden bedient. Sein Essen auszusuchen und zu bestellen geht in China eben überall immer ziemlich langwierig über die Bühne. Nach dem Essen lässt man sein Tablett mit den gesamten Abfallhinterlassenschaften einfach auf dem Tisch stehen und, schupp-di-wupp, wird es von einem der Abfallbeseitigung-und-Tischabwischbeauftragten entsorgt, die zuvor wie Geier auf die nächste Beute gewartet hatten. In Shnaghai ist Kentucky Fried Chicken wegen der Freude der Chinesen am Hühnerknochennagen viel verbreiteter als die Burger-Ketten. Und dann gibt es noch McKungFu, Bee Cheng Hiang und andere Fastfood-Nachahmer, die chinesische Esskultur der Amerikanischen entgegensetzen.


Ich bin begehrt
Mein Weg führte mich weiter die geschäftige Nanjing Lu, eine Fußgängerzone, entlang, und alle paar Meter klettete sich, ein paar Englischbrocken beherrschend, eine Person an mich an, um zu versuchen, mich in seinen oder ihren „Shop“ abzuschleppen, wo es Original Rolex-, Montblanc-, Gucci- , Louis Vuitton- und andere Imitate geben sollte. Am besten komme ich möglichst kurz belästigt davon, wenn ich gar nicht reagiere, mich weder umwende, noch Augenkontakt gewähre oder gar etwas sage. Ich sammelte Fotomotive und machte Aufnahmen. Etwas weiter östlich in Höhe der Fujian Lu betrachtete ich eine ausgezeichnete, öffentliche und umfangreiche Profi-Fotoausstellung über der Yu Yuan-Garten, die mir sehr gefiel. Ein Kunststudent aus Peking beherrschte die englische Sprache recht flüssig und suchte Kontakt mit mir, bis ich merkte, dass er mich zu seiner Kunst-Verkaufsausstellung abschleppen wollte und in Wirklichkeit eher Kontakt mit meinem Portemonnai als mit mir persönlich haben wollte. Noch ein Stück weiter die Nanjing Lu hinab wurde ich von zwei Mädchen angesprochen, die ich sofort etwas barsch anraunzte: „No watches, no bags!“ Spürbar beleidigt entgegneten sie mir, sie wollten mir doch gar nichts verkaufen, sie seien für Massage zuständig. Nun hatte ich endgültig die Nase voll und bog von der Nanjing ab, und sofort hörten die Anmacherangriffe auf. Zufällig kam ich an einer großen Passage mit lauter Antiquitäten und u.a. auch kostbaren chinesischen Teekannen vorbei, was jetzt mein latentes Interesse daran, schon mal in eine erwägenswerte Erwerbsabsicht gewandelt hat. Nachdem ich noch ein paar schöne Artikel in einem Schreibwarenladen gekauft hatte, trollte ich mich heim, um für den Rest des Abends meine Erlebnisse in Ruhe zu verarbeiten.

Erkenntnis des Tages: Die Lüneburger Straße in Harburg ist als Einkaufsmeile in mancher Beziehung doch nicht so schlecht wie ihr Ruf

Donnerstag, 25. September 2008

Schwäche des Labors

Auf zum Labortag
Heute war der groß angekündigte Tag des Labors. Dazu muss ich zuerst erklären, was gemeint ist. An der HAW in Hamburg legen wir sehr großen Wert darauf, dass die Studierenden nicht nur durch die angebotenen Vorlesungen und aus der eigeninitiativen Lektüre von Fachliteratur, sondern ausdrücklich betont auch durch die Durchführung von sogenannten Labors zu der im Curriculum vorgesehen theoretischen und praktischen Kompetenz in ihrem Studienfach kommen. Labors begleiten die Studierenden während ihres gesamten Studiums. In der Fertigungstechnik findet „das Labor“ oder, je nach Denkweise, finden „die Labors“ im dritten Fachsemester statt. Die Studierenden melden sich rechtzeitig vor Semesterbeginn an und werden in Vierergruppen eingeteilt, die während des Semesters vierzehntäglich für zwei Viertel, das sind 4 Unterrichtsstunden oder ein halber Tag, eine der Laboraufgaben durchführen; insgesamt sind das acht Veranstaltungen. Auf jede Aufgabe muss sich jeder Student der Laborgruppe gemäß einem in Internet downloadbaren Aufgabenskript gründlich vorbereiten und die Vorbereitung nachweisen, indem er auf gestellte Fragen zum Stoff erschöpfend antworten können muss. Unvorbereitete Studierende werden nicht zum Laborversuch zugelassen und müssen sich im nächsten Semester wieder von vorne der ganzen Prozedur mit Anmelden usw. unterziehen. (Da bereits in der ersten Veranstaltung klar wird, wie ernst die Vorbereitung genommen wird, kommen „Rausschmisse“ praktisch nur am Anfang des Semesters in Einzelfällen vor). Jede Vierergruppe wird von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter oder einem Professor persönlich betreut. Der vorgesehene Versuch wird von den Studenten weitgehend alleine durchgeführt. Nach jedem Versuch ist von reihum einem aus jeder Gruppe ein umfangreiches Protokoll zu schreiben, dass in der Regel in einer Nachbesprechung mit Korrektur- und vor allem Verbesserungstipps ein weiteres mal nachgearbeitet werden muss. Nur bei bestehen aller vorgeschriebenen Laboraufgaben wird die Note der Klausur Fertigungstechnik überhaupt anerkannt. Das ist ein ziemlich voluminöser Arbeitsumfang, durch den in Hamburg alle Maschinenbaustudierenden hindurch müssen, mit dem Ziel ein Höchstmaß am fachdidaktischem Gewinn zu erzielen. Genau auch von diesen Erfahrungen aus Hamburg soll das Joint-College profitieren und gibt ausdrücklich an, solche Laborpraxis in seinem Curriculum zu berücksichtigen. (Für einen zahlenmäßigen Vergleich ist nun noch zu berücksichtigen, dass ich in meiner Blockvorlesung Fertigungstechnik 1 in diesem Wintersemester den halben Stoffumfang, der in Hamburg in einem Semester dran ist, behandle. Die zweite Hälfte ist im folgenden Sommersemester dran).


Weit entfernt liegende Labors
Nun also zu meinem Bericht von Labor in Shanghai, wobei ich feststellen muss, dass für dieses Labor nur ein Vormittag und ein Nachmittag in Summe vorgesehen sind und dass beide Termine für dieses Semester auf den heutigen Tag zusammengelegt wurden. Die einzige Vorbereitung, die die Studierenden hier leisten mussten, war pünktlich um 8.15 Uhr zur Abfahrt des Busses auf dem Fuxing-Campus bereit zu stehen. Sie wussten weder, wo es hingehen, noch was dort geschehen würde und leider war auch ich nicht im Bilde, weil die vorbereitenden Laborassistenten des Jun Gong-Campus zwar meine Wünsche an Versuchen kannten, aber mich mit immer wieder neuen Informationen über machbares, nicht machbares und dann wieder nur anders machbares verwirrten; vielleicht ist das noch unter der Überschrift Kommunikationsmängel in der Fremdsprache Englisch erklärlich.




