Donnerstag, 9. Oktober 2008

Suzhou

Reisevorbereitungen
Der heutige Tag war überraschend mein erster freier Tag während der Woche außerhalb der Ferien, gerade recht um nach Suzhou, der Stadt der Gärten, zu fahren. Um Sechs Uhr, als ich aufgestanden war, kam gerade die Sonne hervor; um sieben Uhr fuhr ich mit Bus und Metro (U-Bahn gerade verpasst – ich musste 1 Minute 49 Sekunden auf die nächste warten. Normaler Takt um diese Zeit ist alle drei Minuten) los, um zum Hauptbahnhof zu gelangen und um acht Uhr fuhr mein Zug ab. Am Shanghaier Hauptbahnhof gibt es einen english speaking counter, wo ich problemlos Hin- und Rückfahrtticket für 24 bzw. 26 Yuan bekam. Ich habe es allerdings anderswo auch schon erlebt, dass meine Frage „do you speak english?“ mit einem fluchtartigen Schließen des Schalters beantwortet wurde. Offiziell wird in China propagiert, dass jeder Englisch lernen soll; praktisch sind es nur ganz wenige die auch bloß ein paar Brocken verstehen. Ohne Fahrkarte kommt nicht in den Bahnhof hinein, weder am Eingang, noch am Ausgang, die beide zudem weit voneinander weg entfernt liegen, damit die Menschenströme nicht miteinander in Kollision kommen. Auf dem Bahnhofsvorplatz wimmelten die Massen; viele sahen aus, als seien sie mal auf gut Glück aus der Provinz in die Großstadt gekommen, wo sie ohne Arbeitsplatznachweis keine Aufenthaltsberechtigung haben – Ehepaare müssen beide den Arbeitsplatznachweis haben, sonst können sie nicht miteinander nach Shanghai ziehen. Vor dem Eingang zum Bahnhof leiten massive Barrieren die Fahrgäste geordnet an den Fahrkartenkontrolleuren vorbei und wer versucht sich durchzumogeln, wird heftig zurückgedrängt. Vor dem Betreten des Gebäudes musste ich durch eine Röntgenschleuse, wie am Flughafen, nur weniger streng in der Handhabung der Kontrolle. Shanghai-Hbf ist ein Kopfbahnhof und das Ende vieler Linien, weswegen die strikte Trennung der ankommenden und abfahrenden Passagiere leicht machbar ist. Die Fahrkarte ist zugleich Platzkarte; mehr Fahrkarten als Sitzplätze vorhanden sind, werden nicht ausgegeben. Zuerst sammelte man sich im dem dem gebuchten Zug zugewiesenen Warteraum und erst kurz vor Abfahrt des Zuges durften meine Mitreisenden und ich auf den Bahnsteig hinunter, wo der Shanghai-Nanjing-D-Zug mit Lokomotive und 12 Waggons schon bereit stand. Auf dem Bahnsteigboden sind die Einstiegsstellen in die Waggons markiert, und man musste den auf der Fahrkarte angegebenen Waggon besteigen, denn die Türen zwischen den Durchgangswagen waren abgesperrt. Uniformierte junge Damen der Chinesischen Bahngesellschaft standen an jeder Tür und wiesen den Weg.
Bahnfahrt
Der Zug fuhr zwei Minuten vor der Fahrplanmäßigen Abfahrt los. Ziemlich schnell verließ er das Stadtgebiet und nach 10 Minuten waren erste großflächig angelegte Foliengewächshäuser zu sehen, dann Fischteiche mit Fischfütterungsautomaten, dazwischen Industrie- und Gewerbebetriebsgebäude, dann wieder Bauern mit Strohhüten bei der Feldarbeit, ein Automobil-Neuwagen-Auslieferungslager, Angler, Satelitenstädte mit Hochhäusern und immer wieder parallel zur Bahnlinie die Erschließungsarbeiten für den Bau einer Betonbahn für ein Verkehrsmittel, das ich in diesem frühen Baustadium nicht identifizieren konnte.

Wasserläufe wurden eingeebnet, im Weg stehende Häuser waren geräumt und zum Teil schon abgerissen. Alle paar Kilometer war ein Betonwerk aufgebaut, dann eine Eisenflechterei und Zeltunterkünfte für die Wanderarbeiter. Um 8.25 Uhr fuhren wir ohne Halt durch den Bahnhof von Kun Shan und um 8.42 kamen wir in Suzhou an. Am Bahnhof war alles klar und eindeutig ausgeschildert, aber leider ausschließlich auf chinesisch.
Fahrradhandel
Die Warnung meiner Kollegen, die schon in Suzhou waren, lag mir im Ohr, keinen der sich am Bahnhof anbietenden freien Transportunternehmer und englischsprachigen Stadtführer zu engagieren, weil sie wenig effektiv und zudem teuer seien. Im Reiseführer hatte ich gelesen, dass es an Bahnhof Fahrräder zu mieten geben sollte. Ich brauchte aber eine halbe Stunde von der Ankunft am Bahnhof bis ich endlich einen fand, der mir nach längeren Verhandlungen für 60 Yuan ein Fahrrad vermietete. Wir mussten ziemlich weit bis zu einem bewachten Motorrollerparkplatz laufen, wo ich eins von zwei Rädern gegen eine Kaution von 200 Yuan bekam – kein Service, kein Sattelhöherstellen. Das ganze kam mir ziemlich windig vor. Mietpreis und Kaution lagen so nah beieinander, dass der Wert des Rades sicher unter 200 Yuan anzusetzen ist. Vermutlich hat die diensthabende Parkplatzwächterin mir ihr persönliches Fahrrad in der Zeit überlassen, wo es sie in ihrer Bude ohnehin räumlich nur gestört hätte und sich über den Reibach gefreut, den sie mit mir dummem Ausländer gemacht hat – denn Unwissenheit ist ein Geschäftsnachteil. Ich wiederum wollte wegen der Ausdehnung Suzhous und der von mir gewünschten Flexibilität selbständig und beweglich sein und fand 6 Euro für einen Tag Fahrradausleihe an so einem sonnigen und warmen Urlaubstag nicht übertrieben. Wenn ich dran denke, was ich für die gleiche Dienstleistung auf Sylt ausgegeben habe, wäre ich sogar mit 16 Euro einverstanden gewesen und habe mich über den Reibach gefreut, den ich mit ihr dummer Chinesin gemacht habe – denn Unwissenheit ist ein Geschäftsnachteil.
Der Tiger-Hügel
Mein erster Weg führte mich zum mit 4,5 km entferntest vom Altstadtgebiet liegenden Garten, dem 虎丘 hǔ qiū Tiger-Hügel, der von weitem einem Tiger ähnlich sehen soll und einst als "die höchste Sehenswürdigkeit im Staate Wu" bekannt war. Dort waren fast keine Ausländer, dabei ist er die Attraktion Suzhous, die kein chinesischer Tourist versäumen möchte. Als westlicher Besucher habe ich mich gefragt, warum denn zu dem unscheinbaren Hügel, wo ich es beispielsweise im Garten der 1000 Bonsais oder an der schiefen Pagode von 961 viel interessanter fand. Dort waren kaum Chinesen. Stattdessen haben sich die Einheimischen von allen Seiten vor einem künstlichen Hügel ablichten lassen, der weiter nichts besonderes darzustellen scheint – wäre da nicht die Legende, die ihn für die Chinesen so attraktiv macht: Im Jahr 514 v. Chr., während der „Frühling-und-Herbst-Periode“, wurde Suzhou als „Große Stadt von He Lu“ durch den legendären König He Lu von Wu gegründet. Der liegt seit dem 6. Jahrhundert unter dem Hügel zusammen mit 6000 Schwertern begraben und wird angeblich von einem weißen Tiger bewacht, den ich aber nicht gesehen habe.

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Interessant war es für mich, die sich überschneidenden chinesischen Reisegruppen und ihre sich gegenseitig übertönenden, weil elektrisch verstärkten Führer zu beobachten und die Stille im Bonsai-Garten zu genießen – alles innerhalb des gleichen 13 ha großen Areals, abgeschieden vom Dauergehupe der Autofahrer.

Von der Bergkuppe aus, auf der die schiefe Pagode Yun Yan Si, 云 yún Wolken (Höhe 47 m; Neigungswinkel 3,9 ° seit dem Bau vor über 1000 Jahren – zum Vergleich: der schiefe Turm von Pisa: Höhe 54 m, Neigungswinkel 4,56 ° seit einigen Jahren nach dem dann unterbrochenen Baubeginn vor über 800 Jahren), ein Relikt einer die ganze Bergkuppe überspannenden Klosteranlage, steht, hatte ich einen wunderbaren Blick über das diesige Industriegebiet, die Fabrikanlagen, Autobahnen und Hochspannungsfernleitungen Suzhous nördlich der alten Stadt, für die es heute berühmt ist. Das beschauliche, kleine Städtchen hat 3,2 Millionen Einwohner, der größte Teil der Altstadt wurde in den letzten Jahren radikal abgerissen und neu mit Architektur der Häuser im traditionellen Stil der Ming-Dynastie aufgebaut. Auch alle anderen modernen Zweckbauten haben diese typischen Dachformen und Ausstattungsdetails, so dass die Stadt auf mich einen sehr traditionellen chinesischen Eindruck machte. Es sah irgendwie alles historisch oder zumindestens alt aus.

Dabei ist die Stadt zeitgemäß: 2005 fanden in Suzhou die Weltmeisterschaften im Speedskating statt, 2008 die Weltmeisterschaften im RoboCup. In Suzhou unterhält unter anderem der Hardware- und Computermaushersteller Logitech eine Fabrik, für Apple Computer, Inc. werden dort u. a. Notebooks und iPods produziert. Das von Infineon abgespaltene deutsche Chipunternehmen Qimonda montiert in Suzhou in großem Umfang DRAM-Arbeitsspeicher. Ebenfalls in Suzhou produziert der größte Automobilzulieferer der Welt, die deutsche Robert Bosch GmbH, Bremssysteme. Des Weiteren betreibt die Carl Zeiss Microimaging GmbH in Suzhou eine Produktionsstätte und Glaxo Smith Kline unterhält in Suzhou einen Produktionsstandort für Medikamente für den chinesischen Markt. Der Weltmarktzweite für industrielle Getriebemotoren, die Hamburger Firma Getriebebau NORD GmbH & Co. KG, unterhält in Suzhou ihr Fertigungszentrum für Asien.

