Mittwoch, 27. August 2008

Mein trauriger Tag


Heute Morgen erreichte mich die traurige Nachricht, dass meine Mutter gestorben ist. Sie ist 83 Jahre alt geworden und hat in diesem Jahr schon zwei Schlaganfälle erlitten, die ihre Lebensqualität beträchtlich verschlechtert hatten, nachdem sie bis dahin nur altersgemäße Einschränkungen hatte und sehr selbständig leben konnte. Am Tag meiner Abreise war ein dritter, schwerwiegender Schlaganfall dazugekommen, sodass mit ihrem Tod zu rechnen war. Wie schön, dass wir als Familie Anfang August nochmal ein ausgesprochen nettes Zusammentreffen bei ihr und sie mit uns erleben konnten.

Während meiner Vorlesung heute musste ich mich besonders konzentrieren und habe ansonsten den Tag mit Telefonaten nach Deutschland verbracht und dem noch vergeblichen Versuch, eine erneute Visumserteilung zur Wiedereinreise nach einem außerplanmäßigen Heimflug zu klären. Mein Maschinenbau-Professorenkollege würde meine Ausfallstunden übernehmen und ich diese nach Rückkunft wieder ausgleichen. Heute bin ich in der Hauptsache für mich ganz alleine geblieben und habe meine Gedanken sehr ausgiebig niedergeschrieben – sie gehören aber nicht in dieses Tagebuch.


Überprüfung der Luftstaubbelastung
Nach nur einem Tag klaren Wetters gestern hat der Himmel sich seinen Tribut an die menschliche Zivilisation wiedergeholt. Die Wolken sind kaum noch zu erkennen, schon wieder hat der permanente Smogschleier den Hintergrund in ein opakes bleigrau gehüllt. Noch hat man kilometerweite Sicht. Orientierungspunkt für mich ist die laut Google Earth genau 3,94 km Luftlinie entfernt liegende, von meinem Fenster noch beobachtbare oberste Kugel vom Oriental Pearl TV Tower in Pudong, die ich hinter Hochhäusern hervorlugen sehen kann.
Ich habe sehr günstig einen hier erhältlichen Hochleistungs-Laserpointer erworben, der mit frequenzverdoppeltem DPSS-Laser bei 532 nm grün leuchtet und mit dem ich selber im Versuch die Reichweite erprobe. Ich habe ein Fernglas gebraucht, um das erfolgreiche Auftreffen des Strahls auf der Kugel zu überprüfen. Aufgrund der Rayleigh-Streuung und der kurzen Wellenlänge, streut der Strahl ganz herrlich in der Luft. Damit kann ich jetzt mit sichtbarem Strahl beispielsweise auf Sterne am Nachthimmel zeigen.

Das Bild zeigt den sonst typischen Smogzustand, wo man den vom Volksplatz aus in 2,37 km Entfernung stehenden Turm in der Häuserschlucht gerade noch ausmachen kann. Diese 東方明珠塔 Dōngfāng Míngzhūtǎ „Perle des Ostens“ ist mit einer Höhe von 468 m der dritthöchste Fernsehturm der Welt und wird in Shanghai schon vom Shanghai World Financial Center (492 m, 101 Stockwerke) überragt.

Erkenntnis des Tages: Man findet auch inmitten einer brodelnden Stadt einen Ort der Ruhe, wenn man ihn braucht.

Dienstag, 26. August 2008

Ein ganz normaler Tag

Wo ich bin und wie ich Kontakt halte
Mein heutiger Tag war angefüllt von Vorlesungsvor- und -nachbereitungen, sodass ich eigentlich nur vom Weg zur Arbeit und vom Essen berichten kann. Weil in der Uni das Internet für mich noch nicht funktioniert und ich dabei bin, meine Vorlesung spontan umzustellen und zur Verbesserung des Verständnisse mit Bildern anzureichern, musste ich teilweise im Hotel und andererseits im deutschen Professorenbüro (Geografische Lage: Lat: 31° 12' 48,17'' N – Lon: 121° 27' 20,68'' E – Elv: 7 m aSL) im Campus arbeiten. Im Hotelzimmer funktioniert das Internet so leidlich, wie in Deutschland in großstadtfernen Landkreisen ohne DSL-Netz. Das chinesische Backbone besteht aus 7 Netzwerken, die nur in Peking, Shanghai, Guangzhou und Hong Kong internationale Anbindung mit gerade mal 36 Gbps in Spitzenzeiten haben; teilweise befinden sich die Netzbetreiber, die am Backbone der VR China peeren, noch immer unter staatlicher Kontrolle. Ob letzteres eine Auswirkung hat, kann ich nicht beurteilen.
Meine beiden Arbeitsorte liegen nicht weit voneinander entfernt – mit dem Fahrrad sind es längstenfalls 15 Minuten. Herrlicher Sonnenschein und vor allem eine ganz klare Luft heute morgen hätten niemanden vermuten erahnen lassen, was für ein Unwetter gestern herrschte.



Der Blick direkt aus meinem Hotelzimmerfenster (Geografische Lage: Länge: 121° 28' 02,95'' O; Breite: 31° 12' 51,62'' N; Höhe: 6 m ü. NN plus 11 Stockwerke) auf einen kleinen Ausschnitt der Skyline von Shanghai gefällt mir im Tag- und im Nachtdesign. Allerdings wird die bunte Illumination nachts bereits um 22.00 Uhr abgeschaltet. Und erst nach 06.00 Uhr morgens brodelt der Berufsverkehr wieder. Das New Yorker „The City that never sleeps“ gilt hier noch lange nicht.