Bei herrlichstem Sonnenschein und klarem Wetter mit für die Jahreszeit etwas zu warmen 33 °C ging es pünktlich los. Da hätte auch ein Tag für Schwimmbad sin können. Ich genoss die Fahrt von meinem Sitz in der ersten Reihe aus durch den schönen Morgen und den zähen Verkehr. Ob alle Studierenden dabei waren, interessierte niemanden, denn eine Nichtteilnahme hat keine Konsequenzen für sie. Um 8.50 Uhr kamen wir endlich am vom Gouvernement eingerichteten und finanzierten riesengroßen Shanghai Vocational Training Center, das für Aus-, Fort- und Weiterbildungswillige aus vielen technischen Bereichen nach Anmeldung und Zahlung der nötigen Gebühren weit offen steht – Außer für Menschen, die keine langen Hosen und geschlossene Schuhe anhaben. Tennisschuhe zählen zum geschlossenen, festen Schuhwerk. Trotzdem hatten die meisten Studenten und alle Studentinnen, passend zum Wetter, entweder kurze Hosen oder Badelatschen oder beides an. Weil auch noch etwas in der Kommunikation schief gegangen und nicht bekannt war, dass wir zur Besichtigung bestimmter Fertigungsverfahren kommen würden, mussten zu erst organisatorischen Fragen geregelt werden. Das Training im Trainingscenter wird von einer chinesischen Firma im Auftrag der Regierung durchgeführt, die wiederum von Siemens in einem Joint Venture gecoacht und angeleitet wird. Und Siemens legt strengen Wert auf Einhaltung der Sicherheitsregeln, „That’s the rule!“, wurde mir erklärt: es sei ein Element des Lernprogramms, gleich von Anfang an mit aller Härte auf konsequentes Sicherheitsverhalten hinzuwirken. Für ganz billiges Geld könne man sich Hose und Schuhe kaufen – wenn’s ans Portemonnaie gehe, lerne man am nachhaltigsten. Gut so!, dachte ich. Ich hatte extra deswegen meine Lederschuhe angezogen und fühlte mich darin, weil es keine Sicherheitsschuhe sind, under dressed.



Beim Warten sah ich, dass wahrlich vorbildlich genügend Feuerlöscher vorhanden waren, mit denen man jeden Brand hätte auslöschen können. Eigenartigerweise waren sie alle an einem Platz beieinander im Treppenhaus unter der Treppe deponiert; vermutlich, damit die alle zwei Jahre vorgeschriebene Wartung praktischerweise kompakt an einem Ort abgewickelt werden kann und man die komischen Dinger nicht erst umständlich irgendwo in der Maschinenhalle suchen muss. Um 9.35 Uhr kamen unsere Badeschlappenträger zurück, wie sie gekommen waren, und wir wurden erst mal in einen Nebenraum zur Sicherheitsbelehrung geführt. Die führte der freundliche und energische chinesische Siemensmitarbeiter natürlich auf Chinesisch durch, trotzdem verstand ich vieles. Ganz oft hat er den Buchstabenkürzel „pie-pie-iih“ benutzt und ihn einmal mit Personal Protection Equipment übersetzt. Pantomimisch zeigte er an seinem Stoppelhaarschnitt, wie gefährlich es ist, wenn die langen Haare von Bohrfutter mitgerissen werden oder wie herumfliegende Späne schwere Verletzungen am Auge verursachen können.


Um 10.10 Uhr wurde unser 40 Studierenden Trupp dann zweigeteilt, und die anderen gingen in den dritten Stock zum Rapid Prototypen, was ich bestellt hatte. Unsere Halbgruppe ging an stillstehenden Kunststoffspritzgießmaschinen vorüber, unser Führer hielt an und erklärte Wortreich; ein Student, der neugierig näher an die Maschine heran trat (ich dachte, wenigstens einer, der nicht bloß in der Herde mitstolpert), wurde sogleich weggedrängt: keine Extratouren! Bei den Stanzautomaten (auch um deren intensive Besichtigung hatte ich gebeten, weil es dort keine Umformpressen gibt) wurden zuerst die hervorragenden Sicherheitssysteme lang und breit gepriesen: Lichtvorhang, Einzelhub-Zweihand-Bedienung, Schnellbremse (Der Lichtvorhang ist in einigem Abstand nur unmittelbar vor der Maschine angebracht und von allen Seiten aus umgreifbar; die Zweihandbedienung kann man mit Ellbogen und Hand eines Armes auslösen, was ich demonstrierte. So eine Presse würde die jährliche TÜV-Prüfung nicht überstehen, schon gar nicht, wenn sie in einem Lehrbetrieb steht). Die Stanzen waren wenigsten nicht ausgeschaltet, wie alle anderen Maschinen, aber ein Stück Blech war nirgends zu sehen. Kein Teil, an dem man mal hätte nachprüfen können, was denn beim Stanzen herauskommt und eine Fertigung schon gar nicht. Auf jeder Werkzeugmaschinenmesse wird mehr produziert als in diesem Trainingszentrum.

(Foto von mir im Einsatz wird nachgereicht)

Bei den Pressen habe ich mir herausgenommen, meine Studenten selber auf wichtiges hinzuweisen, sonst hätten sie die besten Sachen gar nicht mitbekommen.
Wir kamen an vier Schleifmaschinen vorbei, an denen junge Leute Schleifübungen machten (es läuft also doch was!). Unser Sicherheitsführer führte mich an die hinterste der vier Schleifmaschinen und zeigte mir, wie gefährlich diese Technik ist, weil eine tiefe Beule im 5 mm dicken Sicherheitsblech von der Schlagkraft eines aus dem Futter heraus gerissenen Werkstücks zeugte. Das hat mich nicht so sehr beeindruckt, wie die Beule in einem Sicherheitsblech direkt neben mir, die während meines Studium-Vorpraktikums bei der (damals noch existierenden) Firma Singer in Karlsruhe durch ein aus einer Schleifmaschine herausgerissenes Werkstück mit ohrenbetäubendem Knall erzeugt wurde. Aber das konnte mein Sicherheitsbetreuer natürlich nicht wissen. Auf meine Frage, warum die jungen Leute alle beim Schleifen keine Sicherheitsbrillen tragen würden, sagte er, die Gläser von den Sicherheitsbrillen würden nach längerer Zeit eintrüben, und nichts zu sehen sei noch gefährlicher. Und auf meine Frage, warum denn jetzt unsere halbnackten Studierenden doch mit Badeschlappen und kurzen Hosen überall mit herumlaufen dürften, sagte er wörtlich: „everything need communication; communication is very important. – and safty is very important.“
Wir liefen an den Stationen Messmaschinen, Kleinteile-Hochregallager, flexible Fertigung und Kunststoffgießen im Silikonformen vorbei, wechselten in den nächsten Stock, um wie eine Parteidelegation gemächlichen Schrittes staunend an zig DNC-Dreh- und Fräsmaschinen (von Fanuc, Pa, Haas, Gildemeister, Demag, und Mazak. Die Mazak-Maschinen dürfen vertraglich nicht nach außerhalb dieser Halle verbracht werden. Jährlich kommt ein japanischer Kontrolleur und fotografiert die Vertragseinhaltung) vorbei zu defilieren und kamen um 10.52 Uhr, noch einen Stock höher, im Raum für Rapid Prototyping an, wo der Gruppenwechsel stattfand. Ich habe manchmal den Eindruck, meine Studenten hätten als Berufsziel „defilierender Parteidelegierter“, weil sie damit den angemessenen Abstand zu den Maschinen des Maschinenbaus gewahren könnten.