Weisheit auf dem Berg
Auf dem Berg gibt es eine Reihe von Pavillons, denn über die Jahrhunderte hinweg hat der Ort berühmte Gelehrte angezogen, die zum Malen, Kalligraphieren oder Dichten hierher kamen und derer gedacht wird. Der Xian Wu-Pavillon, Kleiner (Staat) Wu-Pavillon, hatte es mir angetan, denn von diesem hohen Hügel konnte der König weit in sein Reich hineinschauen und musste erkennen, dass alles von dort aus relativ klein und in der Bedeutung herabgesetzt erscheint. In der „Halle der Fünf Weisen“ wurde der Dichter und Denker Liu Yuxi, Bai Juyi und Wei Yingwu aus der Tang-Dynastie und Wang Yucheng und Su Shi aus der Song-Dynastie gedacht, und es Schriftproben in Stein gemeißelt an der Wand angebracht. Ich muss zugeben, dass ich von denen noch nie etwas gehört habe. Ich weiß zwar, dass die chinesische Geschichte nach den Herrscherdynastien eingeteilt wird, aber ich kann Tang von Song nicht einordnen, weder zeitlich, noch inhaltlich hinsichtlich dessen, wofür diese Zeiträume stehen. Zusammen mit der für mich, mit Ausnahme weniger Zeichen, unlesbaren Schrift fühle ich mich wie ein ungebildeter, ahnungsloser, von der Erkenntnis ausgeschlossener Analphabet – ich fühle mich so, weil ich es tatsächlich bin: bettelarm, trotz gigantischem Wohlstand im Vergleich zu den meisten anderen Menschen hier um mich herum. Jede Supermarktkassiererin führt mich vor, wenn sie mir schnell aufschreibt, was wir sprachlich nicht austauschen können, so wie sie es vermutlich bei den anderssprachigen Chinesen aus fernen Provinzen macht, denn ich kann nur mit dem Kopf schütteln.
Kleine, großartige Bäumchen
Ich rettete mich in den Garten der tausend Bonsais, wo bestimmt tatsächlich soviel Miniaturbäume standen und wo sich fast überhaupt keine Chinesen aufhielten. Die Bäumchen sahen zum Teil hunderte Jahre alt aus, kein Vergleich mit dem, was man in einem deutschen Gartencenter angeboten bekommt. Es sind Pflanzen, die besonders kleine Blätter tragen oder besonders kurze Nadeln, damit die Anmutung eines voll ausgewachsenen, adulten und maturen Baumes im Kleinformat entsteht. Ich dachte, dass sie für Chinesen auch ihre Erziehungsphilosophie ausdrücken: mit starken Drähten wird gleich der junge Trieb und auch später noch die erwachsene Pflanze gefesselt, damit sie in die vorgesehene Richtung entwickelt und sie wird ständig beschnitten, damit sie klein bleibt und nicht den für sie vorgesehen Raum überschreitet. Dann beeindruckt und erfreut sie die Menschen, die sie betrachten, denn, obwohl zu unnatürlichem Verhalten gezwungen, wirkt sie wie das vollkommene Original – und der Mensch hat doch die Natur bezwungen.
Brautpaare
In diesem groß angelegten Garten (eigentlich viele verschiedene Gärten in einem großen Parkareal) hätte ich mich mit dem Kahn auf einem Kanal herumstochern, eine Runde in der Pferdekutsche unternehmen oder mich in einer Sänfte den Berg hinauf tragen lassen können. Aber ich hatte ja niemanden dabei, der mich dabei hätte fotografieren können, weswegen ich großzügig darauf verzichtete. Ich schwang mich wieder auf mein Rad auf den Weg zur Altstadt Suzhou. In der Nähe des Tiger-Hügel-Parks gab es ein Brautkleidergeschäft neben dem anderen, es war eine moderne Mall ausschließlich mit Läden, die nichts anderes führten als Brautkleider, Bekleidung für Bräutigame und Hochzeitsaccessoires. Chinesische Bräute pflegen sich im Laufe ihrer Hochzeitsfeier mehrfach, mindestens drei mal, umzuziehen um jedesmal wieder in einem neuen aufregenden Fummel den Bräutigam und die Gäste zu beeindrucken.

Darunter ist auf jeden Fall ein rotes Kleid, weil rot die chinesische Farbe des Glücks und der Liebe ist und ein weißes Brautkleid als Konzession an die aus dem Westen stammenden, inzwischen internationalen Gepflogenheiten, obwohl weiß im Fernen Osten eigentlich die Farbe der Trauer ist. Vielleicht kommt noch für Braut und Bräutigam jeweils ein traditionelles Hochzeitsgewand hinzu. Suzhou ist jedenfalls die Hochburg der Hochzeiter, die ich an vielen romantischen Ecken mit ihren Fotografen beim Posieren für die offiziellen Fotos beobachten konnte.

Venedig des Ostens
Ich radelte an einem der Kanäle dieses „Venedig des Ostens“ genannten Städtchens entlang, das mich aber mehr an die Grachten von Amsterdam erinnerte. Der Vergleich mit Venedig rührt vielleicht daher, dass Marco Polo die Stadt im Jahr 1276 besucht und als großartig empfunden hat. Bekannt auch als die „Seidenhauptstadt“ des damaligen Kaiserreichs China ist Suzhou seit dem 14. Jahrhundert bis heute führend in der Seidenproduktion. Zum Glück hatte ich nicht genug Zeit das Seidenmuseum zu besuchen, denn sonst müsste ich jetzt eine weitere Seite meines Internettagebuchs der Herstellung und Verarbeitung dieses Naturprodukts widmen. Sehr schöne Seidenwaren werden überall angeboten, allerdings richten sich die Damenkonfektionsgrößen eher an zierliche chinesische Damen als an die wenigen aus Sicht der Chinesen maßlosen Kundinnen aus dem Westen. Der Kanal mit seinem braunen Wasser wurde zum Wäschewaschen, als Wasserstraße für Touristenboote (fast nur westliche Passagiere) und zum Angeln genutzt. Eine mir unbekannte Angelmethode wurde auch angewandt: eine an einem Seil befestigte, schwere Kugel wurde weit ausgeworfen und dann ganz langsam wieder eingeholt. Ich vermute, dass die auf dem Markt zahlreich angebotenen Wollhandkrabben auf diese Weise gefangen werden. Am antiken Opernhausplatz, einer noch im Original erhaltenen Freilichtbühne mit Holzhäusern drum herum, machte ich am Stadtkanal im Schatten Mittagsrast und Fotografierte hübsche Bräute, die in ihren Kostümen nett anzuschauen waren und vom offiziellen Fotografen in adrette Positionen gerückt wurden und Bräutigame, die in ihren Anzügen etwas deplatziert aussahen – das war keine gewohnte Kleidung für sie und sie fühlten sich darin sichtlich unwohl.
Konfuzius
Ich radelte dann ziemlich weit mitten durch die geschäftigen Straßen Suzhous, wo mir auffiel, dass viel mehr nervtötend gehupt wird als in Shanghai und, schlimmer noch, viel mehr extrem geräuschvoll gerotzt wird als dort. Außerdem Parken die Autos auf den ausgewiesenen breiten Fahrradfahrbahnen, weswegen viele Absperrgitter errichtet wurden. Der Konfuzianische Tempel in der Ren Min Lu, der Haupt-Nord-Süd-Straße Suzhous, hat mir sehr gut gefallen. Zuerst war ich wegen des auch dort aufgestellten Konfuziusdenkmals versehentlich in das elegante Campus-Gelände der Universität Suzhou-Süd eingebogen. Der Konfuziustempel ist eine Halle mit Garten drumherum und ehemaligen Klostergebäuden, die heute lauter Läden mit vorgeblich antiken Gegenständen anbieten. Ich fand auch das nett anzuschauen.
Meister der Netze
Mein Weg in der Nachmittagshitze führte mich zum Garten des „Meisters der Netze“, 网师园 wǎng shī yuán, Netz-Meister-Garten, das im Englischen ("Fishermen's hermitage") noch weiter von der Bedeutung wegführt als die deutsche Übersetzung. Er hat nämlich überhaupt nichts mit Fischern zu tun. In dem kompakten, 9 Mu (m²) großen Garten gibt es eine Pflasterung mit einer Netzstruktur, wobei das chinesische Wort Wang = Netz aber auch eine andere Bedeutung hat, die mir gerade entfallen ist, weswegen der Garten so benannt ist. Ich hatte mich in eine Gruppe Amerikaner eingeschleust, die eine wirklich kompetente Führung durch einen sehr engagierten Chinesen namens Peter auf gut verständlichem, vokabelreichem Englisch präsentiert bekam, bei der ich viel über chinesische Kultur lernen konnte und einiges erfragt habe.
Der Garten des Meisters der Netze in Suzhou zählt zu den berühmten südchinesischen Privatgärten. Er entstand um die Wanjuan Halle, die als frühere Residenz eines Regierungsbeamten der südlichen Song-Dynastie namens Shi Sheng Shi in der Zeit von 1174 bis 1189 gebaut wurde. Erst während der Qianlong-Regierung der Qing-Dynastie im 18. Jahrhundert übernahm ein Beamter namens Song Zongyuan das Gelände als (Alters-)Residenz, wandelte es in den Garten um und gab ihm seinen heutigen Namen, der denjenigen des Gründers, Shi, immer noch enthält und übersetzt vielleicht gar nicht Meister heißt. .
Der Garten ist sehr dicht bebaut und ein Beispiel für die Verbindung eines Wohnhauses mit einem Teich und einem Landschaftsgarten. Er und weist eine Vielzahl verwinkelter, stiller kleiner Höfe auf. Mittelpunkt des Gartens ist der Teich von nahezu quadratischer Form, der eine verhältnismäßig große Fläche des Grundstückes einnimmt und von Pavillons, Wandelgängen, über dem Wasser stehenden Bauten, Brücken und Felsen eingefasst ist, so dass eine abwechslungsreiche Szenerie entsteht.
Die Wandelgänge sind überdacht, laufen im Zick-zack und auf und nieder. Dadurch konnten alte Menschen auch bei Regen einen abwechslungsreichen Spaziergang machen, ohne das Haus verlassen zu müssen. Das Ufer ist mit Kalkstein ausgeführt, wobei kunstvolle Nischen gebildet wurden – die typische Übernahme aus der chinesischen Landschaftsmalerei in die Gartengestaltung. Die Anordnung des kleinen inneren Gartens hinterlässt einen weitläufigen Eindruck. Er ist wie eine Bühne konzipiert und deswegen wird dort allabendlich die „klassische Nacht“ inszeniert, bei der Schauspieler und Musikanten mit bunten Kostümen für optische Akzente sorgen. Das hätte ich mir zu gerne angesehen.
Die einzelnen Gebäude haben exotische Namen. Im Pavillon "Der Mond ist aufgegangen und der Wind kommt" wehte tatsächlich an diesem heißen Nachmittag ein angenehmes Lüftchen.
In einem chinesischen Garten findet man keine Blumen, weil deren Schönheit zu kurzlebig ist. Chinesen lieben mit Bedeutung belegte Bäume. Einerseits sind das die Bäume der Weisheit Kiefer, Bambus und Pflaume, oder solche, die in Kombination gepflanzt eine Aussagen machen: so zwei Bäume, deren Namen nacheinander ausgesprochen „schneller Kindersegen“ bedeuten. Fußtritte werden gerne aus einem bei Feuchtigkeit extrem rutschigen Stein gemacht, der Wolkenstein heißt, weil man beim betreten mit einem Bein dann schon im Himmel sei. Ich bin mal fast böse ausgeglitten auf so einem Stein und hätte dann jetzt schon ganz im Himmel sein können.