Verkehrsführung
Zur Uni kann ich nicht auf dem kürzesten, direkten Weg fahren, weil hier bei wichtigen Straßen Einbahnverkehr gilt. Da das Straßennetz großenteils in etwa in Nord-Süd- und in Ost-West-Richtung verläuft und jede zweite Straße in die eine und die dazwischenliegenden Straßen in die entgegengesetzte Richtung führen, kann man sich gut orientieren. Das führt allerdings dazu, dass keine Buslinie auf dem Hin- und Rückweg die gleichen Straßen benutzen kann. Ich kenne zwar die Omnibuslinie 786 vom Hotel zur Uni (drei Haltestellen) und die Trollybuslinie 24 zurück (drei andere Haltestellen), aber das System habe ich noch nicht durchschaut. An fast jeder Haltestelle halten mindestens 8 Linien und weitere fahren durch. Alles ist zwar minutiös aufgeschrieben – an dieser Stelle leider ausschließlich auf Chinesisch. Dafür gibt es an den meisten Haltestellen und im Bus Flachbildfernsehschirme mit laufendem Programm und mit Werbung. Witzig finde ich, dass alle Busse Vorhänge vor den Fenstern haben; die modernen Stadtlinienbusse auch sehr leistungsstarke Klimaanlagen. Alle Busse sind aus chinesischer Produktion und tragen zum größten Teil mir unbekannte Herstellernamen. Genaugenommen kannte ich bisher nur Dongfeng als einen der weltgrößten Produzenten. Manchmal erkenne ich Kooperationsprodukte, z. B. mit Volvo; deren chinesische Tochter produziert die Marke Sunwin. Insgesamt lag die chinesische Produktion letztes Jahr bei fast 100.000 Einheiten mit 6 % Wachstum. Das PKW-Wachstum ist noch größer. Es fällt mir wunderbar angenehm auf, dass in kaum einer Straße Autos am Straßenrand geparkt sind – aber lang wird das sicher nicht mehr so bleiben. Auch die PKWs sind fast ausschließlich aus chinesischer (Ko-)Produktion. Allerdings, einen Porsche Carrera S (in weiß) und einen Maybach (lange Version in schwarz) habe ich auch schon gesehen.

Die Leute um mich herum
Nicht nur in Bussen findet man Reklame für alle möglichen Konsumgüter, sondern auch sonst auf Schritt und Tritt. Immer sind chinesische Menschen auf den Fotos zu sehen. Dagegen habe ich so gut wie gar keine Parteireklame oder rote Wandsprüche wie damals in der DDR zu Gesicht bekommen. Das äußere Leben ist total unpolitisch. Niemand trägt Mao-look. Shanghai (上海 shànghǎi = über (dem) Meer. Ein anderes Schriftzeichen für Shanghai: 沪, Aussprache hù, ist auf den Autonummernschildern zu sehen. Auch die Schriftzeichen 伤害 werden shānghài ausgesprochen, jedoch mit anderer Tonführung und bedeuten “Unheil”. Das sind Stolperfallen für unkundige wie mich.) liegt auf ca. 30° geografischer Breite, das ist auf Höhe der Kanarischen Inseln oder Kairos oder (auf der anderen Hemisphäre) Kapstadts. Deswegen ist es sehr warm und jeder läuft hier leger und leicht bekleidet herum. Bekleidungspolitisch sind die Menschen hier nicht von denen in den genannten Orten (von Kairo mal abgesehen) zu unterscheiden. Die Frauen machen sich chic – nicht alle, aber das ist sicher Geschmackssache und nicht Ideologie.
Alle Chinesen habe tiefschwarze Haare (Greise auch weißes Haar; im Stadtbild sind wenige Alte zu sehen) und sind kleiner als wir; Adiposität ist überhaupt kein Massenproblem; alle wirken richtig schlank. Die Frauen haben alle flache Brüste und flache Pos. Die normale chinesische Unterhaltungslautstärke liegt gefühlt 10 dB höher als bei Deutschsprechenden (das ist doppelt so laut). Das Schlimme ist, dass ich mich nur mit ganz wenigen Chinesen tiefgehender unterhalten kann; auch das Englisch (oder der Mut, es einzusetzen) der meisten Studenten, die ich treffe, hilft nicht weiter. Deswegen kann ich die Charaktere nicht einschätzen, sondern nur nach dem äußeren Anschein und dem Habitus urteilen. Sonst könnte ich mich auch mal von mir verständlich machen. Denn trotz der massiven Antirotzkampagnen gibt es noch viele Überzeugungstäter, die von der alten Gewohnheit nicht lassen (können). Auch in der Vorlesung stört sich niemand an geräuschvoller Nasenbefreiung (nach oben). Nach den Pekingern sind nun aber die Shanghaier dran, denn was vor 2008 im Norden für die Vorbereitung der Olympischen Spiele getan wurde, findet hier in Shanghai jetzt im Hinblick auf die Weltausstellung Expo 2010 statt.