Der mitgebrachte Laborassistent vom Jun Gong-Campus erklärte sehr wortreich wie das Rapid Prototyping funktioniert. Er war sehr engagiert, weil er, wie ich später erfuhr, vor seiner Zeit an der USST in einer RP-Firma gearbeitet hatte. Ich habe seine Worte nicht verstanden und fand es ziemlich langweilig, wie wohl andere auch, denn die Hälfte der Studenten lag da und schlief unübersehbar. Nach einer Weile wurden zahlreiche FDM-Tisch-RP-Maschinen angeworfen, die mit erkennbarem Tempo Höhe produzierten. Das war noch langweiliger, weil man einfach nur abwarten muss. Es gab Studenten, die konsequent (Un)Tätigkeiten nachgingen, die sie wohl für effektiver in der Zeitausnutzung hielten. Um 11.40 war dann auch endlich Schluss. Großzügig wurde an die Studenten verteilt, was sie produziert hatten – wenn man so sagen darf. Denn weder die CAD-Konstruktion, noch das Oberflächenmodell, noch die Umsetzung in das Arbeitsprogramm noch das Entfernen des überflüssigen Supportmaterials stammte von irgendeinem von ihnen – in Wirklichkeit hatten sie wieder nur anderen bei der Arbeit zugeguckt – oder selbst das verschlafen.


Der Bus fuhr endlich um 11.56 Uhr am Shanghai Vocational Training Center ab und erreichte um 12.40 Uhr den Jun Gong-Campus, wo jeder für sich erst mal zum Essen in die Mensa ging. Um 13.20 ging es in vier Gruppen, die nacheinander für 30 Minuten jede vier Stationen aufsuchte, weiter. Ein Professor Lu war extra gewonnen worden und zeigte seine Umformpresse, weil diejenige des Labors defekt ist. Lus Umformpresse hat die Größe eines größeren Bürodruckers und kann Näpfe von der Größe der Reflektoren von Handscheinwerfern tiefziehen. Damit kann man auch die Versagensfälle Bodenreißer und Faltenbildung demonstrieren – aber ein Eindruck von der Praxis ist das wahrlich nicht. Ich war auch eine der Stationen und habe mich redlich bemüht, viermal nacheinander das Tiefziehverhältnis und die Spannungen während des Tiefziehens deutlich zu machen. Das fand neben der kaputten Umformpresse statt. An der konnte ich mit den Studenten üben, worauf man achten muss, wenn man eine Maschine einschätzen soll. Auf 16.00 Uhr war die Rückfahrt terminiert, aber nachdem man mich Nachzügler endlich in den Bus bekommen hatte, waren wir schon um 15.45 Uhr wieder auf der Strecke. Der am Nachmittag niedergegangene Regenschauer passte sehr gut zu meiner Stimmung. Einer der Jun Gong-Laborassistenten offenbarte sich mir und beklagte, dass die Laborbetreuung für das Joint-College eine lästige Zusatzbelastung sei. Eigentlich würden sie Forschungsarbeiten betreuen, und wenn dann nur für die Studenten des Joint-College Versuche vorbereitet werden sollten oder kaputte Maschinen, die sonst keiner mehr braucht, extra dafür wieder einsetzbar gemacht werden müssten, wäre das zutiefst uneffektiv. Außerdem sei die Entfernung zwischen den beiden Standorten Fuxing-Campus und Jun Gong-Camps nervig. Er hoffe, dass mit der Verlagerung des Joint College auf den Jun Gong -Campus das Joint College endlich eigene Labors und Labormitarbeiter bekomme und dann diese undankbare Zusatzbelastung aufhöre.
Auf dem Restweg zum Fuxing-Campus unterhielten wir uns sehr nett über seine Familie, die bevorstehenden Feiertag, was jeder vorhabe und dass zwei Kinder zu haben besser sei, als nur eins. Für Ihn und alle anderen war mit unserer Ankunft auf dem Fuxing-Campus um 16.35 Uhr Feierabend, von dann folgenden Weg nach Hause mal abgesehen.
Bilanz: Gesamteinsatzzeit: 8h20‘; Fahrzeit: 2h10‘; Organisation: 2h55‘; Mittagspause: 40‘ bleibt für‘s „Labor“: 2h35‘ (Mehr Labor Fertigungstechnik gibt es in diesem Semester nicht!). Das ist ein zutiefst unzufriedenstellender Wert. Den multipliziert mit dem miserablen Qualitätswert des Laborinhalts und der fehlenden persönlichen Vor- und Nachbereitung durch die Studierenden, muss man zu dem Schluss kommen, die gepriesenen Vorzüge der Lehrmethoden an der HAW, die ein Qualitätsmerkamal der Fachhochschulausbildung für praxisorientierte Ingenieure in Deutschland darstellt, sind noch lange nicht in Shanghai angekommen. Wenn es irgendeinen Grund gibt, einem Studierenden der HAW in Hamburg wegen fehlender erlangter Kompetenz das Bachelorzeugnis zu verweigern, dann gilt das selbstverständlich in exakt gleicher Weise für die Studierenden des Shanghai-Hamburg-College, die neben ihrem chinesischen Dipolma auch den deutschen Bachelorabschluss erreichen sollen. Hier wird die AISIIN bei der Wiederholungsakkreditierung ziemlich genau hingucken müssen.