Bescheidenheit
Am Zhuozheng Yuan, dem „Garten des bescheidenen/aufrichtigen Beamten“ (gibt es bescheidene und aufrichtige Beamte so selten, dass man für die Ausnahme extra einen Garten errichten muss?) konnte ich, weil es schon so spät war und die Dämmerung einsetzte, leider nur vorbeifahren. Auch in diesem Fall erzeugt die deutsche Übersetzung ein völlig falsches Bild der überlieferten Tatsachen: Geschaffen wurde der Garten während der Ming-Dynastie (frühes 16. Jahrhundert) von dem hohen Mandarin Wang Xianchen. Er wurde vom Dienst suspendiert (oder designierte vom politischen Leben, um seine Unzufriedenheit mit der Politik zum Ausdruck zu bringen, wie offizielle Verlautbarungen gerne formuliert werden) und zog sich in die Provinz zurück. Hier kam ihm sein Amt als Politiker töricht vor – daraus leitet sich die eine Übersetzung des Gartennamens ab. Der andere Name bezieht sich auf den Grund seiner Entlassung: Der Beamte wurde der Korruption überführt (ist das in China ein Entlassungsgrund?) und bereute später (englischer Gartenname: „humble administrator“). Wenn dieser Zusammenhang heute in Deutschland auch praktiziert würde, gäbe es bald eine große Vielzahl Garten für die Nachwelt – das wäre keine schlechte Perspektive, finde ich. Aber das kann in Deutschland nicht vorkommen, denn bei uns gibt es keine Mandarine. Außerdem spricht die lange Bauphase des Gartens von 1522 bis 1566 eigentlich gegen eine spontane Entscheidung.

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Auf Umwegen fand ich bei einsetzender Dunklheit meinen Weg zurück zum Fahrradverleih am Bahnhof und tauschte das Gefährt gegen meine Kaution zurück.

Verwandtschaftsbeziehungen
Zum Abendessen war ich bei Tante Wu eingeladen. Das ist zwar nicht ganz zutreffend ausgedrückt, richtig ist vielmehr, dass ich am Bahnhof in einem Restaurant der Kette diesen Namens, 吴大娘 (wú dà niáng: wörtlich: chinesischer Familienname Wu-groß-Frau) eingekehrt bin. Der deutsche Begriff Frau wird aber sonst folgendermaßen übersetzt:
女 nǚ Frau (weiblich) Radikal Nr. 38 = Frau, weiblich;
女人 nǚrén Frau;
女子 nǚzǐ Frau;
太太 tài tai (Ehe)frau;
(妈妈 māma Mama).
Die chinesischen Familien sind groß, das Zusammengehörigkeitsgefühl ist ausgeprägt und jeder Verwandtschaftsgrad hat seine eigene Bezeichnung, wobei es immer auf den individuellen Blickwinkel ankommt. Es gibt in China nicht wie im Deutschen einfach nur Brüder und Schwestern, Großväter und Großmütter, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, sondern nach Alter und Abstammung jüngere und ältere Verwandte mütterlicher- und väterlicherseits. Da man sich mit diesen Bezeichnungen auch anspricht, kann ein Außenstehender durch bloßes Zuhören herausfinden, in welcher Beziehung die Mitglieder einer versammelten Großfamilie zueinander stehen. Der jüngere Bruder ist der Di Di, der ältere der Ge Ge. Eine jüngere Schwester ist die Mei Mei, eine ältere die Jie Jie. Gibt es mehrere Schwestern und Brüder, wird durchnummeriert. Dann ist die zweitjüngere Schwester die Er Mei und der drittältere Bruder der San Ge. Ein Onkel mütterlicherseits heißt Xiao Jiu, wenn er jünger ist als die Mutter, ist er älter, heißt er Da Jiu; stammt er aus der väterlichen Linie und ist er jünger als der Vater, heißt er Xiao Shu, ist er älter, wird er Da Bo genannt. Natürlich unterscheidet man auch bei Cousins und Cousinen nach Alter, Abstammung und Rangfolge: ein Er Biao Di ist der zweitälteste Cousin mütterlicherseits, der jünger ist als man selbst, ein Tang Ge ist dagegen ein älterer Cousin väterlicherseits.
Da eine Frau mit der Heirat ihre eigene Familie verlässt und fortan der des Mannes angehört, obwohl sie auch weiterhin ihren Mädchennamen trägt, gelten ihre Angehörigen als die „von außen Kommenden“. Die Kinder nennen deshalb die Großeltern mütterlicherseits „äußerer Opa“, Wai Gong, und „äußere Oma“, Wai Po, während es väterlicherseits Ye Ye und Nai Nai heißen muss.
Eine 大娘 dàniáng ist die Frau des älteren Bruders des Vaters; im Deutschen kurz Tante; aber es ist auch die respektvolle Anrede für eine ältere Frau.

Abkassiert
Als ich im Kiosk kurz vor Abfahrt des Zugs eine Dose Pfefferminzbonbons bezahlen wollte, weigerte man sich an der Kasse mit lautem Aufschrei, meinen 100 Yuan-Schein anzunehmen: Falschgeld. Das war ein Schein aus dem Pfand für mein Fahrrad! So ein Schlitzohr, dachte ich, und überlegte, wie ich den faulen Schein wieder loswerden könnte. Aber dann wäre ich ja genauso ein Schlitzohr, wie das, über das ich mich gerade aufgeregt hatte. Da hat mich mein Mietfahrrad also doch tatsächlich soviel gekostet, wie ich bei härteren Verhandlungen bereit gewesen wäre von vorne herein zu bezahlen! Nicht so schlimm. Aber betrogen worden zu sein, ist ein schmerzhaftes Gefühl. Viel schlimmer als selber zu betrügen. Eben genauso, wie beim Schwarzer Peter-Spiel. Jedoch, an dem Gefühl kann ich gut erkennen, was ich nicht machen soll.

Dienstbesprechung
Erst später am Abend kam ich heim. Inzwischen sind vier weitere Professoren von der HAW-Hamburg hier eingetroffen, die zum Zweck der Vorbereitung der deutschen Reakkreditierung (die Akkreditierung eines Studiengangs wird immer nur für einen begrenzten Zeitraum, in der Regel drei Jahre, erteilt. Dann muss die Prozedur von einer anerkannten, unabhängigen Akkreditierungsgesellschaft erneut durchgeführt werden. Etwas flapsig und unkorrekt könnte man das im deutschen Umgangssprachgebrauch mit „Hochschul-TÜV“ beschreiben) der drei Studiengänge ein strammes Programm von Verhandlungen, Änderungs- und Korrekturbeschlüssen und Beiratssitzungen mit Vertretern aus Industrie und Wirtschaft mit den chinesischen Partnern von der USST zusammen in den nächsten zwei Wochen absolvieren müssen. Wir trafen uns zu einer dichtgepackten Dienstbesprechung in einem unserer Hotelzimmer und führten einen intensiven Informationsaustausch zur Lage des Shanghai-Hamburg-College aus, der zwecks Meinungsbildung zu einem ersten, heftigen Abstecken der verschiedenen Vorstellungen und daraus ableitbaren Konsequenzen führte.
Nach einem gefüllten Tag bin ich ohne mein Internettagebuch zu schreiben ins Bett gesunken.

Erkenntnis des Tages: Den besonderen Gewinn eines ereignisreichen Tages muss ich leider mit zeitaufwändiger Mühe um mein Internettagebuch teuer verzinsen.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Uni und Umgebung

Der Arbeitsalltag
Heute hatte ich einen fast „stinknormalen“ Vorlesungstag. Das besondere an meinem Seminar war, dass eine der muttersprachlichen Deutschlehrerinnen (DaF – „Deutsch als Fremdsprache“) an meinem Unterricht teilgenommen und mich und die Studenten währenddessen mit der Videokamera aufgenommen hat. Das gefiel mir recht gut, und ich hatte mich darauf auch entsprechend vorbereitet. Es gab auch eine sehr witzige Situation, die alle Studenten zum herzhaften Lachen gebracht hat. Sonst kommt das ziemlich wenig vor, denn wenn sie viele Worte in ihrem elektronischen Wörterbuch nachschlagen müssen, ist die Pointe des Witzfeuerwerks eigentlich längst verraucht, bevor sie den Sinngehalt erfasst haben. Das ist im Prinzip nicht so schlimm, wenn ich nicht befürchten müsste, dass viele auch meiner Vorlesung nur mit beschränktem Auffassungsvermögen folgen können. Ich habe inzwischen erfahren, dass ich von meinen chinesischen Studenten mit einem netten Spitznamen bezeichnet werde: 汉堡哥儿 hànbǎogēr. Das klingt fast wie Hornberger und bedeutet „älterer Bruder aus Hamburg“, wobei hànbǎo (wörtlich: Han ‚Eigenname‘-Burg) sowohl für die Freie und Hansestadt Hamburg steht, als auch für die Hamburger, wobei in diesem Fall die gleichnamigen „Fleischklopse mit Garnierung zwischen Sesam-Weichbrötchenhälften“ gemeint sind.
Zur Vorlesung gehört auch immer eine Nachbereitung, was ich gleich erledigt habe, und eine Vorbereitung der nächsten Stunde. Was für mich aber heute als Überraschung plötzlich auftauchte, war die zwar angekündigte Prüfung meines Maschinenbaukollegen morgen, die jedoch nicht nur seine Vorlesungsstunde, sondern auch meine an seine anschließende beanspruchen sollte. Nicht nur in der Zusammenarbeit mit den chinesischen Kollegen gibt es also bisweilen Kommunikationshürden zu überwinden. Das Positive, allerdings: das würde das erste Mal sein, an dem ich an einem normalen Werktag, an dem keine Ferien sind, frei haben würde und das galt es geschickt zu nutzen.

Ab um die Altstadt
Dennoch wollte ich den Nachmittag auch nicht ungenutzt verstreichen lassen. Ich entschloss mich, die Hefei Lu bis zu ihrem Anfang hinab zu fahren und von dort aus die Zhong Hua Lu entlang zu radeln.