Mit dem Rad zur Uni
Mein Weg zur Uni mit dem Fahrrad findet in der ehemaligen französischen Konzession unter dem Blätterdach von in allen Straßen angepflanzten Platanenalleen statt. Einbahnverkehr bedeutet, dass Autos, Busse, LKW und Motorräder auf der rechten Seite in die eine Richtung fahren und Fahrräder, (sanft knatternde) LPG-Roller, (lautlose von hintern überraschend vorbeibrausende) Elektroroller und schwer bepackte Dreirad-Lastenfahrräder in entgegengesetzter Richtung, ebenfalls auf der rechten Seite – oder auch nicht so streng beachtet. In der nächsten Parallelstraße ist es umgekehrt. Die Fahrgeschwindigkeit ist niedrig; im Notfall kann man fast immer gerade noch halten. Aber jeder überholt jeden so gut er kann und sucht sich seine Lücke, doch noch geschickt – und sei es von ganz links zum Rechtsabbiegen.

Über meine Beobachtungen beim Essen in der Mensa berichte ich ein anderes Mal.

Erkenntnis des Tages: Ganz normales Alltagsleben ist für mich noch längst nicht alltäglich, sondern aufregend, spannend und bemerkenswert.

Jetzt auch:
教授博士工程师洪彼得
jiàoshòu bóshìgōngchéngshī hóng bǐdé
Prof. Dr.-Ing. Hornberger, Peter

Montag, 25. August 2008

Tropische Taufe

Unwetter
Mein wichtigstes Tageserlebnis hatte ich bereits am frühen Vormittag hinter mir. Als ich um 6.00 Uhr aufstand lud mich der zwar trübe aber regenfreie Himmel ein, später mit dem Fahrrad zur Uni zu fahren. Ortstypisch hatte ich für meinen ersten Vorlesungstag kein Jackett und keine Krawatte, sondern nur ein kurzes Hemd, aber wenigstens doch eine lange Hose und Lederschuhe ausgewählt. Um halb acht, als ich dann losmusste, setzte ein unmittelbar über der Stadt ausbrechendes Gewitter mit heftigen Blitzen, Donnerschlägen und tropischem Wolkenbruch ein. Später wurde gesagt, es seit der Ausläufer eines Taifuns, von denen es im Oktober besonders viele gebe. Fahrradfahren war also undenkbar; ich zog meinen Regenschirm ganz tief, um meinen Laptop im Rucksack vor Nässe zu schützen. Bis zur Bushaltestelle versuchte ich noch um die immer tiefer werdenden Pfützen herum zu balancieren. Überall fing das Wasser an, sich zu stauen. Bei Ankunft des Busses war die Bordsteinkante unter dem Wasserspiegel nicht mehr zu erkennen. Die Reifen schoben eine spürbare Bugwelle vor sich her.



Nun musste ich doch mit einem beherzten großen Schritt einmal mit den Schuhen tief ins Wasser steigen. (Erstmalig hörte ich auch einen heftigen Streit zwischen einem Passagier und der Busfahrerin. Vermutlich, weil sie, wie alle anderen Busse, so weit von der Bordsteinkante weg anhielt, dass jeder der einsteigen wollte, nur watend zur Tür gelangen konnte. Was gesagt wurde, verstand ich natürlich nicht, aber es war ein gellend lautes Gekreische in extrem unterschiedlichen Tonlagen; schade, dass ich das nicht aufnehmen konnte). An der Uni angekommen, gab es keine Wahl des Weges mehr. Die Wassermassen konnten nicht schnell genug abgeführt werden. Jeder vorbeifahrende Bus erzeugte eine quer über die Straße rollende Bugwelle, der ich durch aufsteigen auf die Treppenstufe zu den (noch geschlossenen) Läden auszuweichen versuchte. Vergeblich. Dafür drang das Wasser in die Geschäfte ein. Das letzte Stück musste ich durch wadenhohes Fluten waten, wie alle anderen und meine Studenten auch. Ich war jedoch der einzige in Lederschuhen. Damit es nicht so laut schmatzte beim hin- und hergehen, hielt ich meine erste Vorlesung in Socken und am ganzen Körper nass. Darin unterschied ich mich in nichts von meinen Studenten. Mir ging es auch sehr gut, nachdem ich die Feuchte als gegeben hingenommen, akzepiert und gutgeredet hatte: es war ja angenehm warm und meine elektronischen Geräte waren schadlos geblieben. Bis zum Ende der Vorlesungsstunde hatte sich das Regenwasser übergangslos gegen Körperschweiß ausgetauscht.
Die Dekanin entschuldigte sich für das Wetter, als wäre Sie auch dafür verantwortlich. Seit Jahren habe es nicht mehr so heftig geregnet, wie heute morgen. Für mich war das ein sehr gut erinnerlicher Einstieg in meine neue Aufgabe.



Zum Ausgleich gab es am Nachmittag für jeden Gastprofessor ein paar praktische, weil wasserfeste Plastik-Clogs, die ich bei entsprechender Bedrohung anziehen werde. Nie mehr Lederschuhe – höchstens Sandalen.

Lectures
Besonders spannend war für mich, wie meine Studenten mich annehmen, verstehen und mit mir umgehen würden. Frau Prof. Sun, Direktorin der Abteilung Maschinenbau des Collegs, stellte mich den Studierenden sehr wortreich auf Chinesisch vor (auf Englisch erklärte sie mir, sie habe mich als „the famous Professor“ angekündigt).