Firmenkontakt
Für 18.00 Uhr war ich eingeladen worden, bei einem Kennenlernbesuch des kaufmännischen Geschäftsführers von Siemens Shanghai für den Vertrieb in mehreren Provinzen Ostchinas im Sitzungszimmer des Joint-College teilzunehmen, weil ich bei der Begrüßung der Erstsemester vor zwei Wochen als gerade hier weilender Professor aus Deutschland aufgefallen war. Bis dahin war noch Zeit und ich fragte Herrn Xu nach der angeblich vorhandenen deutschen Ausgabe der Präsentation, die die Dekanin bei der Erstsemesterbegrüßung auf Chinesisch gehalten hatte (Die Daten zur Geschichte der USST, des Fuxing-Campus und des Joint College interessieren mich. Ich hatte mich schon an die Übersetzung herangemacht). Diese gab es nicht, aber eine andere vom letzten Jahr, die auf einer Hochschulmesse in Shanghai gehalten worden war. An der spielte ich ein bisschen herum, ich hatte ja noch etwas Zeit und nichts anderes zu tun, machte sie schöner und aktualisierte sie, so dass ich, wie die Jungfrau zum Kinde kam und auf einmal der Referent für den Besucher von Siemens wurde. Ich legte mich richtig mit Begeisterung ins Zeug und Pries die Idee des Joint-College, die Zweisprachigkeit der Absolventen, deren binationale Kulturorientierung, das meiner Überzeugung nach qualitätsmaßstabsetzende praxisorientierte Ausbildungsmodell der HAW für Ingenieure und strich die Vorzüge von Hochschul- und Länderübergreifenden Partnerschaften im Allgemeinen heraus. Ich bin nämlich tatsächlich von der Idee des Joint-College überzeugt, sonst hätte ich mich nicht für diesen Einsatz in Shanghai gemeldet gehabt. Aber der angemeldete Anspruch an Inhalte und Qualität muss dringend mit der gelebten Realität in Übereinstimmung gebracht werden. Da reicht ein bisschen „very important communication“ einfach nicht aus. Hier ist Konsequenz gefragt, und im worst case darf auch die bittere, ungewollte Lösung kein Tabu sein.

Übrigens, meinen Anzug und mein Hemd habe ich noch nach dem Siemens-Besuch auch noch abgeholt und bin ganz begeistert.

Erkenntnis des Tages: Es hilft in Wirklichkeit doch kein Schönreden.

Mittwoch, 24. September 2008

Kunstausstellung

Unterschiede in der Esskultur
Ich war in Hamburg auch schon mal in einem Chinarestaurant. Hier gehe ich, das ist natürlich eine Plattitüde, fast täglich in ein Chinarestaurant. Aber erst hier habe ich wesentliche Unterschiede entdeckt, von denen ich berichten will: wie essen die Chinesen? – und höchsten nebenbei will ich vielleicht erwähnen, was sie essen, denn das spielt zunächst keine Rolle. Wenn Deutsche miteinander ins Restaurant gehen, gibt es entweder ein gesetztes Essen oder jeder bestellt à la Carte. Je nach dem, was man ausgeben will, kann das ein Gang sein oder mehrere. Wenn man höflich sein will, fragt man seine Begleitung: „was wollen Sie bestellen?“ Und dann gibt jeder seine Bestellung auf. Später bekommt man sein Essen serviert (in guten Restaurants werden alle Bestellungen gleichzeitig serviert, damit die Gäste zusammen anfangen können und keiner aus Höflichkeit sein Essen „kaltwarten“ muss), isst es brav auf und zum Schluss zahlt jeder für sich, was er bestellt hat. Wenn vorher eine Einladung ausgesprochen wurde, übernimmt der Gastgeber die Rechnung – eine zum Beispiel bei auswärts studierenden Kindern stets als willkommene erlebte Abwechslung beim Besuch der Eltern.


Tischsitten
Wenn Chinesen für sich alleine Essen oder in die Mensa gehen, dann bestellt auch jeder, was er haben will und schiebt sich den Inhalt seiner Plastiknudelsuppenschüssel oder seines Edelstahlmensamuldentabletts möglichst wenig zeitraubend in den Mund.
Wenn aber Chinesen gemeinsam essen gehen, dann ist das immer ein (kleines) Festessen. Wenn möglich, und dass ist ab sechs Personen der Fall, sitzt man an einem runden Tisch. Wenn dessen Durchmesser so groß ist, dass man nicht einschließlich Stäbchenverlängerung bis in den Nahbereich des genau gegenüber Sitzenden reichen kann, dann steht auf dem Tisch eine Drehscheibe, selbst in den schummerigsten, kleinsten Betrieben. Wenn man höflich sein will (und Chinesen wollen oft höflich sein und immer höflich erscheinen), fragt man: „was wollen wir bestellen?“ und sucht dann von der Karte Speisen aus, zu denen jeder eine Zustimmung hat und von denen alle der Meinung sind, dass sie miteinander harmonieren. Bis die immer sehr umfangreiche Karte durchdiskutiert ist und bis dann endlich die Bestellung erfolgen kann, dauert es also immer ziemlich lange. Die Serviererin steht währenddessen geduldig dabei und gibt auch mal Ratschläge, von denen ein häufiger 没 由 „méi yóu“ (nicht haben-wegen) ist, aber auch Aussagen zur Portionsgröße macht sie, damit man nicht unnötig viel bestellt. In der Regel ordert jeder „sein“ Essen und alle zusammen eins mehr als Personen am Tisch sind. Wenn Reis gewünscht wird, muss man den ausdrücklich als gedämpften Reis portionsweise oder als gebratenen Reis wie eine Speise bestellen (Nicht so in der Mensa, wo gedämpfter Reis zur Grundmagenabfüllung standardmäßig dazu gehört). Zu den sehr scharfen Sichuan-Speisen empfiehlt es stets für jeden Reis als Neutralisator zu bestellen. Zum Gedeck, das schon vorbereitet auf dem Tisch steht oder gleich nachdem man zum Tisch geleitet wurde (selber reinstürmen und sich seinen Platz suchen, wie in Deutschland, gibt es nicht. Wenn einem der zugewiesene Platz aber nicht gefällt und andere Tische noch frei sind, dann sagt man es und kriegt den Wunschtisch angezeigt) serviert wird, gehört auf jeden Fall ein kleiner Teller, eine ganz kleine Schüssel und ein Porzellanlöffel, der in einfachen Lokalen aus Plastikimitat sein kann. Selbstverständlich gibt es die Stäbchen, die von der Serviererin (kellnern ist eine eher weibliche Beschäftigung) aus der Papierhülle herausgezogen werden und an den Platz jedes Gates gelegt werden. Oft gibt es eine Serviette dazu, die in vornehmen Lokalen aus Stoff ist und feucht und heiß dampfend serviert wird, die in weniger vornehmen Lokalen aus einem Einfachstoffgewebe besteht und feucht und leicht parfümiert in einer vorgefertigten Kunststofftüte zum aufreißen serviert wird, die in einfachen Lokalen aus Papier (trocken) besteht und die in simplen Buden ganz fehlt. Manche Wirte verlangen für Serviette und Stäbchen einen Gedeckaufschlag, den man zurückweisen kann. Dann bekommt man kurze Einmalstäbchen und muss sich die Finger heimlich an der Hose abwischen. Zur Restaurantkultur gehört das Einschenken einer kleinen Tasse Tee, kaum dass der Gast sich gesetzt hat. Das ist hervorragend schmeckender, frisch aufgebrühter Pu-er-Tee oder grüner Tee, der vielleicht schon länger in der während des ganzen Essens auf dem Tisch verbleibenden Teekanne auf den Gast gewartet hat oder es ist eine deutlich nach der Chlorbeimengung des Trinkwassers schmeckende Lieblosigkeit. Die Tasse Tee trinkt man auch zum Abschluss der Mahlzeit, sofern einem danach ist.