Der Versuch einer Erklärung
中華 zhōnghuá heißt Mitte-Prächtig und ist die chinesische Bezeichnung für China – nicht für das Land, das heißt 中国 zhōngguó – nicht für die chinesische Sprache, denn die (in der Einzahl) gibt es ja gar nicht – nicht für die chinesische Ethnie, denn auch davon gibt es viele, wenngleich die Han-Chinesen überwiegen. Zhonghua heißt einfach China ist nicht gleich China. Das deutsche Wort China hingegen leitet sich ab von qín huá (das Land Qin, sprich: Chin). Qin im Westen war der mächtigste der sieben zuvor verfeindeten Staaten, die der Begründer der Qin-Dynastie und des inzwischen über zweitausendjährigen chinesischen Kaiserreiches zum „Reich der Mitte“ (antike Bedeutung: chinesische/zivilisierte Königreiche der Mitte: 秦僻在雍州 qín pì zài yōng zhōu: Qin-erfolgreich-sein-harmonisch-Land) vereinte.
Dieser überragende Herrscher hieß 秦始皇 qín shǐ huáng dì („Erster erhabener Gottkaiser von Qin“, 259 v. Chr. - 210 v. Chr.) Das Wort Qín war ursprünglich die Bezeichnung einer Reissorte und wurde später auch für das Tal verwendet, in dem diese wuchs. In diesem Tal lagen die Wurzeln des Staates Qin. Shǐ steht in der Übersetzung für beginnend oder anfangend. Huángdì bedeutet in etwa soviel wie göttergleich erhaben und ist eine Kombination zweier Wörter: huáng ist Bestandteil der Namen der drei mythologischen Souveräne, die vom Historiker Sima Qian in seinem von 109 v. Chr. bis 91 v. Chr. geschriebenen Werk Shiji erwähnt werden. Huáng bedeutet darüber hinaus zudem Glanz beziehungsweise Erhabenheit. Dì findet sich in der Bezeichnung der so genannten fünf mythologischen Kaiser (Wǔ dì), die angeblich unmittelbar nach den drei mythologischen Souveränen regierten. Qin Shihuangdi ist derjenige, für dessen Nachleben im Tod ein gigantisches, archäologisch noch unangetastetes Mausoleum mit der heute ebenso berühmten wie riesigen Terrakottaarmee im Vorfeld angelegt wurde, welche erst im Jahr 1974 zufällig von Bauern beim Brunnenbohren entdeckt wurde. Der schon erwähnte Historiker Sima Qian beschreibt in seiner Schrift die Grabhalle Qin Shihuangdis folgendermaßen:
„An einer hohen Decke wären tausende von Perlen und Edelsteinen befestigt worden, die den Sternenhimmel symbolisieren sollen. Auf dem Boden befände sich ein Panorama von China, in dem alle Seen und Flüsse aus Quecksilber nachgebildet wurden. Die Flüsse sollen durch einen Automatismus ständig fließen. In der Mitte der Halle befindet sich laut Sima Qian der Sarg des ersten Kaisers von China. Die Gänge zur Grabhalle seien gesäumt von Tonfiguren, welche vor allem Tiere und Vögel darstellen“. Was für ein noch ungesehenes, für Archäologen und die ganze Welt aufregendes Bodendenkmal, mit einer Giftfracht, die den „Fluch der Pharaonen“ sicher noch weit in den Schatten stellen wird.

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Der Altstadtring
Die Zhong Hua Lu unterscheidet sich von den hauptsächlich in Nord-Süd- oder Ost-West-Richtung verlaufenden Straßen Shanghais, weil sie ringförmig angelegt ist (im Norden heißt der Ring streckenweise Ren Min Lu) und so verläuft wie die damalige Stadtmauer, die 1911 niedergerissen wurde.
Ich umradelte, mir im heftigen Verkehr die Stadtmauer vorstellend, in netto vielleicht 30 Minuten (so genau weiß ich das nicht, weil ich zum fotografieren der Neubaumaßnahen – traurige Hochhausbauruinen und nette zweistöckige Neubauten – und der besonderen Verkehrsmittel und zum kaufen oft anhielt) die früher sogenannte Chinatown.
Das ist das eigentliche historische Shanghai aus der Zeit bevor die europäischen Imperialisten Mitte des 19. Jahrhunderts kamen und auf den Gebieten ihrer eigenen Konzessionen die neue, heute historische Stadt Shanghai im britischen, französischen, amerikanischen und internationalen Stil errichteten. Die chinesische Altstadt ist noch enger als das übrige historische Schanghai und von extrem schlechter, verfallener Bausubstanz zweistöckiger Holzhäuser.
Die bedeutendste Sehenswürdigkeit ist der Yu Yuan, der "Garten der Zufriedenheit“ mit dem berühmten Hu Xin Ting-Teehaus, das jetzt als exakte Kopie in Hamburg steht (Portion Tee dort 9 Euro; aber ein Teehausbesuch ist auch in Shanghai teuer: 50 Yuan). Die Gartenanlage des Yu Yuan umfasst 28 Gebäude auf einer Fläche von zwei Hektar und wurde 1559 von einem hohen Beamten der Ming-Dynastie gebaut. Der Yu Yuan ist in sechs Bereiche unterteilt, die jeweils eigene Gärten mit unterschiedlichen Themen zeigen, zum Beispiel ein Steingarten mit riesigen Jadefelsen, der Lotusblumenteich und der Zehntausend-Blumen-Turm. Das eigentliche Zentrum des alten Shanghai bildete der Cheng Huan Miao, der volkstümliche taoistische Tempel für den Stadtgott Shanghais, den ich schon mal am Anfang meiner Zeit in China beschrieben habe.
Verschiedenartiges Einkaufen
Umgeben ist dieser Bereich des Yu Yuan vom geschäftigen Basar. In der Fang Bang Zhong Lu, der Old China Street, die das Quartier im nördlichen Drittel von Ost nach West quert, habe ich noch einen bestellten Siegelstein für meinen Sohn zum Touristenpreis gekauft (gestaffelt für chinesische und westliche Touristen: wenn ich nach langen, zähen und von mir äußerst geschickt geführten Verhandlungen den Preis brutal auf unter die Hälfte gedrückt habe und der Händler ob dieses für ihn miserablen Geschäftsabschlusses seinen heraufziehenden Ruin beklagt hat und mir dann beim gehen seine Visitenkarte mit der Bitte um Weiterempfehlung in die Hand drückt, dann überfallen mich gelegentlich leise Zweifel, wie weit ich wirklich von den wahren Gestehungskosten entfernt bin).
Weiter weg von Touristenrummel, wo nur einheimische Chinesen anzutreffen sind, habe ich drei ganz kompakte Bambus-Dämpf-Körbchen und eine Zwanzigerpackung Stäbchen in einem Haushaltswarenladen mit integrierter Bambus-Küferei, die mich sehr an die Werkbank des Großvaters meiner Frau im Schwarzwald erinnerte und mit einer Drahtwarenwerkstatt (ein elend staubiger Laden mit lauter traditionellen chinesischen Haushaltsartikeln – kein Plastik) ohne zu verhandeln für umgerechnet 1,10 Euro erstanden.


Öffentlicher Nahverkehr
Auf dem Altstadtring fährt die Buslinie 11. Auf dieser Linie werden Elektrobusse mit Akkumulator-Speicherbetrieb eingesetzt. Leise und abgasfrei fahren sie von Haltestelle zu Haltestelle, wo zwei Bügel über dem Haltestellenbereich aufgebaut sind, an die der Fahrer (nach meiner subjektiven Beobachtung gibt es genauso viele Busfahrerinnen wie Busfahrer) Stromabnehmer automatisch andockt und bei einem gegenüber sonstigen Bussen etwas verlängerten Haltestellenaufenthalt die Akkus wieder (teil)auflädt.
Besonders gefallen mir die O-Busse, die ich für Innenstädte allgemein und sonderlich für Shanghai als hervorragend geeignete Verkehrsmittel ansehe, weil sie im Ballungsraum keine Luftverschmutzung verursachen. Shanghai versucht dieses Problem auch mit erdgasbetriebenen Bussen mit Verbrennungsmotor zu bekämpfen. Mit Verbrennungsmotor angetriebene Busse haben durchweg Schaltgetriebe; Automatikgetriebe habe ich noch nicht gesehen. Anhand der sichtbaren Mühe mancher Busfahrer beim Kurvenfahren erkenne ich, dass es auch Busse ohne Lenkkraftunterstützung gibt. Fahrtenschreiber sind in Bussen nicht eingebaut. Gehupt wird dauernd und ich habe drei Signale identifiziert, mit denen der Fahrer sich ausdrücken will: 1. Platz da, ich bin schneller und stärker; 2. Abstand halten, weil meine Bremsen nicht mehr so gut funktionieren; 3. Achtung, ich werde gleich abbiegen, aber mein Blinker ist außer Betrieb.
Shanghai hat das weltweit älteste ununterbrochen betriebene Trollybussystem (275 Trollybusse auf 15 Linien), welches bereits am 15. November 1914 eröffnet wurde. In Deutschland gibt es nur noch drei Städte mit O-Busbetrieb: Esslingen, Solingen, Eberswalde.
Auf der Linie 85 habe ich Schub-Gelenkbusse aus chinesischer Produktion gesehen, die den Antrieb auf der letzten Achse mit dem Motor ganz hinten haben und auf Strecken, bei denen die Busse durch enge Straßen fahren müssen, gibt es Busse mit extrem kurzem Achsabstand, damit der Wenderadius möglichst klein ist. Wenn diese Busse auf gerader, unebener Strecke schnell fahren, sieht es aus als würden Karnickel daher gehoppelt kommen – arme Passagiere. Die Linie 911 fährt mit Doppeldeckerbussen.
Besonders stark krempelt Shanghai den öffentlichen Nahverkehr um (oder ergänzt nur das Wachstum), indem U-Bahnlinien gebaut werden. Das wird selten in offener Bauweise, sondern hauptsächlich im Schildvortriebverfahren gemacht, erkennbar an den auf vielen Kreuzungen den Verkehr behindernden Portalkränen zur Ver- und Entsorgung der Tunnelröhren mit Tubings zum Stützen der Tunnelwände und vom Abraum der vom Bohrschild zerkleinerten Ortsbrust. Leider gibt es in Shanghai kein öffentliches Verkehrsnetz, sondern nur eine große Vielzahl von Verkehrslinien. Wenn zwei Metrolinien sich kreuzen, gibt es zwar an jeder Linie eine Haltestelle identischen Namens, aber keine Optimierung der Umsteigewege – da fühle ich mich stets elend lange unterwegs, wenn ich umsteigen muss. Gleiches gilt für den Anschluss der Bushaltestellen an die Metrolinien: ich kann keinen Zusammenhang erkennen; es gibt keine Fußgängerführung zu den Haltestellen. Obwohl ich überall gerne öffentliche Verkehrsmittel fahre, ziehe ich in Shanghai das Fahrrad vor (außer für sehr lange Strecken), weil ich bei der Benutzung von Bus und Bahn das Gefühl habe, doch irgendwie hauptsächlich zu Fuß unterwegs zu sein. Auto bin ich selber in Shanghai noch nicht gefahren, hätte aber mit dem Verkehrsgebaren hier ganz sicher keine Probleme. Allerdings, Parkplätze gibt es keine, weswegen für lange Strecken wiederum nur das Taxi (billig für deutsche Verhältnisse) in Frage kommt. Auf kurzen Strecken kann das Fahrrad, bezogen auf die Durchschnittsgeschwindigkeit, aber wieder nicht übertroffen werden. Und das Wetter ist bisher so, dass es mir richtig Spaß macht, auf den topfebenen (topfeben ist ein vergleichendes Bild in der deutschen Sprache; hier würde das niemand verstehen, weil immer nur im Wok gekocht wird) Straßen unterwegs zu sein.

Erkenntnis des Tages: Sich schneller als zu Fuß von Ort zu Ort bewegen zu können, ist Freiheit.

Dienstag, 7. Oktober 2008

wo ist das Besondere hin?