Meine Studenten, 41 an der Zahl, können alle deutsch, und ich habe jeden verpflichtet, einmal in der Woche eine Frage auf Deutsch zu stellen oder auf die Fragen, die ich in den Raum stelle, auf Deutsch zu antworten. Durch das besondere Eingehen auf die Sprachmängel geht es etwas langsamer voran als in Deutschland, aber ich habe mehr Vorlesungssemesterstunden als in Hamburg zur Verfügung. Ein Beispiel: Als es um denkbare Fertigungsalternativen für die Herstellung der Mittelelektrode einer Zündkerze ging (das ist den Studenten in Deutschland ja zunächst auch noch sachfremd), musste wir zuerst klären, was eine Zündkerze ist.
Das funktionierte folgendermaßen: Das deutsche Wort Zündkerze geben die Studenten in ihr elektronisches Wörterbuch ein und erhalten dann die Übersetzung in chinesische Zeichen: Feuer-Blume-Stoß oder zünden-Feuer-Gerät, wobei Feuer-Blume der stehende Begriff für Flamme ist; unseren stehenden Begriff Zünd-Kerze muss man ja auch erst mal kennen und darf ihn ebenso wenig wörtlich nehmen. (Wie gut, dass heute nicht der Kotflügel dran war). Ihre Übersetzung haben sie dann als Feuerzeug identifiziert. Die allermeisten hatten in ihrem Leben noch nie eine Zündkerze in der Hand gehabt. Also, zuerst Begriffsklärung. Es wusste auch keiner, mit welcher Drehzahl ein Viertaktottomotor arbeitet (Leerlauf ab 700 U/min.; Fahrbetrieb 1500 – 5000; Formel1 bis 19.000) und wievielen Zündungen die Zündkerze ausgesetzt ist (1 x in 2 Umdrehungen). Mein Eindruck bei anderen Fragestellungen ist, dass das Denken in Plausibilitäten noch nicht schwerpunktmäßig eingeübt ist. Wenn der berühmte Professor ihnen etwas vorsetzt, wird es auswendig gelernt – es wird schon stimmen! Ich glaube, dass ich den Studenten schon an ersten Tag kognitive Aha-Erlebnisse vermitteln konnte. Auf meinem Weg in die Uni morgen werde ich bei einer der zahlreichen Bastelwerkstätten für Fahrräder und Mopeds am Straßenrand eine gebrauchte Zündkerze als Anschauungsmaterial mitbringen. Dann kann ich auch kurz etwas zu den Einstellungsfehlern sagen, die man u. a. am Abbrandverhalten der Mittelelektrode ablesen kann.

Mein Name
Am Nachmittag habe ich mit Xu Jingwei (sprich: Schö Jinwei, dessen Namen ich bis zum Eintreten meines Alzheimers nie mehr zu vergessen versprochen hatte) über chinesische Wörter und den Sprachaufbau (z. B. Zündkerze) gesprochen. Er hat mir einen chinesischen Namen nach chinesischer Denkweise verpasst. Nicht die Bedeutung ist dabei wichtig (also: Hornberger = der Mensch, der vom spitz aufragenden Berg oder der aus dem Ort Hornberg stammt), sondern der Klang der Silben: Hong Bei Grr. Da hinter gleichen Silben je nach Betonung und Schriftzeichen mehrere verschiedene Bedeutungen stecken, gibt es vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Mein Nachname heißt „hundertfache Überflutung“. (für Peter gibt es eine Standardübersetzung: Pei te = etwas Besonderes (an sich) tragen). Auf meinem Einwand, kein Chinese hätte einen mehrsilbigen Nachnamen, sind wir auf die Lösung Hong Pei te gekommen (Der Nachname steht immer an erster Stelle; Hong ist einer der 100 alten chinesischen Familien-Stamm-Namen und bedeutet Überflutung). Das passt so richtig zum heutigen Tag! Demnächst werde ich mir ein Siegel anfertigen lassen, dass hier oft Anstelle einer Unterschrift verwendet wird.

Erkenntnis des Tages: Von der Natur und von den Studenten und von Xu bin ich an meinem ersten Tag für mich eindrücklich eingewei(c)ht worden.

Sonntag, 24. August 2008

Sonntagsausflug

Am heutigen Sonntag gab es nochmal die Gelegenheit zur Kurzweil, bevor der Semesterbetrieb morgen früh um 8.00 Uhr startet. In Sichtweite von meinem Hotel aus steht die St. Peter’s Church, wo ich um 10.30 Uhr einem englischsprachigen Gottesdienst beiwohnen wollte. An anderen Sonntagen gibt es dort sogar Gottesdienst der Deutschsprachigen Christliche Gemeinde Shanghai. Wie für andere Europäer und Hong Kong-Chinesen gab es für mich enttäuschenderweise wegen der laufenden Renovierungsarbeiten in der Kirche heute jedoch keinen Gottesdienst. Ich werde mir übrigens noch anderswo Informationen über die Lage der Christen in China einholen.
Ich verlegte mich sogleich aufs Radfahren. Das ist etwas sehr angenehmes im topfebenen Shanghai, denn man kann in akzeptabler Zeit leicht jeden Punkt im erweiterten Innenstadtbereich ansteuern. Mein Ziel war der Yu Yuan, ein traditioneller Garten aus früheren Dynastien. Ich erreichte ihn auf lohnenden Umwegen, denn wenn mir etwas Interessantes ins Auge fiel, bin ich einfach abgebogen und habe geguckt, fotografiert und gefilmt.