Andere Speisezubereitung
Da alle Speisen nur mit Stäbchen gegessen werden, müssen sie mit diesen auch handhabbar sein, dass heißt, alles wird vor dem kochen, braten, sautieren bereits fein geschnippelt; das machen aber keine Maschinen, sondern zahlreiche Küchenhelfer. Entsprechend schnell ist das Kochgut gar, Gemüse bleibt knusprig und behält seine Farbe. Wenn etwas im Ganzen zubereitet werden muss, zum Beispiel eine Ente gebraten, dann wird dieses unmittelbar vor dem servieren mit dem Hackebeilchen quer durch alle Knochen hindurch in mundgerechte Stücke zerkleinert. Manchmal werden auch Speisen serviert, der Einzelstückgröße in keinen Mund passt. Dann wird das betreffende mit den Stäbchen gegriffen und davon abgebissen; dabei ist es auch üblich mit dem Löffel zu unterstützen. Ein Steak, das man auf dem Teller erst in Happen schneiden müsste, gibt es einfach nicht. Wenn die englische Übersetzung der Speisekarte von einem Steak spricht, ist Fleisch, gebraten, gemeint, und das wurde schon vor dem Braten zerschnitten.


Dann kommt das Essen, und zwar zuerst das, was der Koch in der Küche zuerst fertig gemacht hat. Hält das Lokal was auf sich, dann ist die Präsentation des Essens auch eine Augenfreude. Schon beim Schnippeln wurde auf geometrische Gleichförmigkeit geachtet; aus Schalen werden Ornamente oder in der Kombination mit anderen Gemüsen stilistische Kunstwerke. Sobald etwas serviert wurde, fangen alle mit dem essen an. Jeder nimmt sich aus der in der Tischmitte stehenden oder der auf dem Drehteller herbeirotierbaren Schüssel, was er zwischen den Stäbchen greifen kann. Handelt es sich um etwas zu kleines oder zu flüssiges, dann holt man sich mit dem Porzellanlöffel eine kleine Menge in sein kleines Schälchen und schiebt es dann mit den Stäbchen daraus direkt in den Mund. Nach und nach kommt in schneller oder in langsamer Folge, was bestellt wurde. Chinesen lieben das Abnagen; wenn Ente serviert wird ziehen sie einen Flügel den schieren Brustfleisch vor. Auch Schweinerippchen mögen sie, da muss das Fleisch möglichst durchwachsen sein. Was an unzerkaubarem übrig bleibt, wird auf dem Tisch auf einem Häufchen abgelegt. Jeder isst von allem. Wenn alles auf dem Tisch steht, wechselt man beliebig hin und her, keiner nimmt alles von einer Speise, nur weil sie ihm besonders schmeckt, sondern man achtet darauf, das alle drankommen. Dazu helfen die Höflichkeitsformen, die vorsehen, dass man den anderen mit gestellter Fürsorge geradezu auffordert, sich zu bedienen und der dann mit gespielter Bescheidenheit schroff ablehnt, jemandem anderen etwas wegzunehmen. Dazu eine mögliche Szene, bei der ein Besucher (B) gerade beim Hausherrn (H) angekommen ist:

H: „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
B: „Nein danke!“
H: „Etwas heißes oder etwas kaltes?“
B: „Nur keine Umstände!“
Weil es draußen heiß ist, wird was Kaltes vorgesetzt.
B: „Danke!“ Er trinkt sofort ein paar Schlucke, weil er wirklich durstig ist.


Trinkt man ganz aus, wird sofort wieder aufgefüllt. Will man tatsächlich nichts (mehr) haben, lässt man das Getränk einfach stehen. Zum Essen trinkt man nicht unbedingt etwas. Wenn doch, dann meistens Bier, das Nationalgetränk der Chinesen. Tee wird eher als Heiltrank verstanden, wie überhaupt das ganze Essen; jede Speise hat ihre spezielle Wirkung. Frauen vermeiden Alkohol oft ganz, weil Chinesen nicht viel vertragen. Dann gibt es eben Sojamilch, Wassermelonensaft, Maiskernsaft oder anderes. Abgegessene Teller werden sofort abserviert, selbst wenn die lecker Soße eigentlich noch verspeist gehörte, man sie aber mit den Stäbchen leider nicht greifen oder schöpfen kann. Am Schluss gibt es, wenn bestellt, eine Suppe, die aber deutlich dünner ist als Suppen in Deutschland zu sein pflegen. Das dient der Flüssigkeitsaufnahme; außerdem sind meistens leckere Brocken unten in der Suppe drin, die man gerne mit dem Stäbchen herausgreifen darf. Vor der Rechnung wird dann noch der Reis serviert. Der dient nicht etwa zur besseren Aufnahme einer leckeren Soße, sondern ist lediglich zum Restabfüllen immer noch nicht Sattgewordener da.
Um die Rechnung spielt sich ein Schaukampf chinesischer Höflichkeit ab, wer denn nun bezahlen darf. Allerdings wird genau registriert, wer schon mal dran war, und niemandem würde es gelingen, sich dauernd zu drücken. Deswegen ist es immer öfter üblich, es „going dutch“ zu machen: jeder zahlt, was er bestellt hat oder die Rechnung wird durch die Zahl der Köpfe geteilt. Kein Kellner würde aufgefordert, einzeln abzurechnen, das sähe in chinesischen Augen geizig aus.
Nach dem Essen gibt es, wie gesagt, den Tee wegen seiner medizinischen Wirkung. Ein Zusammentreffen zum Biertrinken oder bei einem gepflegten Glas Wein zusammensitzen kennt man nicht.
Mir gefällt die Art des gemeinsamen Essens sehr und ich will zu Hause sowas auch gelegentlich einführen. Dann müssen die Speisen kleingeschnitten sein – schöne Bambusstäbchen habe ich für die ganze Familie schon besorgt. Für die Ablage der Abfälle wird es jedoch eine Extraschale geben, die Sauerei auf der Tischdecke will ich meiner Frau nicht zumuten.


Kunstausstellung
Heute bin ich mit einem Kollegen bei trübem Wetter ins Shanghai Art Museum geradelt, wo wir uns die 7. Biennale, die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer internationaler Kunst in China anschauten. Als Thema konstruierte man den Begriff „Translocalmotion“, um die Migrationsbewegungen und die Mobilität in der globalisierten Welt besonders herauszustellen. Die künstlerischen Arbeiten sind den drei Rubriken „Project“, „Keynote“ und „Context“ zugeordnet. Unter dem Stichwort „Project“ wurden 25 der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler gebeten, den nahe gelegenen Volkspark (People’s Square) als visuelle Metapher und Ausgangspunkt ihrer Arbeiten zu nehmen, was jedoch nur zum Teil umgesetzt wurde.