Studienbeginn
Heute ist ein Tag, bei dem ich bei aller Zufriedenheit mit meinem Aufenthalt hier in Shanghai bedauere, dass ich nicht zu Hause bin. Denn daheim zieht heute meine älteste Tochter aus, um ihr Universitäts-Studium in einer weit entfernt liegenden, fremden Stadt zu beginnen. Genau genommen fangen die Vorlesungen erst am 20. Oktober an, aber vorher wird für Freiwillige eine Einführung in das Studium und in die Örtlichkeiten am Studienort angeboten, was bei uns an der HAW, das bereits mit dem Wintersemester 2008/2009 begonnen hat, als offizieller Teil des Studiencurriculums, Orientierungswoche genannt, gilt. Bei meinen beiden Jungs hatte ich mich jeweils zum Auftakt ihres Studiums als Transporteur von Habseligkeiten zum Studienort und als Helfer bei der Einrichtung der Studentenbude verdingt und allzu gerne hätte ich das bei meiner Tochter auch getan.
Dafür sind Väter ja eigentlich da. Ich freue mich riesig über ihren Schritt in die Selbständigkeit und mache mir natürlich meine Gedanken: wird sie es schaffen? Kriegt sie die Kurve, das wesentliche zu tun und das unwesentliche zu lassen? Wie wird sich das mit dem Studium entwickeln, das ihr vor drei Monaten noch völlig unklar war? Immerhin habe ich meine eigenen Studierenden in der Bandbreite von Überflieger bis Versager vor Augen. Aber so ist es am Anfang immer: große Chancen und große Risiken. Das ist eine wirklich schöne Phase im Leben, die ich als Vater mit Stolz erlebe, wenn ich meine studierenden Kinder besuche; wobei zuerst die Spannung überwiegt: wird es klappen?, dann der Stolz am stärksten ist: mein Kind studiert (ich glaube erfolgreich!), und schließlich die Sorgen wieder das höchste Gewicht bekommen können: ob das wohl noch gut geht, so weit über die Regelstudienzeit hinaus! Dann kann es durchaus mehr Sorgen bereiten als Freude. Jetzt lasse ich sie, Gott befohlen, ziehen. Vielleicht werden wir ab jetzt nur noch ganz sporadische Besuche haben - immerhin liegt ihr Studienort nicht vor unserer Haustür.

Neue Gäste
Inzwischen, im Endspurt des Shanghai-Einsatzes für einen meiner Professorenkollegen, sind sein Sohn und seine Schwiegertochter zu Besuch in Shanghai und wohnen bei uns im Hotel. Das ist sehr geschickt, denn um für China ein Visum zu bekommen, muss man bei der Beantragung unter anderem schon eine Bescheinigung vorlegen, wo man wohnen wird. Und diese hat unser Hotel anstandslos mitsamt obligatorischem rotem Siegel ausgestellt gehabt. Wir sind zusammen zum Abendessen, in das von uns „Wartesaal“ genannte Lokal in der Ma Dang Lu (Pinyin ist die offizielle lateinische Lautschreibung für das Hochchinesisch, Pu Tong Hua genannt; allerdings wird es völlig uneinheitlich gehandhabt, ob die einzelnen Silben, wenn es zum Beispiel ein zusammengesetztes Hauptwort ist, zusammen oder einzeln geschrieben werden) gegangen. Dort wurden wir vom Personal mit Geschrei freudig begrüßt, als seien lange vermisste Verwandte bei den Familienmitgliedern wieder aufgetaucht. Dieser Empfang tut mir richtig gut und ist für mich ein Bonus, der als Gegengewicht meine sonst nicht so ganz vorhandene Akzeptanz der sehr simplen Lokalausstattung enorm nach oben treibt. Und das wichtigste: das Essen ist ziemlich kostengünstig, es schmeckt immer sehr gut, der Koch kommt jedes Mal heraus, um zuzugucken, wie es seinen langnasigen Gästen mit den eigenartigen Tischmanieren schmeckt. Wir sitzen in der Regel an Tisch 8; nunhaben wir zwei Tische zusammen geschoben. Ein weiterer Vorteil der großen Gruppe ist die Zahl der Speisen, die man bestellen kann: je Teilnehmer eine und eine extra, aber nicht sieben! Wir waren nun zu fünft, da ist die Auswahl und Abwechslung größer, ohne dass man zu viel bestellen oder essen muss – aber leider war es heute schon wieder mehr als ich mir vorgenommen hatte. An den Neuankömmlingen habe ich außerdem bemerkt, dass mir manche Dinge schon bekannt und vertraut sind, die sie noch in Erstaunen versetzen. Ich bin also gar nicht mehr neu hier.

Erkenntnis des Tages: Die Zeit der unverdorbenen Frische des beobachtenden Neuankömmlings ist für mich unbemerkt abgelaufen. Nun muss ich viel aktiver schauen (und auch wieder mehr fotografieren!), was ich tatsächlich tagtäglich erlebe.

Montag, 6. Oktober 2008

Deutsche Einheit

Leider habe ich heute keine Fotos zu bieten, weil ich einfach nicht daran gedacht habe zu fotografieren. Dabei hätte es durchaus Motive gegeben – dazu aber später.

Neuer Anfang
Als ich nach der Ferienwoche in der ersten Stunde am Morgen „vor meinen Studenten stand“, wie man meine Berufstätigkeit umschreibend gerne formuliert, waren drei Minuten vor Vorlesungsbeginn nur vier von ihnen anwesend. Zwar stürmten kurz vor dem Klingelzeichen ganz viele und kurz danach nur noch drei herein, dennoch blieben einige Plätze leer. Dabei gilt hier, anders als in Hamburg, auch bei den Vorlesungen Anwesenheitspflicht, und bei Versäumnis von 30 % gibt es keine Zulassung zur Klausur. Als erstes zeigte ich die Klausurergebnisse und erwartete Aufregung und heftige Reaktionen. Aber es herrschte eine stoische Gelassenheit und stille Kenntnisnahme. Nicht mal der doch jetzt erst zu spät hereinplatzende Student bat darum, seine Note noch nachträglich zu erfahren. Ich legte mit meinem Unterricht zu Thema Tiefziehen los und schafft es heute Morgen nicht, die Studenten an den Herleitungen der Rechenaufgaben zu beteiligen, alle waren still. Nach der Stunde kamen zwei von den sehr guten mit Fragen zu mir, und ich entdeckte sogar, dass ich an einer Stelle sehr unlogisch argumentiert hatte. Mangelnde Aufmerksamkeit oder fehlendes Verständnis hat also ganz sicher nicht bei allen zur von mir antizipierten Teilnahmslosigkeit geführt. Die Lösung erfuhr ich später von der Direktorin des Fachgebiets Maschinenbau, als wir die Ergebnisse meiner Klausur mit ihrer Kenntnis der Leistungen der einzelnen Studenten verglichen: Mein deutscher Maschinenbaukollege hatte nach seinem Praktikum vor einiger Zeit eine schriftliche Hausarbeit, ein sogenanntes Laborprotokoll, was in Hamburg selbstverständlich jedes mal gemacht werden muss, mit Abgabedatum heute aufgegeben. Gestern waren die Studenten aus der Ferienwoche zurückgekehrt und hatten in der Nacht erst mit der Hausaufgabe angefangen(!). Dabei war es sehr spät geworden. Um halb acht heute Morgen hat die Direktorin durch die Klassensprecher alle in den Schlafräumen wecken und aufscheuchen lassen. Alle litten heute unter blanker Müdigkeit. Mein Kollege war sauer, dass die Hausarbeiten nicht rechtzeitig abgegeben wurden und dazu noch unvollständig. Die Direktorin erklärte mir das dramatisch schlechte Abschneiden einiger Studenten in meiner Klausur mit für mich erstaunlich weitreichenden Kenntnissen über das private Umfeld jedes einzelnen Studenten. Ein generelles Problem sei, dass diese Gruppe einen extrem häufigen Wechsel der Person der Betreuungslehrkraft habe durchmachen müssen. Die ganz schlechten kämen aus fernen Provinzen und sähen ihre Eltern nur ein oder zweimal im Jahr, sodass sie alle nicht genug beaufsichtigt und angetrieben würden. Kulturell und gesellschaftlich bedingt unterscheidet sich das Akademische Leben in China von dem in Deutschland erheblich: während bei uns ein Lebensabschnitt der Eigenverantwortung für die Studierenden beginnt, leben die Studenten in China kaserniert in ganz engem Vorgabenkorsett. Die chinesischen Professoren kennen hier ihre Studenten persönlich, es gibt für die Studenten keine Möglichkeit auszuscheren, während die Studierenden in Deutschland an manchen Universitäten erst ganz spät im Studium überhaupt einen Kontakt zu ihren Professoren bekommen und manche Professoren oft vor einer unpersönlichen Masse unzählbar vieler Studenten lesen, wobei das Schicksal des einzelnen Studenten niemanden interessiert. In China kann man in unserem Sinne auch nicht „durchfallen“ oder gar wegen mehrfachen Prüfungsversagens zwangsweise exmatrikuliert werden: jeder bekommt ein Abschlusszeugnis, im schlimmsten Fall eines ohne Noten, was lediglich einer Teilnahmebescheinigung gleichkommt.

Honorig empfangen
Am Abend war ich im Radisson Plaza Xingguo Hotel in der Xingguo Lu zum Empfang, den der Deutsche Generalkonsul für alle Landleute anlässlich des Tages der Deutschen Einheit gegeben hat. Ich war dadurch in die Lage versetzt worden, meinen neuen Anzug mit meinem neuen Maßhemd auszuführen, denn im Einladungsschreiben stand Dunkler Anzug. Das Wetter ist so merklich abgekühlt, dass ich ohne Schweißausbrüche im Anzug herumlaufen konnte; allerdings ist es auch noch so warm, dass ich auch nachts noch im kurzärmeligen Hemd und in Sandalen herumlaufe, was, von den besonderen Anlässen mal abgesehen, bisher meine einzige Bekleidungsform ist. Beim Empfang herrschte drängende Enge wie unter Chinesen in der U-Bahn. Aufgefallen ist mir sofort, dass ich nicht mehr über alle Köpfe hinweg schauen konnte. In dieser bundesrepublikanischen Sonderzone fiel mir auf, dass Chinesen nicht nur schlank und zierlich, sondern durchweg von geringer Körpergröße sind. Dass ich überall deutsch hörte und alles verstand, was die Sprecher sich sagten, kam mir zunächst auch „fremd“ vor. Nach dem Defilee händeschüttelnd am Generalkonsul, seiner Gemahlin und weiteren zehn offiziellen Wichtigkeiten vorbei, gab es Wein und Smalltalk in einem Saal, in dem eine Lautstärke herrschte, als wären es lauter Han-Chinesen, die sich da unterhalten.