Hier gehört noch ein Film-Clip hinein, den ich von meinen Fahrradkünsten im chinesischen Verkehr frei aus der Hand beim Fahren aufgenommen habe. Er lässt sich momentan nicht laden. Bitte Geduld.

Es gibt sie noch in erklecklicher Zahl, die Häuser Alt-Shanghais, mit engen Gässchen dazwischen und Markttreiben in jeder sich bietenden Nische und Menschen, Menschen, Menschen, die sich herumtreiben oder schaffen, vor sich hindösen oder laut herumschreien. (Nebenbemerkung: Neulich im Restaurant glaubte ich, gerade Zeuge einer sich heraufziehenden, richtig massiven Wirtshausschlägerei zu werden. Dann stellte sich heraus, dass da zwei Chinesen sich in nichts anderem als in landestypischer Lautstärke freundlich unterhielten).



Aber es ist menschenunwürdig und lebensunwert heruntergekommen in diesen auf dem Foto sich so malerisch und pitoresk darbietenden Häuschen; richtige Slums sind das in Wirklichkeit. Da kann ich verstehen, dass von offizieller Seite Abriss und Neubau die Mittel der Wahl sind. Die Heritage-Bewahrung lohnt sich nur bei wirklich erhaltenswerten Gebäuden.

Yu Yaun-Gärten und Basar
Das hätte man bei den Yu Yuan Gartenanlagen tun sollen, denn da ist zwar nichts alt, aber im alten Stil wieder aufgebaut, und mit ihren verschnörkelten Pagodendächern ist die große Anlage schön anzusehen. Mauern trennen den Garten in sechs Themenbereiche, wodurch ein Labyrinth entsteht, dass die Anlage noch größer erscheinen lässt. Ich habe mir den Taoistischen Tempel des Stadtgottes angesehen, der in der Ming-Dynastie als Sitz des Schutzpatrons von Shanghai galt. Eintritt 10,- Yuan, offiziell RMB = RenMinBi = Volksgeld genannt; Wechselkurs RMB:EUR 10:1. Die Kaufkraft ist geschätzt aber auch 10:1; dass heißt in Euro ist alles spottbillig zu haben. Andererseits, 10 Euro würden in Deutschland auch nicht viele für einen Kirchenbesuch ausgeben. Deswegen waren viele, aber sehr viel weniger Menschen dort in der großen Tempelanlage (früher umfasste sie den ganzen Garten!) als außerhalb. Ich habe viele Leute in Anbetung gesehen, die auch ihre Kinder dazu angeleitet haben, und es hat mich verwundert, wie religiös empfänglich die Menschen der kommunistischen Volksrepublik sind. Außerhalb, im offen zugänglichen schicken Riesen-Basarbereich, war die Anbetung des Konsums durch die Genossen (sagt man heutzutage nicht mehr!) noch offensichtlicher.

Ein Geschiebe und Gedränge, wunderschöne Angebote, von Souvenirs über herrliche Teesorten (die soviel kosten wie in Deutschland. Ich habe mich erst einmal damit eingedeckt; die kunstvolle, schöne, große Chinatasse dazu hat mich hingegen nur 20 RMB gekostet), bis zu traditioneller chinesischer Medizin, wenn auch zu überhöhten Touristenpreisen – und es gab deutlich erkennbar ganz viele chinesische Touristen und einige Europäer. Mehrfach schon habe ich in Läden Chinesen (Kunden) mit Chinesen (Verkäufern) radebrechen gehört, weil ihre Sprachen für die Shanghaier so unverständlich sind, wie mein deutsch. Das hat mich sehr ermutigt, mich mit Fingern und Zeigen verständlich zu machen, bis ich mal ein paar Brocken sprechen werden kann.

Ich war übrigens noch im größten Steingarten aus der Ming-Zeit (Eintritt 30 RMB; trotzdem viele interessierte Besucher), einer Nachbildung der Schluchten Südchinas aus grauem Jadegestein, das ganz schroff wirkt. Aber dort, wo durch vieles Anfassen oder Ablaufen die Oberfläche unbeabsichtigt schön glattpoliert ist, merkt man den besonderen Glanz dieses für die Chinesen wichtigsten Steins (der eben nur manchmal jadegrün ist). Ich hatte mich ins Klosterteehaus zurückgezogen, wo wegen der Teepreise nur ganz wenige Menschen waren und habe so anderthalb Stunden der Zeit der Stille ganz für mich gehabt.

Erkenntnis des Tages: Auch dort, wo die meisten Unterhaltung und Ablenkung haben wollen, kann man Nischen des Rückzugs finden.

P.S.: Das hochladen meines Blogs funktioniert zwar langsam aber zuverlässig. Mit meinem E-Mail-Versand und -Empfang habe ich beim Internet in meinem Hotel Probleme; in der Uni funktioniert es noch gar nicht. Ich bitte um Nachsicht.