Direkt auf dem Platz oder in seiner unmittelbaren Nähe sind keinerlei künstlerische Ergebnisse zu sehen. Alles findet ausschließlich in dem historischen Gebäude selber statt, wo nur eine kleine Schicht Kunstinteressierter hineingeht. Obwohl einige Arbeiten das Thema kritisch bearbeitet haben (z.B. eine Wanderarbeiter-Normalunterkunft im Maßstab 1:2 von Jin Shi mit dem mehrdeutigen Titel „½-Life“), hatte ich den Eindruck, dies sei eine Vorbereitungsveranstaltung auf die Expo2010, mit der die Richtigkeit des Weges, den die Regierung eingeschlagen hat, künstlerisch bestätigt werden soll. Mich hat eine Zwischenetage besonders begeistert, wo die historische Entwicklung des Volksplatzes von den Reisbaufeldern über die Pferderennbahn der Britischen Konzession und über den Volksaufmarschplatz in der Zeit kommunistischer Omnipräsenz bis zur Kultur- und Konsummeile von heute zu sehen war.


Eines der sehr zahlreichen Videowerke hat mir auch gut gefallen, von Zhou Tao mit dem Titel 1,2,3,4. Das war ein Zusammenschnitt von Aufnahmen von Shanghaier Firmen- und Geschäftsbelegschaften, bei deren morgentlichen Motivationdrillübungen. Das Video kann ich leider nicht zeigen, aber eine Beschreibung auf Deutsch gibt es hier: http://www.artnet.de/magazine_de/reviews/aschmid/aschmid09-16-08_detail.asp?picnum=8
Aufgefallen ist mir, dass eigentlich nur junge Menschen als Besucher da waren; das fand ich erstaunlich gut, weil junge Menschen in Deutschland meist kulturresistent sind. Vielleicht war das aber auch nur eine subjektive Täuschung meinerseits, denn in die Ausstellung werden nur 5000 Besucher gleichzeitig eingelassen und bezogen auf die 16 Mio. Einwohner Shanghais, ist das in Relation so, als ob würden 42 junge Harburger zu einer besonderen Ausstellung ins Helms-Museum finden. Das lässt mich wieder für Deutschlands Jugend hoffen. Die chinesische Jugend widmete sich übrigens nicht in erster Linie den Kunstwerken, sondern verschoss vornehmlich tausende von Fotos pro Person mit Titeln wie: „Ich in einer Ausstellung“, „Meine Freundin in einer Ausstellung“, „Wir beide in einer Ausstellung“. Dabei wies ein Schild am Eingang darauf hin, dass Fotografieren strengstens verboten sei. Keiner der zahlreichen Aufpasser dachte überhaupt daran, jemals deswegen einzuschreiten. Auf dem gleichen Hinweisschild stand übrigens auch, dass Psychopathen die Ausstellung nicht besuchen dürften – ich bin mir ziemlich sicher, dass die Security-Leute auch da nicht so genau darauf achten!


Erkenntnis des Tages: Bei Kunst und Essen kommt es stark auf den Geschmack an

Dienstag, 23. September 2008

Schlecht-Gute Erfahrungen

Handel und Händel mit meinen Studenten
Mit meinen Studenten habe ich heute eine ganz herbe Enttäuschung erlebt, bezogen auf die Klausur von gestern. Dazu die Vorgeschichte: Ich wollte ursprünglich eigentlich nur eine Abschlussklausur ganz zum Schluss anbieten, wie ich das in Hamburg auch tue. Hier ist es aber unter den deutschen Kollegen üblich, eine Zwischenklausur schreiben zu lassen, weil man sich gegenseitig und die Gepflogenheiten hier noch nicht so gut kennt.
Also habe ich auf Bitten der Studenten, für alle sichtbar „an der Tafel“ (das ist ja inzwischen auf meinem Laptop mit Projektion über den Beamer – und Speicherung des Beweismittels!) zwei Varianten angezeichnet: eine erste Klausur zur Probe, die den bisherigen Stoff umfasst und zu 20% in die Note eingeht und eine zweite Klausur über den ganzen Stoff, die zu 80% in die Note eingeht. Die zweite Variante war eine erste Klausur, nachdem 40% des Stoffs unterrichtet worden ist mit 40% Anteil an der Note und die zweite Klausur nur über die restlichen 60% des Stoffs mit 60% Notenanteil. Große Zustimmung kam allenthalben zu zweitem Verfahren. Jetzt haben manche „kein gutes Gefühl“ und wollen, dass die ersten 40% nur zu 20% in die Note eingehen. Mein gespeichertes Beweismittel ließ keine faulen Behauptungen zu. Solches kindisches „Nachverhandeln“ hat mich richtig erbost. Meine ironisch gemeinte Anfrage, ob sie mir nicht alle der Einfachheit halber die Note ansagen wollten, die ich ihnen geben sollte, wurde leider nicht verstanden.

Alles klar an diesem Tag
Dabei hatte der Tag so klar und hell begonnen; Wind wehte Wolken über den Himmel und die Sicht war gut. Weil einer meiner Kollegen davon geschwärmt hatte, wie beeindruckend ein Essen im 86. Stockwerk des Jin Mao Towers (金茂大厦 Jīnmào Dàshà, Gold-prächtig-groß-Gebäude; trotz inzwischen direkt nebenan gebauter, noch höherer Konkurrenz immer noch das fünfthöchste Gebäude der Welt) sei, schlug ich vor, die seltene Fernsicht zu nutzen und dort am Abend über der beleuchteten Stadt Essen zu gehen. Nachdem Herr Xu, unser deutschsprechender Betreuer vom Joint-College, mich im Brustton der Überzeugung aufgeklärt hatte, dort müsse man keinen Tisch reservieren, weil ein Buffet für 120 Yuan all inclusive angeboten würde, fuhren wir zu dritt, etwas früher als sonst, noch während der Rushhour, mit der U-Bahn Linie 1 (einschließlich langwierigem Umsteigen am Peoples Square in die Linie 2) nach Pudong, wo wir von der Haltestelle aus wegen endlos sich hinstreckender Riesenbaustellen einen weiten Umweg zu Fuß laufen mussten.

Über die Zukunft der Metro
Die 1995 gebaute Metro Linie 1 ist mit rollendem Material des Firmenkonsortiums ADtranz-Siemens ausgerüstet worden (1500 V Gleichstrom – wie die S-Bahn Hamburg – mit Stromzuführung aus Oberleitungen), also ein deutsches Produkt. Die Linie 2 ist mit CSR-Siemens-Triebwagen (gleiche Technik wie Linie 1) ausgestattet. CSR (chinesisch: 株洲电力机车 zhūzhōu diànlìjīchē: Zhuzhou(Stadt im Osten der chinesischen Provinz Hunan)-Elektrizität-Kraft-Maschine-Wagen), die Zhuzhou-Electric Locomotive Works, ein Tochterunternehmen der China Southern Locomotive & Rolling Stock Industry (Group) Corporation, hat bereits 1999 für die Phase 2 des Ausbaus der Shanghai Metro den Auftrag zum Bau von 28 Sechs-Waggon-Triebwageneinheiten, alle Waggons angetrieben, für die 22 km lange, 17 Stationen umfassende Strecke der Linie 2 erhalten, also ein chinesisches Produkt mit deutscher Technik. Inzwischen, nach 13 Jahren, gibt es bereits 9 Metro-Linien in Betrieb. Zurzeit sind sieben Strecken im Bau (darunter auch Verlängerungen bestehender Linien) und weitere sieben in Planung, die bis Mitte der 2020-Jahre fertiggestellt werden sein sollen. Jetzt gerade läuft wegen der bevorstehenden Expo 2010 (Motto: Better City – better Life) ein besonders ehrgeiziges Erweiterungsprogramm. Metro ist ein zutreffenderer Begriff für die U-, S-, Hoch-, und Regionalexpressbahn.