Reden lauschen
Dann wurden erst die chinesische und anschließend die deutsche Nationalhymne abgespielt; bei letzterer versuchten einige meiner Landsmänner den Text der dritten Strophe mitzusingen, allerdings wurden sie deutlich übertönt von anderen, die partout nicht in ihrer Konversation einhalten wollten und noch anderen, die laufend mit lautem „Pardon“ sich den Weg zum Getränkeausschank durchkämpfen mussten, womit der Spruch bewiesen wäre: „Durst ist schlimmer als Heimweh!“ 59 Sekunden später setzte der Generalkonsul mit seiner Rede an, die er zwar selber Satz für Satz auch korrekt ins Englische übersetzte, aber nicht richtig ins Mikrofon sprach. Unterbrochen wurde er lediglich von einer chinesischen Konsularmitarbeiterin, die seine Worte in klarem, deutlich verstehbarem Chinesisch über die Lautsprecheranlage in den Saal trug. Richtig hängen geblieben ist mir nur, dass der Herr Generalkonsul von der „Wiedervereinigung“ Deutschlands sprach, was ich aus dem Mund des höchsten Vertreters der Bundesrepublik Deutschland in Shanghai für so unangemessen dargestellt finde, dass mir eine Nachschulung durchaus empfehlenswert erschien. Vielleicht hätte ein gewisser Herr Schröder, ein weltweit bekannter Vertreter des russischen Gaspipelinebaus, der zufällig gerade in Shanghai weilt und für eine begrenzte Zeit der dichtgepackten Teutonenansammlung seine Aufwartung machte, im Rückblick auf eine früher von ihm in Deutschland ausgeübte Berufstätigkeit dem Generalkonsul Formulierungshilfe geben können, aber ich vermute mal, dass meine kleinkarierte Denke in seinen auf kosmopolitische Globalwirkung ausgerichteten Hirnwindungen keinen Platz hat. Herr Schröder war sehr begeht als belebender Ausstattungsgegenstand (vielleicht vergleichbar, wie wenn man im Eurodisney in Paris zufällig auf Mickey Mouse trifft und sich dann mit ihm zusammen ablichten lässt) für Portraitaufnahmen anwesender Bundesbürger, die ihrem Lebenssong „I‘ve Been Everywhere“ (das Originallied und auch die deutsche Version sind hörenswert!) gerne noch eine weitere Strophe hinzufügen wollten. Dabei spielte die parteipolitische Präferenz in diesem Moment überhaupt keine Rolle mehr; hier waren alle trennenden Grenzen und Wälle für eine Blitzlichtlänge von 1/60-Sekunde eingeebnet.

Speisen
Ich konnte mich leider, leider nicht mit Herrn Schröder fotografieren lassen, weil am kalten Buffet ein solches heißes Gedränge entstand, wie Reinhard May das in einem seiner Songs beschrieben hat und ich dringend befürchten musste, die Bundesrepublik Deutschland würde Peer Steinbrücks Haushaltsdefizit ausgerechnet mit Sparmaßnahmen in Shanghai zu bekämpfen versuchen. Ich reihte mich geschickt von links kommend ein und hatte nach beträchtlicher Wartefrist mit heftigem Gegenverkehr zu tun, weil der Food und Beverage Service die Teller auf beiden Seiten des Buffets platziert hatte. Wahrscheinlich waren das Chinesen, die die Shanghaier Straßenverkehrssituation vor Augen und sowieso nichts anderes im Sinn hatten, denn schließlich seien die Deutschen zum Feiern ihrer Einheit heute zusammen gekommen. Zum Essen suchte ich mir einen Platz an einem der verschwindend wenig vorhandenen Stehtischen und ergatterte tatsächlich einen im großen Saal, nahm Kontakt mit meinem Stehnachbarn auf, der mir sofort gellend ins Ohr schrie und versuchte zu erklären, was er in Shanghai tut. Damit konnte er zwar die höllisch laut spielende Jazzband übertönen, aber mich nicht erfreuen, weswegen ich sofort nachdem ich mein Tellerchen aufgeputzt hatte, unter dem Vorwand nachfassen zu müssen erneut am Buffet vorbeiging und nachlud. Meine Befürchtungen um die Nahrungsmittelknappheit waren unbegründet, denn lauter Namentlich auf einem Plakat im Foyer aufgeführte deutsche Firmen mit Sitz in Shanghai hatten was springen lassen und so den Abend für die erwartungsgierigen Deutschen gerettet. Ich verzog mich ins duster beleuchtet Zelt vor dem Saal, wo es das Bayrische Bier gab, stark nach feuchtem, frisch niedergetrampeltem Gras roch und mogelte mich erneut an einen Stehtisch heran.

Plaudern
Dort bewegte ich mich vorläufig nicht mehr weg, denn ständig wurde ich in neue interessante Gespräche mit richtig in Shanghai als Expats residierenden Deutschen verwickelt, die ich ordentlich ausfragen konnte und die es offensichtlich ganz angenehm fanden, dass ein richtiger Professor sich richtig für Ihre Situation interessierte. Ich wurde dem katholischen der beiden Pfarrer der Deutschen Christlichen Gemeinde in Shanghai vorgestellt, der mit mir Kontakt aufnehmen will, lernte drei Ehepaare kennen, von denen eins mich nächste Woche in seinen Compound einladen will (mal sehen, was daraus wird) und wurde von einem Arzt angesprochen, der in Hamburg am UKE seine Facharztausbildung gemacht hat und meine Lions-Nadel an Revers sah und fragte, ob er nicht aus der Ferne Mitglied in einem Hamburger Lions-Club werden könnte, weil es sowas in Shanghai noch nicht gibt. Ein anderer aus dem Textilgewerbe bat mich, ihm gute Studenten vom Shanghai-Hamburg-College zu vermitteln, weil wegen des riesenhaften Konjunkturwachstums die Fluktuationsrate bei 35 % liegt, denn Chinesen wechseln den Job schnell, wenn sie woanders ein paar Yuan mehr geboten bekommen. Es waren aufschlussreiche, amüsante und angenehme Gespräche und Menschen, die ich da kennenlernte. Nachdem ich alle meine Visitenkarten aufgebraucht hatte und das vom Generalkonsul angegebene Empfangsende schon lange überschritten war, ging ich schließlich auf die Suche nach meinen deutschen und chinesischen Kollegen vom Joint-College und fand sie noch nicht aufbruchsbereit, sodass wir zum plaudern noch einen Stuhlkreis bildeten, nachdem ich, ausschließlich aus Ehrfurcht vor der Heimat meiner Frau und unserer heute so geliebten Wahlheimat Hamburg, mich ordentlich mit Schwarzwälder Kirschtorte und Roter Grütze mit Sahnehalbgefrorenem als ernstgenommenem landsmannschaftlichen Bekenntnis ausgerüstet hatte. Herr Schröder war längst nicht mehr da, den Herrn Generalkonsul konnte ich auch nicht mehr ausmachen, aber zum Glück war der Riesling noch nicht ausgegangen, so dass wir den netten Abend noch weiter sehr angenehm ausklingen lassen konnten.

Erkenntnis des Tages: Je netter der Abend, desto nachteiliger wirkt es sich auf meine persönliche Energiebilanz aus, die ich mir vorgenommen habe, noch eine geraume Zeit auf niedrigem Niveau zu halten. Ab Morgen wieder.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Erscheinung am Himmel

Kirchgang
Dank meiner sehr lohnenden Eskapade in der vergangene Nacht, schaffte ich es nicht, so früh aufzustehen wie geplant, um in dem 9.00 Uhr-Gottesdienst der Mu’en-Kirche in der Xi Zang Zhong Lu beizuwohnen; ich werde versuchen, nächste Woche dort hinzugehen. Stattdessen radelte ich dann gerade noch rechtzeitig zum 10.00 Uhr-Gottesdienst in die Shanghai Community Church (direkt hier am Hotel gibt es noch die St. Paulus-Kirche mit fremdsprachigen Gottesdiensten – auch Deutsch – , die ist aber noch bis November wegen Renovierung geschlossen, und die evangelische Allerheiligenkirche, wo aber nur chinesischsprachiger Gottesdienst abgehalten wird).
Dort kam ich eigentlich zu spät an, um im überfüllten Kirchenschiff noch einen Sitzplatz zu bekommen (späte Besucher werden in die Übertragungsräume umgeleitet). Aber weil die englische Simultanübersetzung auf der Empore in Kopfhörer übertragen wird, konnte dort noch unterkommen; neben einem Ehepaar aus Texas. Es stellte sich heraus, dass der Mann im Sino-Britisch-Institut als Mathemathik-Dozent arbeitet, einen direkten Einjahresvertrag mit der USST hat und insgesamt gerne noch zweimal verlängern möchte. Nach dem Gottesdienst sind die beiden dann ziemlich schnell verschwunden, so dass ich mich auch langsam auf den Rückweg machen wollte. Ich kam dabei am Elektrokaufhaus in der Fuxing Lu vorbei und habe gleich die ganzen dort erhältlichen Wünsche meiner Lieben zu Hause einkaufen können.

Kulturbeflissenheit
Für den Abend haben meine beiden E-Technik-Professorenkollegen und ich uns wieder mal zu einem „Kulturprogramm“ verabredet (mindestens einmal in der Woche). Dabei hatte ich wegen des dichten Nebels am Morgen, der allmählich in Dunst und dann in Smog überging, Bedenken. Trotzdem sind wir losgezogen, für 24 Yuan ging’s mit uns drei Personen mit dem Taxi zum Da Ning Ling Shi Park, wo wir gleich beim Aussteigen von freundlichen jungen Männern empfangen wurden, die uns schon mal Eintrittskarten vermitteln konnten, sogar für 100 Yuan pro Stück statt für 180 Yuan. Aber das aufgedruckte Datum stimmte und wir brauchten uns auch keine Sorgen zu machen, wo wir denn die Karten regulär kaufen könnten; stattdessen leisteten wir uns in der gesparten Zeit in einem Schnellimbiss ein Menü mit drei Speisen für 27 Yuan pro Person und wurden dort sogar bedient, woran ich mich immer noch nicht gewöhnt habe: der Personaleinsatz ist irgendwie nirgends das Preistreibende, stets gibt es Heerschaaren von Kümmerern (und Kümmerer-Zuguckern), aber nie will jemand dafür Trinkgeld haben.
Gut gesättigt marschierten wir zum großen Parkeingang, durchschritten das Ordner-Spalier mit Phantasie-Uniformen ausgestatteter, allein schon zahlenmäßig überwältigender Ordnungskräfte und schlüpfen dann die zwischen spanischen Reitern zur Einlasskontrolle, wo ein übereifriger Aufpasser uns hämisch als Ertappte ausrief und gleich wieder durch die Ausgangsspur zurück schicken wollte. Wir begriffen nicht was los war, bis wir gezeigt bekamen, dass, die auf unseren Karten mit ihren Nationalfahnen abgedruckten Teilnehmerländer China, Portugal und Italien bereits am 2. Oktober 2008 beim "OVERJOYED Music Fireworks Show of 2008 Shanghai Tourism Festival and 3rd China International Music Fireworks Competition” ihren Auftritt gehabt hatten. Er redete die ganze Zeit auf chinesisch auf uns ein und wir antworteten mit gleichem Wortschwall auf deutsch, aber ihn interessierte nicht, dass wir plumpen Betrügern aufgesessen waren, die hervorragende Fälschungen nachgedruckt hatten, was bei uns offensichtlich zu ziemlich ratlosen und bedröppelt dreinblickenden Gesichtsausdrücken führte.
Plötzlich griff die Polizei ein. Ein korrekt uniformierter Staatsvollzugbeamter ergriff die Initiative und löste mit seiner Direktive den Fall pragmatisch, indem er ins in den Park hinein verwies. Wir gehorchten natürlich unverzüglich und ich nahm mir vor, die Schanghaier Polizei als ausgesprochen Ausländerfreundlich und gut präpariert auf das Großereignis Expo 2010 in meinem Internetblog zu erwähnen. Wir wanderten bis zu einem riesigen Areal, wo Menschenmassen geordnet auf Plastikstühlen saßen und schwatzend ein paar Flakscheinwerfern und erweiterten Ampellichtern bei Musikdröhnung aus Lautsprechern zusahen, die sehr nett, aber langweilig auf dem ruhigen Wasserspiegel des davorliegenden Sees in der nächtlichen Dunkelheit reflektiert wurden. Nach einiger Zeit ging es los: Es krachte, eine paar Raketen stiegen in den Himmel und dann erfolgten Ansprachen und Ankündigungen.