Samstag, 23. August 2008

Stadtbesichtigung

Heute wurde ich aus dem Bett geklingelt, gerade rechtzeitig, um pünktlich, wie verabredet, mit meinen drei Professorenkollegen um 11.00 Uhr zu einer ersten Stadtbesichtigung aufzubrechen. Alle drei waren in früheren Jahren schon mal in Shanghai gewesen. Aber hier wird laufend soviel verändert, abgerissen und neu gebaut, dass die Ortskenntnisse nur für die grobe Orientierung reichten. So, als würde man nach zwei Jahren Abwesenheit in Hamburg durch die HafenCity führen wollen.
Bei abklingendem Regen, der die permanente Dunstglocke (hier die Messwerte: www.envir.on-line.sh.cn/eng/Airep/index.asp) über der Stadt auch nicht wegwaschen konnte, ging es zu Fuß durch die französische Konzession. Das ist unser Stadtviertel Lu Wan, das von den Franzosen vor ca. 100 Jahren begründet wurde und das in Zukunft nicht mehr, vom Modernisierungswahn getrieben, total mit Hochhäusern zugepflastert werden soll. Zum Ren-Min-Platz (= Volksplatz: Ren = Mensch; Min = zur Familie gehörig; Renmin = Volk) fuhren wir eine Haltestelle mit der U-Bahn-Linie 1.

U-Bahn-Verkehr
Im Vergleich zu Hamburg ist diese zwei Generationen moderner und zwei Größenordnungen gigantischer. Die unterirdische Umsteigeanlage ist unübersehbar riesig. Man erreicht die Stationen trotzdem sicher über Ausschilderungen, die überall chinesisch-englisch (lateinische Buchstaben) beschriftet sind. Das gilt auch für sämtliche Straßenschilder. Weil alles erst in den letzten wenigen Jahren mit unvorstellbarem Tempo so modernisiert wurde, gibt es einfach keine alten, noch nicht umgestellten Einrichtungen, wie bei uns in Deutschland. Deswegen fahren die Taxis alle mit GPS-Navigationsgeräten; alles ist kartographiert und digitalisiert – und frei erhältlich. Vor wenigen Jahren gab es drei U-Bahn-Linien, heute sind es acht.
Die einzelnen Durchgangs-U-Bahn-Waggons sind geschätzt doppelt mal so lang, wie die in Hamburg. Von denen sind acht Stück zu einem Zug zusammengestellt („Kurz“-Züge haben nur sechs Waggons). Die Bahnsteige sind so lang, dass es in Hamburg auf der U3 für den Abstand von zwei Innenstadt-Haltestellen reichen würde. Auf Stationen mit viel Publikumsandrang ist die Bahnsteigkante mit einer deckenhohen Glaswand gesichert. Die Züge halten so, dass die Türen der Waggons genau vor den Türen der Glaswand zu stehen kommen, und die dann gleichzeitig öffnen.



Es wird allerdings nicht gewartet, bis die Angekommenen ausgestiegen sind, sondern ein- und aussteigende Passagiere drängeln heftig aneinander vorbei. Man muss den ernsthaften Willen mitbringen, wirklich aussteigen zu wollen und sich dafür mit Körperkraft einsetzen, soll es gelingen. Auf der Hinfahrt erwischten wir eine halb leere U-Bahn, in der die Klimaanlage eine Saukälte erzeugte. Auf der Rückfahrt - es war inzwischen Samstagspätnachmittag - ging es gestopft eng zu, aber die Temperatur war angenehm auszuhalten. Auf der Hinfahrt war die Bahn lediglich auslegungsgemäß unterbesetzt gewesen.

Städtebauliches Wachstum


Am Peoples Square (Volksplatz) besuchten wir das Shanghai Urban Planing Exhibition, vergleichbar mit dem Schauraum des Hamburger Stadtplanungsamts in der Wexstraße oder der HafenCity-Ausstellung im Kesselhaus. Aber die Flächendimensionen und die aufgewandte Mühe für die Detailgenauigkeit unterscheiden sich fast proportional zur Einwohnerzahl (Hamburg: 1,7 Mio; Shanghai 18,4 Mio.). Über Geschichte und (nahe) Zukunft Shanghais wird noch zu berichten sein.

Menschen, Menschen, Menschen
Später wanderten wir bis zum Bund die östliche Nanjing Dong Lu entlang, das ist mit 10 Kilometern Gesamtlänge, trotz konkurrierenden Angebots in anderen Stadtteilen, die Shopping-Einkaufsstraße Shanghais schlechthin,. Der Bund ist die bekannte Uferpromenade mit ihrer hundertjährigen Prachttradition mit Blick auf den in wenigen Jahrzehnten hochgeschossenen Buisiness-District Pudong, der zehnmal größer als der Londons ist und als bekanntestes Wahrzeichen den Oriental Pearl TV Tower hat. Von dem erwarten sich die Stadtplaner eine weltweite Bekannt- oder noch besser Berühmtheit wie der Eifelturm mit Paris, das Opernhaus mit Sidney oder die Pyramiden mit Kairo in Verbindung gebracht werden.

Überall wimmelte es von Menschen (außer am Abend in unserem Viertel, wo es nach Feierabend erstaunlich – relativ – ruhig geworden war). Man hat richtig den Eindruck, ohne hautengen Personenkontakt fühle sich der Chinese (oder ist es der Shanghaier Großstadtmensch?) nicht wohl. Wie die Menschen hier privat leben, weiß ich noch nicht; stören tun sie sich jedenfalls nicht daran, in der Öffentlichkeit immer dicht an dicht zu sein. Das merkt man auch am Verkehrsgebaren, von dem ich heute nur ein Detail berichten will. An allen Ampeln in Shanghai startet über dem grün blinkenden Ampel-Männchen 15 Sekunden vor der Rotphase der gut sichtbare Countdown, der zum beschleunigten Freimachen der Fahrbahn aufrufen soll. Anschließend bewegen sich Fußgänger, Radfahrer, elektro- und erdgasgetriebene Rollerfahrer (Benziner habe ich kaum gesehen), Autos, Busse und Lastwagen trotzdem, um ein bisschen Wegevorrecht (auf Faustrechtsbasis) kämpfend, langsam weiter durch den Verkehr – ich habe mich da ganz schnell dran gewöhnt und es auch schon übernommen. Außer die Polizei guckt zu.