Das Edelrestaurant in krasser Höhe
Im Jin Mao gab es natürlich kein Buffet, sondern ein Western-Style-Restaurant im 55. Stockwerk, ein Kantonesisches in 56. Stockwerk und ein Restaurant mit Shanghaier Küche in 86. Stockwerk, für welches wir uns wegen der erwarteten besseren Aussicht in größerer Höhe spontan entschieden. Oben angekommen war bedauerlicherweise angeblich kein Tisch mehr vorhanden, weswegen ich behauptete, Herr Xu von der Technischen Universität Shanghai (上海理工大学 shànghǎi lǐ gōng dà xué geht mir inzwischen chinesisch glatt von den Lippen und hat einen gewissen Beeindruckungsfaktor bei den Menschen in Shanghai) hätte alles für uns arrangiert. Damit war die Lösung des Problems „fehlende Tischreservierung“ von mir auf die Damen vom Empfang verlagert, und somit in dafür sehr professionellen Händen; schließlich wollten wir in einem Edelrestaurant speisen und uns nicht an einer Nudelsuppenimbissbude abfüttern lassen. Mit dem Ausdruck des Bedauerns für unsere Unannehmlichkeiten haben wir nach kurzem Warten einen Tisch im pikfeinen Restaurant mit Blick auf den Pearltower und den Huangpu bekommen. Viele der Gäste waren Europäer, und Chinesen gab es auch. Wir waren also nicht underdressed, weil Chinesen in Shanghai im Sommer nirgends mit einem Anzug herumlaufen; höchstens schwarze Hose und weißes, kurzes Hemd mit Krawatte; auch bei tropischen Temperaturen. Wir haben zwar Chineese Style gegessen, bekamen aber neben den Stäbchen Messer und Gabel gedeckt. Der westliche große Teller wurde jedoch durch das chinesische Gedeck (kleiner Teller mit kleiner Schale und Porzellanlöffel) ausgetauscht. Richtig chinesisch ging es aber trotzdem nicht zu, weswegen wir später den Tisch auch nur mit kleiner Sauerei verließen. Das Essen war gut, aber nicht so, dass ich behaupten müsste, ich hätte nicht woanders auch schon gut gegessen. Im direkten Vergleich mit der Schuddelkneipe vom Samstag kann ich sagen, beide Essen waren gleichwertig, jedenfalls dem Geschmack und der Menge nach. Wir hatten hier als arme beamtete Professoren vorsichtshalber die kostengünstigeren Gerichte (vier Bestellungen) gewählt und dafür zehnmal mehr als wir sonst ausgeben, bezahlt, nämlich 220 Yuan pro Person mit Getränken. In Vergleich zu einem Essen in gutbürgerlicher Gaststätte in Hamburg sind wir also dennoch preiswert davongekommen und haben gepflegt und unterhaltsam in atemberaubendem Ambiente gespeist. Sehr schön, muss ich aber nicht jeden Tag haben. Während unseres ganzen Essens war übrigens stets mindestens ein anderer Tisch nicht besetzt.



Zum Abschluss gönnten wir uns noch einen Drink in der Cocktailbar „Cloud 9“ im 87. Stockwerk, einem ganz internationalen Etablissement, das, von der Höhe mal abgesehen, auch in San Fransisco, Rio, London oder sogar in Stuttgart zu finden sein könnte. Beim Verlassen des Jin Mao Towers beeindruckte mich dann doch die Höhe des daneben stehenden Shanghai World Financial Center, weil es sich im Schein der es anstrahlenden lichtstarken Beleuchtungskörper als echter Wolkenkratzer im Sinne des Wortes zeigte.

Ich fühle mich jetzt verpflichtet, morgen mal die wesentlichen Unterschiede zwischen einem deutschen und einem chinesischen Essen zu beschreiben, wobei ich dann gar nicht auf die Verschiedenartigkeiten der Speisen eingehen werde.

Erkenntnis des Tages: Manche Tage sind richtig gut und richtig schlecht zugleich

Montag, 22. September 2008

Erste Klausur

Beobachtungen bei der Prüfung
Obwohl ich wegen meines gestrigen immensen Pu-er-Teegenusses koffeinspiegelbedingt in der Nacht kaum geschlafen hatte, stand ich sehr früh auf, um die letzten Vorbereitungen auf meine erste Klausur in China zu treffen und vor allem um sehr pünktlich zur Ersten Stunde am Montag im extra dafür angemieteten Saal (den ich am vorigen Freitag vorsorglich schon mal inspiziert hatte) im Gebäude des Sino-Britisch-Colleges zu erscheinen. Ich musste schon wieder bis in den sechsten Stock zu Fuß laufen, weil der Aufzug noch Monate außer Betrieb sein würde, wie ein Schild verriet. Zehn Minuten vor Prüfungsbeginn war die Hälfte der Studenten anwesend, um 8.00 Uhr alle bis auf zwei, die mit dreiminütiger Verspätung eintrafen. In Deutschland erscheinen regelmäßig fünf Prozent derjenigen, die sich zur Klausur angemeldet haben, nicht (das wird nicht als mit „nicht ausreichend“ bewerteter Klausurversuch gerechnet).


Wie in Hamburg ist auch in Shanghai bei einer Klausur selbstverständlich die Raumbelegungsdichte halb so groß wie bei einer normalen Vorlesung: die Abstände zwischen den Studierenden sind so weit, dass der Versuchung abzuschreiben kein Vorschub geleistet wird. In der Stresssituation der Klausur sind vermutlich bei den Studierenden der Energiegrundumsatz und die Adrenalinausschüttung wesentlich höher als normal, während es für mich als aufsichtführenden Professor eher langweilig ist und ich die Lage ganz gut beobachten kann. Es war wieder ein sehr heißer, schwüler und dunstiger Vormittag und zu allem Unglück war eine der beiden Klimaanlagen defekt und die andere lief nur bei verminderter Leistung. Nach etwa der Halbzeit der Klausur habe ich die Fenster aufgemacht, weil es inzwischen im Raum wärmer war als draußen. Mir lief der Schweiß unter dem Hemd an Brust und Rücken hinunter. Die Studenten stöhnten. Trotzdem war keinerlei Schweißgeruch zu riechen, während in Hamburg ein säuerlicher Gestank stets Begleiter einer Prüfungssituation ist. Die Prüfung sei schwer gewesen, sagten vorsorglich dramatisierend einige Studenten gleich nach Abgabe der Blätter. Aber viele haben alle Aufgaben bearbeitet, dass heißt, die Zeit war ausreichend; jede Aufgabe ist von irgendjemandem richtig gelöst worden, dass heißt, die Klausur war nicht zu schwer; keiner hat alle Aufgaben richtig gelöst, dass heißt die Klausur war nicht zu leicht. Eine endgültige Bewertung werde ich aber erst zusammen mit der zweiten Klausur nach Ende der gesamten Stoffvermittlung abgeben.