Als endlich ein Amerikaner sprach und schließlich zum gemeinsamen Countdown auf englisch aufforderte, wussten wir, dass als erste Wettkampfnation heute die USA dran waren, die mit einer fulminanten Ouvertüre starten – und dann war nix; anschließend wieder nix, bis eine Durchsage kam, aus der hervorging, dass ausgerechnet bei der World Leading Nation ein technisches Versagen den Auftritt versaute.
Kurze Zeit später war Hánguó dran, ein uns zunächst unbekanntes Land, das ein sehenswertes Feuerwerk abbrannte. Dann kam, an der spanischen Ansage erkennbar, die Hispanische Nation dran, die das exorbitanteste Feuerwerk in Rauchschwaden umwandelte, das ich je gesehen habe. Zudem passte die Abbrennchoreographie so hervorragend mit der eingespielten, die Nation repräsentierenden Musik zusammen, dass ich richtig ins Schwärmen geriet. Auch die Knall-, Rassel-, Zisch- und Unbeschreibbargeräusche waren für mich neu und überraschend.
Außer mir gefiel das ganze auch den (gefühlt) ca. 200.000 anwesenden Chinesen, die sich sicher sowas ähnliches öfters anschauen. Ganz zum Schluss durften die Amerikaner nochmal dran. Aber erstens konnten Sie die Scharte nicht mehr auswetzen und was sie boten, fiel zweitens hinter die Spanier drastisch zurück. Nur die Lautstärke der Kracher, die meinen Hosenboden auf dem Plastikstühlchen erzittern ließen, war etwas Besonderes. Aber damit allein werden Sie den Irak auch nicht befrieden können. Am Vorabend des Nationalfeiertags, als ich so dringend auf ein Feuerwerk spekuliert hatte, waren übrigens Russland, Japan und Deutschland dran. Deutschland heißt auf Chinesisch Déguó und bedeutet „Tugend-Land“. Das zunächst unbekannte Hánguó entpuppte sich als Süd Korea.
Den Rückweg, kuschelig eingekeilt in hinausströmende Chinesen, legten wir ohne langen Fußweg und mit erträglicher Umsteigestrecke per U-Bahn und Bus zurück und mussten dafür auch 5,30 Yuan Bahn- und 2 Yuan Bustarif zahlen. Wir waren richtig stolz auf uns, was für begeisterndes Kulturprogramm wir uns bisher stets ausgesucht haben.

Erkenntnis des Tages: Spät erfüllen sich doch noch viele Wünsche. Deswegen ist Geduld eine Tugend.

Samstag, 4. Oktober 2008

Klausurkorrekturen

Gar nicht langweilig
Eigentlich ist mein heutiger Tagesablauf ganz schnell erzählt, denn mit Ausklingen der Ferienwoche, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können, und bei trübem Wetter habe ich mich entschlossen, jetzt meine Klausuren zu korrigieren und dann statistisch auszuwerten. Ich machte mir also eine schöne Tasse Tee (und im weiteren Verlauf noch mehrere), stellte am Laptop eine angenehme Musik ein und konzentrierte mich voll auf die Klausuren, die ich pünktlich um 18.00 Uhr dann vollständig durchkorrigiert, in meine Excel-Tabelle eingepflegt und zur Präsentation vor den Studenten aufbereitet hatte – ein gutes Gefühl, fertig zu sein! Die Ergebnisse dieser ersten Klausur, die mit 40 % in die Gesamtnote eingehen wird, ist „S-förmig“: Sieben Studierende haben exzellente Ergebnisse abgeliefert, weitere sieben gute, wobei bei diesen vierzehn eine kontinuierlich steigende Punktezahl die einzelnen voneinander unterscheidbar macht. Die große Menge dümpelt im Mittelfeld mit nicht wesentlich unterschiedlichen Punktzahlen und Ergebnissen, die im deutschen Notensystem „befriedigend“ und „ausreichend“ heißen. Und dann gibt es einen Schwanz von neun Studenten, die nicht bestanden hätten, wäre dies die endgültige Klausur gewesen, davon sechs, die hoffnungslos schlecht abschnitten. Nach den Ferien habe ich eine ausgiebige Besprechung meiner Einschätzung mit der Direktorin des Fachbereichs Maschinenbau verabredet.
Einer der Professorenkollegen hatte eine Chinesin zu Besuch, die heute in Shanghai arbeitet und zuvor in Deutschland studiert und anschließend an einem Forschungsprojekt in Deutschland mitgearbeitet hat. Mit ihr zusammen sind wir im Restaurant der Mensa der Medizinischen Hochschule zum Essen gewesen. An diesem Abend fand die Feier eines Hochzeitspaares für den Freundeskreis statt, wo es außer dem Essen auch kleine Showeinlagen, witzige Lieder auf das Brautpaar und allerlei andere Amüsements zu hören gab. Wir waren zwar in ein Separee bugsiert worden; an diesem Abend kam ich mir aber etwas wie ein Fremdkörper vor und fühlte mich nicht ganz entspannt. Nachdem sich die Chinesin verabschiedet hatte, trafen wir Kollegen uns noch zu einer Besprechungsrunde, die den Abend doch noch recht kurzweilig abrundete.

Das normale Leben
Anschließend bin ich trotz guten Vorsatzes aber doch nicht gleich ins Bett gegangen, sondern habe mir auf einer DVD den Film „Eat, Drink, Man, Woman“ angeschaut, den einer der Kollegen wärmstens empfohlen hatte, weil in der Anfangssequenz gezeigt wird, wie ein Chinesischer Meisterkoch der traditionellen chinesischen Küche die vielfältigen Vorbereitungen für ein Mahl trifft. Diese DVD hatte ich mir hier besorgt (Chinesisch mit Deutschen Untertiteln); aber statt nur die Eingangsszene anzuschauen, habe ich den ganzen Film bis zum Schluss und bis spät in die Nacht mit großer Spannung verfolgt. Irgendwie fühlte ich mich, trotz der fremden Kultur, in der er spielt, persönlich ziemlich angesprochen:
Der verwitwete Meisterkoch, Herr Zhu, und seine drei erwachsenen Töchter leben gemeinsam in einem alten, gepflegten Haus in einem ansonsten von Hochhäusern geprägten zentralen Bezirk der Hauptstadt Taipeh auf Taiwan. Gezeigt wird der nicht immer einfache Loslösungsprozess der Töchter vom Elternhaus und dem teilweise autoritären Vater. Liebe und Familie, d. h. die Suche nach dem passenden Partner fürs Leben, sind neben der Kochkunst das zentrale Motiv des Films. Dabei handelt es sich, wie der Titel des Films andeutet, um die essentiellsten Bedürfnisse eines jeden Menschen: Essen, Trinken, Mann und Frau.
Dem Witwer sind Traditionen heilig und so ist das gemeinsame Sonntagsmahl regelrecht zu einem Ritual geworden. Meister Zhu, ohne den das Spitzenrestaurant, bei dem er als Chefkoch arbeitet, dem Untergang nahe ist, stellt aber fest, dass ihm zunehmend der Geschmackssinn verloren geht, trotzdem versucht er sich jedes Mal selbst zu übertreffen. Das allsonntägliche Abendessen bietet vorgeblich zwar die Möglichkeit für die Familienmitglieder, sich auszutauschen, seinen Töchtern fallen die ausgedehnten Mahlzeiten aber zunehmend zur Last, denn sie wollen auf eigenen Füßen stehen und endlich das Nest verlassen. Daher herrscht meist eisige Stille an der Tafel. Bis die Jüngste aus heiterem Himmel einen zukünftigen Ehepartner vorzustellt, worin die Züge der Komik in dem ansonsten eher als (heiteres) Drama zu kategorisierenden Film liegen. Die größte Überraschung bietet am Ende der Vater selbst, der während des Essens erklärt, dass er die ehemalige Schulfreundin seiner ältesten Tochter heiraten will. Die älteste und die jüngste Tochter, die im Laufe des Films einen Mann fürs Leben gefunden haben, und nun auch der Vater, verlassen das Haus. Zurück bleibt die zweitälteste Tochter, die schon immer gerne auch den Beruf der Köchin erlernt hätte, sich aber unter dem Erwartungsdruck des Vaters diesen Lebenstraum nicht wagte zu erfüllen, sondern studierte und als Managerin Karriere macht. Nun, am Ende der Erzählung, serviert sie ihrem Vater eine so gute Suppe, dass dieser wieder schmecken kann.

Erkenntnis des Tages: Manche Lebenssituationen gibt es überall. Bedeutungsvoll ist es erst, wenn man sich darin wiederfindet.

Freitag, 3. Oktober 2008

Zwei Anbetungstempel

So Lange
Inzwischen habe ich erste Rückmeldungen zu meinem Internettagebuch bekommen: meine Berichte seien zu lang – zum lesen. Na ja, ich hatte immer schon Schwierigkeiten, mich kurz zu fassen, mal sehen, was sich machen lässt. Ich habe den Tag der Deutschen Einheit mit Arbeiten verbracht, wollte aber nicht den ganzen Tag Stubenhocker sein und bin dann noch einmal zur Longhua-Pagode geradelt. Das erste Mal kam ich zu spät dort an und konnte nirgends mehr hinein; heute startete ich mit der Gedenkstätte für die Shanghaier Märtyrer der Revolution, wo heute ausnahmsweise freier Eintritt war.



Der Zugang wirkte auf mich so pompös wie der Weg zum Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. Im Unterschied zu dort ist hier das Gelände aber wie ein chinesischer Garten angelegt mit Wasserläufen, bizarren Steinformationen und wunderschönen, verschiedenartigen Bäumen. Ich lustwandelte trotzdem nicht, sondern bewegte mich geradewegs auf das Museum der Märtyrer zu, das unter einer Glaspyramide angelegt ist, die die Ausmaße derjenigen im Innenhof des Pariser Louvre hat.

Heldengedenken
Vorbei ging’s an Monumentaldenkmälern, die Allegorien auf den heldenhaften Kampf der Heroen darstellten. Ich hatte den Eindruck, dass sie aus frühen Zeiten stammen mussten, als die Chinesen so etwas noch nicht selber machen konnten und noch freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion unterhielten, denn die Gesichter der Relieffiguren und vor allem die Proportionen der zahlenmäßig gleichrangen weiblichen Gestalten zeigen die slawische Größe der unermesslichen Weite Mütterchen Russlands und nicht das persönliche Understatement der dichtbesiedelten Ostküste des Reichs der Mitte, wo jeder wegen der drangvollen Enge persönlich zurückstecken muss, um für seinen Nächsten noch Platz übrig zu lassen.