Erkenntnis des Tages: Virtual Privacy. Je mehr Menschen um einen herumwimmeln, desto egaler ist es, was die anderen von einem denken. Hat man keine äußere Intimsphäre zur Verfügung, schafft man sich einfach eine eigene, selbstgebastelte um sich herum.

Freitag, 22. August 2008

Der Vorbereitungstag

... an der Uni …
Heute war Vorbereitungstag an der Uni, wie wir es gestern Nachmittag schon praktiziert hatten. Ich bin jetzt mit Guthabenkarten für Mensa, öffentliche Verkehrsmittel und lokales Handy ausgestattet, ebenso mit einem Fahrrad, mit dem ich mit Spaß und an den lokalen Fahrstil angepasst mich durch den Verkehr (der einen eigenen Bericht wert ist) wühle. Der Druckertreiber ist installiert und funktionier, das WLAN nicht, und die deutschsprachige Fachliteratur, die meine Studenten in kleiner Zahl in der joint-college-eigenen Bibliothek werden ausleihen können, habe ich auch schon durchgesehen. Selbst der mir zugeteilte Assistance Professor steht schon fest. Nur der Hörsaal, wo ich kommenden Montag um 8.00 Uhr beginnen muss, sieht aus, als sei er im vergangen Semester nie aufgeräumt worden – gemach, gemach, das werde am Sonntag alles picobello hergerichtet.


Der Fuxing-Campus liegt mitten in der Innenstadt, 10 Radminuten oder drei O-Bushaltestellen von meinem Hotel an der zweiten Medizinischen Hochschule entfernt. Die Fuxing Zhong Lu ist eine der wichtigen Einkaufsstraßen der Stadt (dort, in einem Elektronikkaufhaus – vier Stockwerke voll mit Garagengroßen Basarständen unterschiedlichsten Elektronikangebots; die Chinesen lieben, wie ich, technischen Schnickschnack – habe ich mir ohne zu handeln meine neue, modernere Kamera gleichen Typs, wie meine kaputtgegangene, gekauft und trotzdem das Gefühl gehabt, nur die Hälfte vom Preis in Deutschland zu bezahlen). Auf dem Campus und in den Gebäuden, herrscht heftige Bautätigkeit, vor allem im Chinesisch-Britischen-Institut, das viel größer ist als das Deutsch-Chinesische. Niemand hat Sorge, dass bis zu deren Semesterbeginn in zwei Wochen nicht alles fertig sei, denn es ist üblich, dass in Chinas Großstätten an sieben Tagen in der Woche bis spät in die Nacht hinein gearbeitet wird. Die sehr zahlreichen Bauarbeiter für viele Handarbeiten schlafen und leben praktischerweise gleich auf der Baustelle und waschen und trocknen dort ihre Wäsche mitten im Baustaub.


… mit angenehmen Ausklang
Heute, am Vorabend des Semesterbeginns, waren meine Kollegen und ich von der Dekanin mit allen Mitarbeitern, die mit uns zu tun haben werden, schick zu Essen eingeladen gewesen.

Wie ich es hier schaffen soll, bis Dezember zehn Kilo abzunehmen, was ich meiner jüngsten Tochter Elisabeth vollmundig versprochen hatte, ist mir schleierhaft. Ich hoffe, ich bekomme mildernde Umstände zugesprochen. Natürlich sind auch die chinesische Küche und die Essensgepflogenheiten einen eigenen Bericht später wert.
Den Abend haben meine Kollegen und ich zur „Dienstbesprechung“ in einem unserer Hotelzimmer genutzt, wo wir uns gegenseitig ausgiebig zum Kennenlernen vorgestellt haben, und das auf gut deutsche Art bei mehreren Bieren – natürlich chinesisches Tsingtao píjiǔ, aus dem heutigen Qingdao, wo deutsche Brauer einst Ihre Kunst in das ehemalige deutsche Schutzgebiet Kiautschou mitgebracht hatten.

Erkenntnis des Tages:
Es lässt sich durchaus angenehm leben, wenn man einer erfüllenden Tätigkeit nachgeht, genug Geld zum Leben hat, die Sonne scheint und das Essen lecker schmeckt.