Die Anprobe
Nach einem kleinen Gemüse-Mittagshappen radelte ich zu meinem Schneider zur Anprobe. Die Hemden saßen tadellos, beim Anzug wollte ich noch mehr Spielweite haben, was ich energisch mit Zeichen signalisierte und der Schneider ordentlich mit Stecknadeln absteckte. Eine Sprachverständigung auf Englisch ist bis auf einige wenige Brocken nicht möglich. Unter anderem auch darin unterscheidet sich dieses klitzekleine Ladengeschäft von dem Herrenschneider im Foyer des Marriott-Hotels im Tomorrow-Tower, wo jedoch vierfache Preise verlangt werden. Das Englisch meines Schneiders reichte aus, um, auf meinen Bauch zeigend, freundlich lächelnd „Baby“ zu sagen, was frei übersetzt in etwas heißt: „Nun, stell dich nicht so an und kritisiere nicht meine Schneiderhandwerkskunst. Nimm lieber endlich ab, du europäische Langnase mit Schweißgeruch!“ Am Donnerstag soll alles fertig sein, und ich habe bei Gefallen mit Nachorder gelockt.

Schnell noch `ne SMS schreiben
Vier mehrere tausende Jahre zurückliegende Schlüsselerfindungen haben die chinesische Kultur sehr früh enorm voran gebracht: Kompass, Schwarzpulver, Papier und Typographie (Dazu kamen später noch die Seide und das Porzellan). Bis zum Sturm der Mongolen war China technologisch und wissenschaftlich führend. Chinesen und Mongolen verdanken wir Entwicklung bzw. Transfer eben genannter Erfindungen nach Europa. Mit Beginn der Ming-Dynastie (1368 – 1644) schwand allmählich der schöpferische Erfindergeist, bis das Land schließlich in hoffnungslose Rückständigkeit verfiel. Erst mit dem Eindringen der imperialistischen Europäer begann die Modernisierungsbewegung, die zu einer Aufholjagt geführt hat, die lange noch nicht abgeschlossen ist. Als die Computer Einzug hielten, meinten einige, dass sei das Ende der Kommunikation mit chinesischen Schriftzeichen, aber er gibt eine Lösung.


Das möchte ich anhand des Schreibens einer SMS auf dem Handy verdeutlichen: Ein chinesisches Handy, zum Beispiel von Nokia oder Ericson, verfügt über das gleiche Tastenfeld, wie unser Handy, jedoch sind auf den Nummerntasten nicht nur zusätzlich drei oder vier Buchstaben des lateinischen Alphabets aufgedruckt, sondern einige Tasten habe weitere unterschiedliche Striche.

Am einfachsten ist es, wenn man Pinyin kann, dass ist die lateinische Umschrift der gesprochenen hochchinesischen Wörter (es gibt also auf dem Handy unter Einstellungen eine Sprachwahl, ähnlich wie bei uns English, Français, Deutsch, Türkçe: nämlich Mandarin, Kantonesisch, Taiwanesisch, Koreanisch, Japanisch und was der Hersteller für die Erschließung verschiedener Märkte noch erforderlich hält, sowie die jeweils dazugehörige lateinische Umschrift). Ein bis drei Tastenanschläge braucht man, um die Silbe des gesuchten Wortes eindeutig einzugeben. Bei jedem Tastenanschlag zeigt das Handy nebeneinander auf dem Display die passenden Wörter in der Reihenfolge der Häufigkeit ihres Vorkommens in der Alltagskommunikation an. Das gewünschte wählt man dann aus. Ganz genauso funktioniert übrigens das sogenannte Wörterbuch bei unserem Handy, mit dem man die SMS-Schreibezeiten erheblich verkürzen kann, wenn man sich erst mal mit dem Verfahren vertraut gemacht hat.
Etwas umständlicher geht es auch mit der Schriftzeichenerzeugung mit den Strichen, was aber angeblich nur die Alten (vor 1949 geboren) benutzen, die in der Schule noch nicht Hochchinesisch und Pinyin gelernt haben. Ich vermute mal, dass die so viele SMSs schreiben wie bei uns die alten Leute auch. Man kann nämlich lange, kurze, linkssteigende, rechtsfallende Striche usw. eingeben, wie es der Reihenfolge beim Schreiben eines chinesischen Schriftzeichens ordnungsgemäß entspricht. Daraus erkennt das Handy, aber erst nach viel mehr Tastenanschlägen auch immer besser, was gemeint ist und bietet seine Favoriten zur Übernahme in die SMS an. Im der U-Bahn habe ich jemanden beim Schreiben auf einer Touch-Sensitive-Screen beobachtet, wie er (einfache) Zeichen mit dem Daumennagel hingekrickelt hat und das Handy in der Lage war, das zu lesen.

(Das hier wegen Upload-Problemen fehlende Video wird nachgeliefert)

Renao im Hotelflur

In den letzten Tagen ist eine Gruppe Chinesischer Ehepaare mittleren Alters in die Zimmer auf meinem 11. Stock im Er Yi Hotel, das ist das Gästehotel der 2. Medizinischen Hochschule Shanghais auf deren Campus-Gelände, eingezogen. Gemäß Emils gestriger Erklärung der Sprechlautstärke verschiedener chinesischer Bevölkerungsschichten, müssen das ganz besonders primitive Zeitgenossen auf dem Niveau knapp unterhalb des Homo Sapiens sein. So wie sie es sonst vermutlich, vor ihren Höhlen am Lagerfeuer sitzend, gewohnt sind, öffnen sie auch hier die Zugänge zu ihren Schlafkavernen und rotten sich auf dem Hotelflur zusammen, um wahrscheinlich über die Strategie zu palavern, wie sie ihr nächstes Mammut am geschicktesten erlegen können. Warum sie aber dafür so distinguiert gekleidet sind, wo doch alle anderen Shanghaier wegen der Hitze ziemlich lässig-luftig angezogen sind, kann ich mir noch nicht erklären.
Der chinesische Ausdruck für Trubel lautet 热闹 (rènao heiß-lärmend), bedeutet ausgelassene Stimmung machen und drückt das Lieblingslebensgefühl der Chinesen treffend aus. Über meine Hotelnachbarn würde sich hier niemand aufregen, das ist zentraler Bestandteil des normalen Lebens, an dem man doch gerne teilhat, oder?

Erkenntnis des Tages: Es gibt für jede Lebensäußerung eine Möglichkeit sich anzupassen