Im Museum ging es um die Ehrung der Helden, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein ihr Blut für Shanghai vergossen hatten. Das ganze war legendenhaft überzogen und verklärt, aber es wurden alle Verteidiger der Vaterstadt geehrt, begonnen bei den Soldaten und Offizieren des Kaisers der Qing-Dynastie, die 1842 den britischen Aggressoren im Opiumkrieg verlustreich, aber letztlich besiegt tapfer Widerstand boten. In mehreren Hallen konnte man die Geschichte seitdem aus der Perspektive des Einsatzes von Leib und Leben unzählbarer und im Dunkel der Geschichte verschollener Menschen verfolgen, wobei das Bemühen im Vordergrund stand, wenigstens die Namen einiger Personen stellvertretend für viele andere mit ihrem persönlichen Beitrag herauszustellen. Selbstverständlich stand das Massaker von 1927 besonders im Vordergrund. Damals organisierte die Kommunistische Partei Chinas in Shanghai einen Generalstreik der Arbeiter gegen die ausländischen Mächte und die Generalität. Die Ausländer, die Tschiang Kai-shek und seine Kuomintang (Chinesische Nationalpartei) unterstützten, erwarteten, dass er diesen Streik niederschlagen würde, was er aber aus taktischen Gründen nicht selbst tun wollte. Tschiang öffnete seine Waffenlager für die Angehörigen der Triaden (kriminelle Vereinigungen in China ähnlich der Mafia), und in den nächsten Tagen füllte sich die Stadt mit den schwerbewaffneten Gangstern, die ein Massaker an allen Kommunisten und vielen Arbeitern begannen. In den folgenden Wochen und Monaten löschten sie die dort sehr starke kommunistische Organisation und Basis praktisch vollständig aus. Das war das Ende der Einheitsfront und der Beginn des Bürgerkrieges.
Die Ausstellung zeigt hauptsächlich Fotos und Dokumente, verbunden mit erklärenden Texten. Das ist natürlich zu mager für ein Museum, weswegen gegenständliches mühsam (an den Haaren herbeigezogen) hinzugesellt wurde: hier war es das Reiseköfferchen, dort die Brille, Uhr, Siegelstein, Füller, Notizbuch, Hut oder Jacke aus dem Besitz eines anderen, die man bewundern sollte.

Telegrammstil
Ein ausgestelltes Original-Telegramm Mao Tsetungs an die Witwe des Märtyrers Li Gonpu (Lee Kun-po) entschlüsselte für mich, wie Telegramme im Chinesischen damals übermittelt wurden. Die ersten sechs Worte lauten: 2232 6567 8621 0361 2883 1133 0086 … Jede vierstellige Zahl steht für ein chinesisches Schriftzeichen, das im Telegrafenamt nach dem Nachrichtenempfang darüber gestempelt wurde. Daraus kann man messerschaft schließen, dass mit weniger als 10.000 Schriftzeichen alles gesagt werden kann, was es wert sein könnte, telegrafisch übermittelt zu werden, wobei 万 wàn sowohl für die Zahl zehntausend steht als auch die Bedeutung sehr viel, zahllos, unzählig hat. Mir kommen schon die ersten 100 Zeichen meiner Kleinkinder-Übungshefte unerreichbar viel vor.


Hamburg, das Tor zur Welt
In der letzten Halle der Märtyrer der Jetztzeit vor dem Ausgang, die im Ausland für die Sache Shanghais ihr Leben ließen, erregte eine Vitrine meine spezielle Aufmerksamkeit, weil sie mit Hamburg zu tun hatte: Zhang YongQing, ein 37-jähriger Shanghaier Teppichhändler aus Dinghai war in Hamburg unter polizeilich unaufgeklärten Umständen zusammen mit seinem chinesischen Chef in ihrem Appartement im gutbürgerlichen Stadtteil Groß-Borstel brutal mit Methoden, wie sie im Vietnamkrieg angewendet wurden, gefoltert und ermordet worden. Ich recherchierte im Internet später einen Spiegelartikel (DER SPIEGEL 39/1988 vom 26.09.1988, Seite 114b-115), der den Vorgang beschrieb. Mysteriöse chinesische Schutzgelderpresser oder politische Geheimdienstagenten sollen als Täter in Frage gekommen sein. Erster Bürgermeister Henning Voscherau weilte zu jener Zeit gerade in der Hamburger Partnerstadt Shanghai und schrieb der Witwe einen handgeschriebenen Brief, der heute mit der Übersetzung des deutschen Generalkonsulates ausgestellt ist. Um dem chinesischen Betrachter das Ganze plastisch begreifbarer zu machen, liegt das persönliche Notizbuch mit deutschen Aufzeichnungen Zhangs aufgeschlagen in der Vitrine.


Geheimdokument?
Die erste Eintragung lautet: den Kuchen mit Schokoladenkrem bestreichen. Und weiter hinten heißt es: bei der Steuererklärung etwas verkehrt machen. Entweder sind das die harmlosen Deutschübungen eines chinesischen Expatriots in der Hansestadt, für den die wichtigen Dinge des Lebens in exakt richtiger Reihenfolge notiert sind: 1. Essen, 2. Geschäfte, und der von der kriminellen Auslandsorganisation einer heimatlichen Triade wegen Weigerung von Schutzgeldzahlungen als Warnung für die anderen Chinesen in Hamburg öffentlichkeitswirksam liquidiert wurde oder es handelt sich um geheimcodeverschlüsselte, harmlos wirkende Textbausteine, die ein als Teppichhändler getarnter Under-Cover-Agent am Vorabend des Untergangs des Kalten Krieges schnell noch absetzen musste, um die Weltrevolution vielleicht doch noch erleben zu dürfen und woran er vom politischen Gegner erbarmungslos gehindert wurde. Da ich die Wahrheit vielleicht nie würde erfahren können, verließ ich diese Kultstätte und wandte mich der nächsten im Longhua-Tempel zu, welchen ich, nach Zahlung des Eintrittsopfers von 10 Yuan durch das Pailou (牌楼 „Inschriftentafel-mehrgeschossiger Bau“), einem Scheintor, betrat.

Noch ein Kloster
Das Pailou ist ein Element der chinesischen Architektur, wird aus Holz oder Stein errichtet, mit geschwungenen Dächern versehen und hat mehrere Bögen. Pailous habe ich an vielen Stellen in Shanghai erblickt. Der buddhistische Longhua-Tempel begeisterte mich heute nicht sehr, denn er ist im Vergleich zum Jade-Buddha-Tempel ein bisschen unordentlich und war für mich auch eine Wiederholung des schon gesehenen.

Dieser „Tempel der Drachenblume“ ist dem Maitreya-Buddha geweiht und der größte und älteste Tempel in Shanghai. Er ist an der längsten Stelle 194 Meter lang und etwa 40 Meter hoch. Der Tempel besteht aus fünf Hallen von denen die Halle mit den 500 goldenen, lachenden Buddhas besonders beeindruckend ist. Vor dem Pailou steht die im Jahr 977 während der Song-Dynastie erbaute Longhua-Pagode. Bereits um 242 wurde ein Tempel an der gleichen Stelle errichtet, der jedoch später zerstört wurde. Nahe beim Eingang steht der dreistöckige Glockenturm (Zhong Lóu), wo die 1894 gegossene, 3 Tonnen schwere Bronzeglocke an jedem Neujahrstag (1. Januar!) um Mitternacht 108 Mal angeschlagen wird, um die Sorgen der Menschheit zu vertreiben.


Sorgenfreiheit
Für 10 Yuan kann man bis zum Glockenturm hinaufsteigen und die Glocke anschlagen, aber nur dreimal. Nach buddhistischem Glauben soll der Glockenschlag von allen Sorgen befreien. Von wegen! Für alle Sorgen müsste man rechnerisch dann schon 360 Yuan aufwenden, und nur vertriebene Sorgen pflegen ganz schnell wieder zu kommen und unterwegs aufgesammelte Kollegen mitzubringen!

Tischmanieren
Ich verzichtete und radelte heim zu meinen Kollegen, mit denen ich mich zum Abendessen verabredet hatte. Wir suchten die von uns sogenannte „Villa“ auf, die nach umfangreichen Renovierungsarbeiten gerade frisch eröffnet hat. Durch gab es gutes Essen, auch optisch ansprechend dargereicht. Nicht ganz so billig, wie wir es sonst kennen. Bei meinem Besuch in Xiatiandi-Viertel hatte ich mit meiner Museumseintrittskarte eine sehr aufschlussreiche Broschüre auf Englisch über die chinesische Esskultur überreicht bekommen. Daraus möchte ich die wichtigsten Tafelsitten beschreiben, die gutes Benehmen signalisieren:
  • Lasse die Älteren sich zuerst bedienen.
  • Üblicherweise spricht der Gastgeber vor dem Essen ein paar Worte. Deswegen erst anfangen, wenn man sowas wie „Guten Appetit!“ auf Chinesisch gehört hat.
  • Lerne, wie man Stäbchen benutzt.
  • Das Essen wird von der einem am nächsten liegenden Stelle der Schüssel aufgenommen.
  • Nicht den Teller leeressen, wenn man satt ist, sonst erweckt man unhöflich den Eindruck, man habe nicht genug bekommen. Nur den Reis isst man vollständig auf, um damit den Bauern Chinas Respekt zu erweisen.
  • Der Gastgeber wird einem üblicherweise etwas zu essen auf den Teller legen. Dafür bedankt man sich, muss es aber nicht essen, wenn man schon genug gehabt hat.
  • Die eigene Schale hält man mit der linken Hand, sonst zeigt man, dass man mit dem Essen nicht zufrieden ist.
  • Man füllt die Tassen der anderen mit Tee oder einem anderen Getränk zuerst, bevor man sich selber nachschenkt.
  • Niemals zuviel Speise auf einmal aufnehmen.
  • Nicht mit den Stäbchen auf die Schüssel klopfen; das machen Bettler, die um Essen betteln.
  • Nie die Stäbchen senkrecht in die Reisschüssel stecken, denn das ist das Zeichen, dass dieser Reis den Verstorbenen geopfert werden soll und deutet auf den Tod der Anwesenden hin.
  • Nicht an den Stäbchen nuckeln.
  • Nie mit Stäbchen auf irgendjemanden zeigen.
  • Nie mit Stäbchen irgendetwas aufspießen.
  • Niemals sieben Speisen bestellen, denn das zeigt, dass jemand gestorben ist.
  • Nicht die Speisen von der Schüssel aufnehmen und direkt in den Mund führen, sondern sie werden zuerst in das eigene Schälchen gelegt.
So, wenn ich das jetzt stets beherrsche, kann bei Tisch eigentlich nichts mehr schiefgehen und mich als ungehobelt ausweisen.

Erkenntnis des Tages: Mit gutem Willen kann man sich schnell fremde Verhaltensweisen echt zueigen machen.