Donnerstag, 21. August 2008

Angekommen in China

Geographische Koordinaten: Länge: 121° 28' O; Breite: 31° 14' N
Datum/ Uhrzeit (der Notiz): 21. August 2008, 20. 53 Uhr (12:54 GMT)

Kleine Ausrede vorweg

Bevor ich meine Shanghai-Eindrücke berichte, muss ich noch eine kurze Erklärung abgeben: kaum gelandet, musste ich leider feststellen, dass meine Kamera ihren Geist aufgegeben hat. Deswegen kann ich leider keine (eigenen) Fotos und Filmsequenzen senden. Morgen werde ich mich mit der Metro Linie 1 von der Haltestelle Shanxinanlu aus drei Stationen in Richtung Süden auf den Weg machen bis zur Xuijiahui. Dort soll es ein technisches Kaufhaus geben – und wenn ich die passende Kamera gefunden habe, gibt auch was zu sehen. Weiter also mit reinem Text:

Flugerfahrung

Der Flug war lang (airborne um 17:39 MESZ; touchdown um 09:14 CST. Reisegeschwindigkeit über Grund zeitweise über 1050 km/h) und der Jetlag nicht angenehm. Dabei festgestellt: Lufthansa bietet neben anderen Destinationen in China täglich einen Flug nach Shanghai an, dreimal wöchentlich sogar zwei. Wieviele werden es sein, wenn die China Deutschland nicht nur als Exportweltmeister abgelöst haben wird? Es waren mehr Chinesen als Europäer und viele Familien (was vielleicht am Sommerferienende lag) mit zum Teil sehr kleinen Kindern an Bord. Trotz propagierter Ein-Kind-Familie hatten die Mütter mehrheitlich mehr als ein Kind in ihrer Obhut. Der Flughafen Pudong (PVG) hat eine immense Flächenausdehnung und weite, geräumige Abfertigungshallen, die sichtbar auf Wachstum angelegt sind – allein 31 Gepäckabfertigungsbänder gibt es. Erster überwältigender Eindruck war die schwüle Hitze, die mir beim meinem allerersten Schritt auf chinesischem Boden entgegenschlug. Dieser Eindruck verdoppelte sich 55 Minuten später, nachdem alle Flughafenformalitäten abgeschlossen waren, in gleicher Stärke noch einmal, nämlich als ich beim Verlassen des klimatisierten Terminals neben chinesischem Boden unter mir nun auch das Shanghaier Klima um mich herum hatte.
An der Passkontrolle wurde ich von Frau Junior Inspector ??? (Name unbekannt, ein Stern auf der Schulterklappe, Kennnummer 035667, bedient. Trotz freundlich gegrunzter Geräusche meinerseits, zeigte sie keinerlei Regungen. Da ich nach Abschluss dieser Behördengeschäfte zur Äußerung über den Grad meiner Zufriedenheit per Knopfdruck an einem plötzlich aufblinkenden Kästchen aufgefordert wurde, entschied ich mich zu einem „Satisfactory“, denn ich wollte der Karriere der jungen Dame nicht im Wege stehen. Als ich drückte, hatte das Blinken schon aufgehört, so dass ich bei meiner ersten Aktion im Reich der Milliarden Menschen vermutlich keine statische Relevanz zeigen konnte. Schade. Vielleicht hätte ja genau dieser „Schmetterlings-Flügelschlag“, chaostheoretisch gesehen, die ganze Welt umgekrempelt!

Ab nach Downtown

Frau Professor Sun und Herr Assistent ??? (hab‘ den Namen schon wieder vergessen, obwohl der gut deutschsprechende junge Mann mich den Nachmittag über intensiv betreute – ab morgen vergesse ich ihn ganz bestimmt nie wieder; Ehrenwort) holten uns ab. Übrigens, in China heißen sowieso fast alle Li oder haben einen der anderen 20 sehr häufig vorkommenden Familien-(eigentlich Clan-)namen (von ca. 700 insgesamt). Ganz wichtig ist den Chinesen, dass sie stets ihr Gegenüber mit seiner hierarchischen Funktionsbezeichnung ansprechen und selber auch so angesprochen werden. Herr Fahrer Li (oder anders) bewies uns, dass man echte Zehntel gewinnen kann, wenn man in einem Land fährt, wo auf mehrspurigen Straßen wild rechts und links überholt wird. Der Olympische Geist („der Silbermedalliengewinner ist der erste Verlierer“) beherrscht eine ganze Nation! Vermutlich musste er seine Existenzberechtigung im Wettbewerb zur Maglev belegen, das ist die von deutschen Konsortien gelieferten Magnetschwebebahn, die auf langer Strecke exakt parallel zu unserer Autobahn verlief. Ich wäre ja lieber mit der Maglev gefahren und hätte gerne diese Erfahrungen mit meinen in Deutschland gesammelten verglichen, wo ich einmal die M-Bahn in Berlin benutzte, die dort nach der Wende kurz eingesetzt war und eher wie eine rumplige Straßenbahn kurz vor der Ausmusterung daher kam und ein anderes Mal mit dem Transrapid auf der Versuchsstrecke im Emsland eine kurze Probefahrt unternahm. Nun werde ich einen Ausflug nur zum Maglevfahren machen müssen. Obwohl diese und andere Verkehrsbauten in den letzten 15 Jahren massenhaft Beton verschlungen haben, wirkt es nicht wie eine Verschandelung der Natur; lediglich der Dreiklang „Höher, schneller, weiter“ fällt einem mit aller Mächtigkeit wieder ein. Selbst die Autobahnmittelstreifen wirken, als seien sie die Schau-Außenanlage des chinesischen Pendants zum Garten von Ehren. Es wachsen da, wohl geordnet und mitten in der Vegetationsperiode makellos beschnitten, gehegt und gepflegt Dattelpalmen, Strelitzien, Kirschlorbeer und andere Pflanzen, die wir bei uns zuhause im Winter reinholen müssen.
Leider überflällt mich jetzt die Müdigkeit so sehr, dass ich den Bericht von den kleinen, nützlichen Kärtchen und den Randnotizen während eines opulenten Nachtmahles auf morgen verschieben muss.